Mira Sellheim hilft häufig anderen Menschen. Sie hat am eigenen Leib erfahren, wie wichtig das sein kann. FOTO: SCHEPP
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Mira Sellheim hilft häufig anderen Menschen. Sie hat am eigenen Leib erfahren, wie wichtig das sein kann. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Gießener Apothekerin: Frohnatur trotz Schicksalsschlägen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Mira Sellheim ist ein Herz von einer Apothekerin. In ihrem Geschäft am Ludwigsplatz versprüht die Gießenerin Empathie, Witz und Lebensfreude. Und das, ob wohl sie in ihrem Leben schon viele Schicksalsschläge einstecken musste. Oder gerade deswegen?

Es kommt vor, dass sich demente Menschen etwas verloren auf der Bank in der Apotheke am Ludwigsplatz wiederfinden. Senioren, die von zu Hause ausgebüchst sind und deren Kompass sie schnurstracks zu Mira Sellheim geführt hat. Das hat zwei Gründe: Zum einen gibt es die Apotheke schon seit 60 Jahren, sie ist eine Institution in der Stadt. Zum anderen sorgt Inhaberin Mira Sellheim dafür, dass sich die Menschen hier wohlfühlen. Sie ist freundlich und humorvoll, widmet ihren Kunden Zeit und bringt die Medikamente auch mal nach Hause, wenn die Beine der Kunden nicht mehr richtig wollen. "Wir kennen unsere Stammkunden natürlich und sagen dann bei den Angehörigen Bescheid", versichert die Gießenerin, die die Apotheke schon seit fast 30 Jahren leitet. In dieser Zeit hat sie viele berufliche Krisen gemeistert. Vor allem aber persönliche.

Es gibt viele Lokalpatrioten. Und dann gibt es Mira Sellheim. Über ihre Heimatstadt Mainz sagt sie voller Überzeugung: "Die schönste Stadt des Universums." Zu diesem Urteil kommt die 57-Jährige weniger aus ästhetischen Gründen. "Es gibt in Mainz zwar viele schöne Ecken, aber die Stadt ist wie Gießen im Zweiten Weltkrieg stark zerbombt worden." Vielmehr meint sie das Lebensgefühl in der Karnevalshochburg. Die Herzlichkeit der Menschen, die vielen Weinstuben, das Leben am Rhein. "Einfach toll", schwärmt die Apothekerin. Dabei ist sie nicht einmal in Mainz geboren.

Auf die Welt kam Mira Sellheim in einem Dorf bei Kirchhain. Doch als sie zwei Jahre alt war, starb der Vater. "Meine Mutter war gebürtige Mainzerin. Sie ist daher aus rein praktischen Gründen mit mir und meiner kleinen Schwester in ihre Heimat zurückgekehrt."

Auch wenn der Auslöser tragisch war, sollte sich der Umzug für Mira Sellheim als Glücksfall erweisen. Zu verdanken hat sie das vor allem ihrer Mutter. "Sie war einfach großartig", sagt die 57-Jährige und erzählt, dass die Mutter nicht nur ihre beiden Kinder alleine großgezogen habe, sondern auch eine Umschulung gemacht und sich zur Lehrerin ausbilden lassen habe. Ein Haus habe sie für die Familie nebenbei auch noch gebaut. Und trotz der Mehrfachbelastung und den mitunter schwierigen finanziellen Verhältnissen habe sie dafür gesorgt, dass ihre Töchter eine schöne, unbeschwerte und idyllische Kindheit hatten. "Meine Mutter hat einfach Irrsinniges geleistet", sagt Sellheim voller Anerkennung.

Kinder haben häufig abenteuerliche Berufswünsche, die mitunter täglich wechseln können. Sellheim hingegen wusste schon als Zwölfjährige genau, was sie werden wollte. "Dabei kannte ich gar keinen Apotheker." Womöglich ist Erich Kästner nicht ganz unschuldig an ihrem weiteren Lebensweg. Sellheim erzählt lächelnd, dass sie als Kind von der Gesichte des "35. Mai" fasziniert gewesen sei. "Dort gab es einen Jungen, der jede Woche seinen Onkel besucht hat, der Apotheker war. Der war sehr aufgeschlossen und interessiert an neuen Dingen."

An der Universität in Mainz lernte Sellheim nicht nur die Pharmazie besser kennen, sie traf auch auf ihren künftigen Ehemann, dessen Vater schon damals die Apotheke am Ludwigsplatz leitete. Und so ging das Paar nach dem Studium nach Gießen. Während er die Apotheke des Vaters übernahm, fing sie in der Hardt-Apotheke als angestellte Apothekerin an zu arbeiten. "Wir wollten nicht den ganzen Tag aufeinanderhocken", erklärt Sellheim die Entscheidung. Für das Jahr 1994 nahm sich das Paar fiel vor. "Mein Mann wollte die Inneneinrichtung am Ludwigsplatz umbauen, und ich habe zum 1. Januar 1994 das Geschäft in der Weststadt übernommen", erzählt Sellheim. Die Pläne für die Zukunft waren geschmiedet - bis Dr. Michael Sellheim am einem Junimorgen im Jahr 1994 nicht mehr aufwachte.

