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Alexander Ejume ist gerne Busfahrer. Er gibt seinen Fahrgästen ein Lächeln mit auf den Weg. Foto: Schepp

Mensch, Gießen

Gießener Busfahrer sorgt stets für gute Laune

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Mit dem Bus in Gießen von A nach B gefahren zu werden, kann gute Laune machen. Dann nämlich, wenn Alexander Ejume am Steuer sitzt. Ein Porträt des Mannes mit der Fliege.

Es ist früh am Tag, es wird gerade erst hell. Vor den Schülern liegt ein langer Unterrichtstag. Die Stimmung im Bus könnte besser sein. Alexander Ejume sieht das. Er greift zum Mikro. "Guten Morgen, meine Lieben, wie geht es euch?" Gemurmel im Wagen. "Hey, ich weiß. Das Wetter ist schlecht, ihr seid nicht gut drauf, aber der Tag kann trotzdem schön werden".

Dann beginnt Ejume zu singen. Er improvisiert. "When you are happy, you clap your hands, you move your legs…" Und lächelt dieses Lächeln, das sein ganzes Gesicht erfasst und alle dazu bringt, ihre Mundwinkel nach oben zu ziehen. Ein cooler Typ, dieser Busfahrer. Die Schüler mögen ihn, weil er immer gute Laune hat.

Aber Ejume geht es um mehr als ein bisschen Quatsch am Morgen. Der 55-Jährige hat bei seinen kleinen Showeinlagen einen Plan. "Es ist unsere Aufgabe, die Kinder in eine gute Zukunft zu begleiten. Ich möchte, dass sie ihr Herz und Hirn öffnen, um Neues lernen zu können", sagt er. Das könne man nicht, wenn man keinen Bock habe und mies drauf sei. Er weiß das, weil er selbst fünf Kinder hat. Ejume weiß es aber auch von sich selbst. Seine Kindheit und Jugend in Kamerun waren nicht leicht, er bekam selten die Zuwendung, die ein Kind sich wünscht. Der Vater war Geschäftsmann und oft unterwegs. Alexander war eines von vielen Geschwistern, er verbrachte häufig Zeit bei Verwandten. Doch er biss sich durch, studierte und wurde Ingenieur, eine Zeitlang war er in großen Firmen der Petrochemie beschäftigt. "Ein harter Weg ist auch ein guter Weg, er macht mutig und empathisch", meint er.

Einige Jahre lebte er - ebenso wie einige Geschwister - in den USA, doch der ewige Wettkampf, das "höher, schneller, weiter" war nichts für ihn. "Es geht immer nur um die Mehrung des materiellen Wohlstandes, das gibt es zwar hier auch, es ist aber nicht so ausgeprägt". Europa sagte ihm mehr zu, erst recht, als er die Künstlerin Ithes Holz aus Gießen kennenlernte. Das Paar heiratet im Jahr 2000. Sie gründen gemeinsam "Amue Gießen", einen "Freundschaftsverein für Hilfe zur Selbsthilfe und Deutsch-Kamerunischen Kulturaustausch". Ithes Holz war nicht nur in der heimischen Kunstszene bekannt, sie hatte zeitweise eigene Ateliers und zudem Lehraufträge an den Universitäten Frankfurt und Gießen und an der Gesamthochschule Kassel. Gemeinsam geht das Paar auf familiäre Spurensuche in Kamerun, Ithes Holz verarbeitet Fundstücke wie Samen und Gräser in ihren Werken.

2014 starb sie überraschend im Alter von 60 Jahren - kurz bevor sie künstlerisch noch einmal durchstarten wollte. "Es kam ganz plötzlich", sagt Ejume. Ein Schatten gleitet über sein Gesicht, und er wechselt das Thema. Während die Familie früher in Lahnau gelebt hat, wohnt der Witwer heute mit dreien seiner Kinder in Gießen.

