Dagmar Nautscher ist eine erfahrene Strafverteidigerin. FOTO: SCHEPP
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Dagmar Nautscher ist eine erfahrene Strafverteidigerin. FOTO: SCHEPP

"Mord verjährt nicht"

Gießener Anwältin erklärt, wie man einen Mörder verteidigt

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Wer einen anderen Menschen ermordet, muss mit der ganzen Härte des Gesetzes und einer lebenslangen Haftstrafe rechnen. Dagmar Nautscher aus Gießen ist eine erfahrene Strafverteidigerin. Sie sagt: Gutachten über die Frage der Schuldfähigkeit spielen deshalb eine zentrale Rolle bei der Höhe der Strafe.

Bei den meisten Straftaten wird das frühe und schonungslose Geständnis eines Angeklagten zu seinen Gunsten gewertet und bei der Frage nach der Strafhöhe mit einbezogen. Nicht so bei einem Mord: Anwälte raten ihren Mandanten in der Regel, nicht zu früh eine solche Straftat zuzugeben. Denn dann müssen sie mit einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe rechnen. Dagmar Nautscher ist eine erfahrene Strafverteidigerin. Die Gießenerin sagt: Zentral bei der Höhe des Strafmaßes ist die Frage nach der Schuldfähigkeit. Doch die Hürden für eine mildere Strafe wegen einer verminderten Schuldfähigkeit werden immer höher, betont die Juristin.

Differenzierte Mordmerkmale

Der Mordparagraf 211 im Strafgesetzbuch ist kurz und prägnant. Dort heißt es im Absatz 1: "Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft." Dies bedeutet in Deutschland einen Freiheitsentzug auf unbestimmte Zeit - und nicht 15 Jahre, wie manche glauben. Es ist aber so, dass frühestens nach 15 Jahren die Strafe auf Bewährung ausgesetzt werden kann. In solchen Fällen ist die Bewährungszeit, in der sich der Täter nichts zu Schulden kommen lassen darf, auf fünf Jahre festgelegt. In Absatz 2 von Paragraf 211 werden die sogenannten Mordmerkmale definiert. "Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet", heißt es dort.

Das Gericht kann im Urteil auch die besondere Schwere der Schuld feststellen; dann ist in der Regel eine Strafaussetzung zur Bewährung erst nach 25 Jahren möglich. Ebenfalls im Urteil kann das Gericht auch die Maßregel der Sicherungsverwahrung anordnen, die nach Verbüßung der Freiheitsstrafe vollstreckt wird. Dies kann zu einem Freiheitsentzug bis zum Tode führen.

"Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft", heißt es im Paragraf 212, der sich mit dem Totschlag befasst. In besonders schweren Fällen kann auch eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt werden.

Abweichungen beim Strafmaß sind nur im Jugendstrafrecht möglich: Dort hat der Gesetzgeber eine Höchststrafe von zehn Jahren festgelegt. Wer nach dem Erwachsenenstrafrecht wegen Mordes verurteilt wird, kann eigentlich nur auf zwei Dinge hoffen: Eine Strafminderung durch die Kronzeugenregelung oder durch eine verminderte Schuldfähigkeit. Die wird im Paragraf 21 des Strafgesetzbuches geregelt: Dort heißt es: "Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln [...] bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe [...] gemildert werden."

Nur braucht es dafür das Gutachten eines Sachverständigen. Dieses sei bei der Frage der Schuldfähigkeit entscheidend, betont Nautscher. "Die Hürden sind im Lauf der Jahre höher geworden." Als Beispiel nennt sie die Frage nach der Steuerungsfähigkeit, wenn ein Täter im alkoholisierten Zustand oder unter Drogen einen anderen Menschen getötet hat. Nautscher betont: "Solche Faktoren führen immer seltener zu einer Schuldunfähigkeit oder einer erheblich verminderten Schulfähigkeit, was sich auf den Strafrahmen auswirkt."

Dem Mandanten Illusionen nehmen

Deshalb nimmt Nautscher ihren Mandanten, denen ein Mord vorgeworfen wird, von Anfang an die Illusion, bald entlassen zu werden. "Die Sache ist ernst", sagt sie dann. Ziel einer Verteidigung müsse es sein, von den im Paragraf 211 beschriebenen Mordmerkmalen wegzukommen Aber am Ende bleibe es dabei: Wer einen anderen Menschen tötet, muss lange hinter Gittern. Und auch danach wird die Person in der Regel nicht mehr in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren - oder zurückkehren können. Denn sie hat ein Tabu aller menschlicher Gemeinschaften gebrochen und das besteht nicht erst seit dem Bibelspruch "Du sollst nicht töten".

Nautscher wird oft gefragt, wie sie es vertreten könne, einen Mörder zu verteidigen. "Man sieht niemandem an, dass er ein Mörder ist", betont sie. Und niemand werde als Mörder geboren. Sie verteidige auch nicht die Straftat als solche, sondern den Menschen. Ihm soll ein fairer Prozess nach rechtsstaatlichen Regeln ermöglicht werden.

Steht ein Kapitalverbrechen im Raum, befindet sich der Beschuldigte bereits in Untersuchungshaft. Zuvor ist er dem Haftrichter vorgeführt worden. Wenn Nautscher frühzeitig eingebunden wird, begleitet sie ihre Mandanten dorthin. Über die Vorwürfe will sie zu diesem Zeitpunkt vom Mandanten nicht viel wissen. "Denn die Vorführung ist eine emotionale Situation", sagt sie. Klar sei zu diesem Zeitpunkt nur: Ein Mensch ist tot. Dann müsse oft die Obduktion der Leiche abgewartet werden. Anschließend folgt das Aktenstudium und erst dann könne sie eine Verteidigungsstrategie für ihren Mandanten aufbauen.

Auch wenn Morde selten sind, war die Strafverteidigerin in einigen Fällen in Stadt und Landkreis Gießen involviert. Sie erinnert sich an einen Bruder, der seine Schwester mit einem Messer erstochen hat, an einen Sohn, der seine Mutter mit einem Bolzenschussgerät getötet hat, sowie an einen Arzt, dem Mord durch Unterlassung vorgeworfen wurde. Seine Ex-Freundin hatte allergisch auf Ecstasy reagiert und war daran gestorben. Der Mediziner hatte anstatt eines Arztes den Schlüsseldienst gerufen, weil er sich ausgesperrt hatte.

Generell erlebe sie bei den Gesprächen mit den Angeklagten eine breite Palette an Aussagen: Der eine will sofort eine schonungslose Lebensbeichte ablegen, ein anderer ist aufgelöst und kann gar nichts sagen, während wieder andere bis zum Ende hin leugnen, der Täter zu sein. Wie hält man das aus? Man muss sicherlich ein dickes Fell haben, wenn man in diesem Bereich arbeitet. Und das tut Nautscher schon lange: Sie war eine der ersten Fach- anwältinnen für Strafrecht. Diese Zusatzqualifikation wurde 1995 eingeführt.

Die Juristin sagt von sich selbst, sie sei direkt und manchmal auch undiplomatisch. Und sie hat die nötige Distanz. Gleichzeitig habe sie als Kind ein Faible für die "Niederungen der menschlichen Seele" gehabt, erzählt sie. Bereits damals sei sie krimiaffin gewesen. Und dieses Interesse hat Nautscher zum Beruf gemacht.

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