Mira Sellheim hat ihren Ehemann an ihrem dritten Hochzeitstag beerdigt. Der Tod kam völlig überraschend. Michael war erst 38 Jahre alt. "Das war für mich, als ob ein Eimer Polarmeer über mir ausgeschüttet worden wäre", sagt Sellheim. Auf den Schock folgte tiefe Trauer. Und die Erkenntnis, dass ihre Lebensplanung keinen Bestand mehr hatte. Doch die damals 31-Jährige ließ sich nicht unterkriegen. Tagsüber arbeitete sie weiter in ihrer Hardt-Apotheke, abends und nachts kümmerte sie sich um die Buchhaltung und die Sanierung am Ludwigsplatz. "Das war eine harte Zeit", sagt Sellheim und erzählt, dass ihr nicht nur einmal die Tränen gekommen seien, als sie die Unterlagen mit der Handschrift ihres Mannes durchforstet habe. Trotzdem will sie nicht, dass der Tod ihres Mannes ihr ganzes Leben bestimmt. Ich will kein Mitleid erregen. Schlimme Dinge passieren anderen Menschen auch." Nach einer kurzen Pause fügt die Gießenerin hinzu: "Wir hatten uns. Und wir hatten ein schönes Leben. Wenn auch leider nicht so lange."

Sellheim hat diesen Schicksalsschlag gut verkraftet, weil sie nicht alleine war. "Ich habe wunderbare Freunde, die mir sehr geholfen und mich aufgefangen haben. Und das möchte ich jetzt weitergeben." Die Gießenerin hat nicht nur ihren Schwiegervater und ihre Mutter bis zum Ende gepflegt, sondern kürzlich auch die Ehefrau des Mannes, von dem sie einst die Hardt-Apotheke gekauft hat. "Ich habe sie jeden Abend nach der Arbeit im Hospiz besucht. Ich wollte für sie da sein. Wie damals andere für mich da waren."

Der Tod hat die 57-Jährige also von kleinauf begleitet. Und auch in ihrem Beruf nimmt er eine zentrale Rolle ein. "Wir begleiten Menschen in ihrer letzten Lebensphase.Und wir fangen die Angehörigen auf, reden mit ihnen. Wobei zuhören wichtiger ist als reden."

Das Leben von Sellheim war sicherlich nicht immer leicht. Trotzdem wirkt die Gießenerin wie eine glückliche und gesellige Frau, die gerne lacht. "Das stimmt auch", sagt die Gießenerin. Sie engagiert sich zum Beispiel bei den Soroptimistinnen. Der Serviceclub war es, der ihr nach dem Umzug von Mainz ein neues Heimatgefühl vermittelte. Natürlich ist auch ihr Lebenspartner, mit dem sie bereits seit 24 Jahren zusammen ist, ein bedeutsamer Grund, warum die 57-Jährige aus voller Überzeugung sagen kann: "Ich bin ein glücklicher Mensch."

Das liegt auch an ihrer Familie. Sellheim liebt ihre Nichten und ist stolz, was sie geleistet haben. Vielleicht erzählt sie ihnen ab und an auch etwas über ihre eigene Tante. "Die jüngste Schwester meines Vaters ist tatsächlich in Gießen geboren und war in ihrer Zeit eine sehr bekannte Schauspielerin. Sie war die Chefsekretärin Frl. Sauerberg in der legendären Hesselbach Serie."

Sellheim ist Mitglied des Arbeitskreises Gießener Apotheken, im Vorstand des hessischen Apothekerverbandes und in der Kammer aktiv. In ihrer Apotheke hilft sie aber nicht nur bei körperlicher Gebrechen. Für eine ältere Bewohnerin des Dachcafé-Hochhauses nehme das Team zum Beispiel regelmäßig das Essen-auf-Rädern an. "Wir haben auch einen Kunden, der nicht lesen und schreiben kann. Da helfen wir auch schon mal bei den Unterlagen für das Amt."

Es hat also viele Gründe, warum die Stammkunden ihre Apothekerin so schätzen. Und ihre Treue half auch nicht nur einmal dabei, schwere Krisen zu meistern. Zum Beispiel, als das Hochhaus-Gebäude vor gut zehn Jahren saniert wurde und die Apotheke über Monate hinter einem Bauzaun und somit aus dem Blickfeld der Gießener verschwand. Die Folgen der Corona-Pandemie habe den Betrieb ebenfalls getroffen, sagt Sellheim. "Aber wir haben auch das überlebt."

Die Gießenerin ist durchaus stolz, ihr Geschäft unbeschadet durch diese stürmischen Zeiten manövriert zu haben. Zumal in den vergangenen Jahren viele Apotheken die Segel streichen mussten. Deshalb ist es zwar ärgerlich, dass die für Juli geplante Feuer zum 60. Geburtstag der Apotheke wegen Corona ausfällt. Aber auch nicht weiter tragisch. Wenn Mira Sellheim so weiter macht, wird es noch viele weitere Anlässe zum Feiern geben.

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