In den ersten Jahren in Deutschland arbeitete Ejume in seinem Beruf als Ingenieur. 2011 wechselte er zu "MitBus". Dort fühlt er sich sehr wohl, er schätzt die Gemeinschaft der Kollegen und die Fairness des Chefs. "Besser geht es nicht", sagt Ejume. Zudem ist er leidenschaftlich gerne Busfahrer. Auch wenn die Zeit zu kurz ist, um mit den Fahrgästen ins Gespräch zu kommen, so nutzt er doch die Begegnungen, um den Menschen ein Lächeln zu entlocken. "Das wirkt wie ein Sonnenstrahl an einem trüben Tag".

Für ihn ist das wichtig, weil es Wertschätzung bedeutet. Und weil es den Menschen hilft, zu sich selbst zu finden, ist er sicher. "Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit, die einen dazu bringt, in sich hineinzuhorchen". Seine Wurzeln, erläutert er, liegen in seiner Religion. Sein Glaube an Gott und Jesus Christus hätten ihn reflektierter und selbstsicherer gemacht. Freundlich zu anderen zu sein und ihnen fröhlich zu begegnen, betrachtet er als seinen Auftrag auf dieser Welt. Es ist seine Lebensphilosophie.

"Hallo. 2,30 Euro. Danke, bitte, Tschüss". Mit diesen knappen Worten kann ein Busfahrer auch seinen Alltag verbringen, schließlich hat er keine therapeutische Funktion. Aber Spaß macht das sicher nicht, meint der 55-Jährige. Er dränge keinem Fahrgast ein Gespräch auf, aber er sei immer höflich und lade den anderen zu einem Lächeln ein.

Dass Ejume in den meisten Fällen ein Lächeln zurückbekommt, kann beobachten, wer mit ihm unterwegs ist. Grüßend und lachend hebt er die Hand, wenn Kollegen in anderen Bussen entgegen kommen, fröhlich winkt er Fußgängern oder Radfahrern zu. Seine älteren Fahrgäste hat er besonders gern. Er schaut genau hin, ob sie mit ihrem Rollator gut ein- und aussteigen können, er hilft ihnen mit dem Wechselgeld und macht seine Scherzchen mit ihnen. "Die alten Leute haben dieses Land aufgebaut, wir alle haben ihnen viel zu verdanken", sagt er. "Das darf man ihnen auch ruhig zeigen."

Also rundum alles harmonisch? Nein, natürlich nicht. Ein dunkelhäutiger Fahrer kennt auch rassistische und diskriminierende Sprüche. Es kommt schon mal vor, dass einer "Neger" oder "Affe" ruft. Ejume fasst sich ans Herz. "Natürlich schmerzt das". Aber man müsse sich klar machen, dass der Verstand dieser Menschen unterentwickelt sei, es fehle ihnen etwas. Nicht darauf zu reagieren sei meist besser, als es auf eine Eskalation hinauslaufen zu lassen. Diese armseligen Menschen, ist er sicher, hätten mit ihrem inneren Teufel zu kämpfen. "Aber auch in ihren Herzen gibt es eine Ecke, wo Liebe ist", sagt er. Die Rassisten seien zum Glück Ausnahmen, die meisten seiner Fahrgäste seien freundliche Menschen.

Busfahrer, findet Ejume, brauchen unbedingt ein Kontrastprogramm. Das viele Sitzen tue niemandem gut. Deshalb ist er in seiner Freizeit viel in Bewegung. Im Nebenjob betätigt er sich als Gartengestalter. Er liebt die Natur, und er liebt es, die Kunstwerke, die sie hervorbringt, in harmonischer Weise zu arrangieren. Mit Steinen, Gräsern, Blumen, Bäumen und Wasser könne man viel ausdrücken. "Man kann etwas Wildes, Dschungelartiges schaffen, und man kann sich an klare Strukturen halten - der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt", erklärt er.

Apropos Kreativität. Vor Jahren hat er sich entschieden, statt einer Krawatte eine Fliege zu tragen. Sie ist sein Markenzeichen geworden, sie symbolisiert seine Vorliebe für Außergewöhnliches. Wenn der Busfahrer mit dem blütenweißen Hemd und der Fliege im Morgengrauen die Schüler an den Haltestellen einsammelt, sind das gute Vorzeichen. "Come on. Es wird ein schöner Tag, auch wenn ihr das jetzt nicht glaubt…"

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