Mit Erkältungssymptomen mal eben so in der Praxis vorbeischauen - das sehen auch Gießener Ärzte nicht gerne. Stattdessen wird um eine telefonische Anmeldung gebeten. FOTO: SCHEPP
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Mit Erkältungssymptomen mal eben so in der Praxis vorbeischauen - das sehen auch Gießener Ärzte nicht gerne. Stattdessen wird um eine telefonische Anmeldung gebeten. FOTO: SCHEPP

Mehr Patienten erwartet

Gießener Arztpraxen stellen sich auf Corona-Herbst ein

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Für die einen ist der Herbst die Jahreszeit der bunten Blätter, für die anderen die der Triefnasen. Auch die Gießener Arztpraxen müssen unter erschwerten Bedingungen im Zuge der Corona-Pandemie in die ohnehin schon fordernde Erkältungszeit gehen.

Die junge Gießenerin hatte sich mit Erkältungssymptomen bei ihrem Hausarzt telefonisch angemeldet. Der bestellte sie gleich am selben Tag in die Praxis ein - oder besser gesagt vor die Praxis. Zusammen mit einigen weiteren Patienten wartete sie auf dem Hof darauf, dass der Mediziner unter freiem Himmel eine Anamnese und anschließend einen Corona-Test vornahm. Sie sagt: "Jetzt war es sonnig. Aber wie soll das funktionieren, wenn es regnet und kalt wird?" Die Herbstzeit wird für die meisten Arztpraxen eine Herausforderung. Müssen sie zu dieser Jahreszeit sowieso schon viele Atemwegserkrankungen behandeln, wird die Lage wegen der Corona-Pandemie zusätzlich erschwert.

Das von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen geleitete Corona-Testcenter in der Sporthalle an der Automeile soll bis Ende Oktober bleiben; die vom Gesundheitsnetzwerk der Gießener Hausärzte (GNGH) betriebene Schwerpunktpraxis hingegen befindet sich wegen der niedrigen Zahl von Covid-19-Erkrankungen seit Juli im Ruhemodus. Seitdem werden Patienten mit Atemwegserkrankungen wieder vermehrt auch in den Praxen untersucht.

Besondere Sprechzeiten

Tobias Miklody ist Allgemein- sowie Arbeitsmediziner und im GNGH aktiv. "Wir haben besondere Sprechzeiten, um Patienten voneinander zu trennen", sagt er auf Anfrage dieser Zeitung. "Das bedeutet für uns aber auch, dass wir täglich ein bis zwei Stunden länger arbeiten." Die Ärzte und Arzthelferinnen tragen dabei konsequent ihre Masken und im Kontakt mit potenziell infektiösen Patienten auch ihre restliche Schutzkleidung - den Mund- und Nasenschutz auch im Umgang mit Patienten ohne Verdacht auf eine Atemwegserkrankung. In diesem Zusammenhang wirbt Miklody um Verständnis bei den Patienten, weil es vermehrt zu Wartezeiten kommen kann. "In der Infektsprechstunde desinfizieren wir nach jeder Behandlung und müssen zum Lüften längere Pausen machen", sagt er. Miklody betont aber auch: "Wenn die Infekte insgesamt aber wie erwartet zunehmen, wird es kritisch, dies aufrechtzuerhalten."

Witold Rak ist Allgemeinmediziner in Gießen und Sprecher des GNGH. Seine Kollegen und er spürten momentan die Angst vieler Patienten mit Symptomen einer Atemwegserkrankung: Ist es nur ein banaler Infekt oder das Coronavirus? Diese Frage würde viele Betroffene umtreiben - und verunsichern.

Schwerpunktpraxis im Ruhemodus

Deshalb appelliert er, sich bei einer Infektion der Atemwege zurückzuziehen - und telefonisch den Hausarzt zu kontaktieren. Wichtig bleibe es, Übertragungsketten zu unterbrechen. Das gelte ebenso bei einem "banalen Infekt". Miklody ergänzt: "Vonseiten der Arbeitgeber wird das nicht nur verstanden, sondern es ist in der Regel auch gewünscht." Der umsichtige Umgang bereits mit einer normalen Erkältung habe auch dafür gesorgt, dass die Zahl der Infekte im Frühjahr zurückgegangen sei, sagt Rak.

Schon jetzt ist der Umgang mit der Trennung der Patienten von Praxis zu Praxis unterschiedlich. Rak betont, dass die Mediziner wegen zum Teil beschränkter räumlicher Kapazitäten bei der Organisation ihrer Praxis improvisieren müssten. Sein Kollege Miklody geht davon aus, dass dies auch der Fall sein wird, wenn das Wetter schlechter wird. "Das wird spannend", sagt er, "denn die Patienten können dann nicht mehr vor der Praxistür warten." Flexibilität sei das Zauberwort - auch was die seit Juli im Ruhemodus befindliche Schwerpunktpraxis an der Automeile angeht.

"Wir befinden uns in enger Abstimmung mit der Kassenärztlichen Vereinigung, der Stadt und dem Gesundheitsamt des Landkreises", sagt Rak. "Alle Kollegen im Netzwerk arbeiten im Hintergrund zusammen, und sollte es die Situation erfordern, suchen wir gemeinsam mit dem Landkreis und der KV eine Lösung."

Denn nur ein Testcenter alleine kann nach Ansicht der beiden Ärzte keine Lösung sein. Es gebe Patienten, die mit dem Coronavirus infiziert sind, aber mehrere Tests negativ ausgefallen seien, betont Rak. "Der ärztliche Kontakt und die körperliche Untersuchung ist durch ein alleiniges Ergebnis eines Corona-Abstrichs ist nicht zu ersetzen."

Schwerpunktpraxis

Im April war die vom Gesundheitsnetzwerk der Gießener Hausärzte geleitete Schwerpunktpraxis am Testcenter der Kassenärztlichen Vereinigung eröffnet worden. Ziel dieser Einrichtung war es, die Arztpraxen zu entlasten und den Medizinern zu helfen, Corona-Verdachtsfälle von den übrigen Patienten zu trennen. Synergieeffekte sollte es außerdem bei der Bereitstellung der Schutzkleidung geben. Nach mehreren Monaten zogen die Verantwortlichen ein positives Fazit.

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