Vom "Gelände" bis zum Labor: Andreas Vilcinskas hat seine Leidenschaft für Insekten zum Beruf gemacht.
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Vom »Gelände« bis zum Labor: Andreas Vilcinskas hat seine Leidenschaft für Insekten zum Beruf gemacht.

Mensch, Gießen

Gießener Andreas Vilcinskas hat seinen Traumjob gefunden: Insektenforscher

Andreas Vilcinskas gehört zu den Wissenschaftlern, die für ihr Fach »brennen«. Schon sein Leben lang ist der Gießener fasziniert von Insekten.

Mit Fahrrad, Kescher und Tötungsglas zieht der Junge durch die Umgebung seines Wohnorts. Nachts geht er Straßenlaternen ab, den Blick nach oben gerichtet. »Seit ich denken kann, habe ich mich mit Insekten beschäftigt«, sagt Andreas Vilcinskas. Manche Fragen, die er sich als Kind stellte, beantwortet er heute in millionenschweren Forschungsvorhaben. »Ich lebe meinen Traum«, sagt der Professor der Justus-Liebig-Universität und Leiter des geplanten Fraunhofer-Instituts für Bioressourcen.

Woher kam die frühe Begeisterung für Insekten? Der 56-Jährige hebt die Schultern. »Jedenfalls nicht von meinen Eltern. Ich war fasziniert von der Lebensweise vor allem der Nachtfalter. Wie sie zum Licht fliegen.« Er lockte Tierchen mit einem Gemisch aus Malzbier und Sirup an, sammelte sie zunächst in Zigarrenkistchen, begann, Insekten zu züchten. Über 200 gesichtete Arten pro Jahr listete er säuberlich auf. »Heute wären es höchstens halb so viele.«

1984 begann Vilcinskas sein Biologiestudium in seiner Geburtsstadt Kaiserslautern. Bald wechselte er an die Freie Universität Berlin, wo er sein Diplom ablegte, promovierte und sich habilitierte.

An seiner ersten beruflichen Station widmete er sich einer weiteren tierischen Leidenschaft: Beim Fischereiamt Berlin erfasste er den Fischbestand sämtlicher Gewässer der Hauptstadt und erstellte eine Rote Liste. Im Lauf der nächsten Jahre verfasste er mehrere Standardwerke zur Fischbestimmung.

Ab 1999 war Vilcinskas Gastprofessor für Evolutionsbiologie und Spezielle Zoologie an der Universität Potsdam. Nach Gießen kam er 2004, weil er die Chance bekam, sich mit Insekten zu befassen. Ein Pluspunkt der JLU war in seinen Augen die fächerübergreifende Zusammenarbeit im ansprechenden Neubau des Interdisziplinären Forschungszentrums am Heinrich-Buff-Ring. Ein weiterer das Adjektiv in seiner Professur für Angewandte Entomologie, also Insektenkunde.

Nicht nur Erkenntnisse gewinnen, sondern sie anwenden, um Probleme zu lösen - das ist sein Ziel. »Für mich ist eine ganz starke Motivation das Gefühl: Ich hinterlasse eine bessere Welt, als ich vorgefunden habe«, sagt Vilcinskas.

Schon bei den Fischen engagierte er sich aktiv für Artenschutz, etwa als Gutachter beim Wasserstraßenausbau in den neuen Bundesländern. Heute will er das Insektensterben nicht nur erfassen, sondern Wiederansiedlungen im großen Stil planen oder erreichen, dass die Samenmischungen für Blühstreifen an Äckern mehr Futter für seltene Arten bieten.

Wie ist den Insekten ihr evolutionärer Erfolg gelungen, über eine Million Arten zu entwickeln? Warum kann der »Totengräber« Mikroorganismen auf Leichen widerstehen? Wie züchten Ameisen Pilze? Auf diese Fragen sucht der Biologe nicht nur Antworten, sondern denkt stets weiter.

So entstand die Idee der »gelben« Biotechnologie und sein griffiger Wahlspruch: »Von Insekten lernen heißt siegen lernen.« Die Tiere oder ihre Zellen könne man nutzen, um große Menschheitsprobleme zu lösen: etwa den Proteinmangel in der Ernährung. Oder die Ausbreitung von Schädlingen, die Krankheiten für Mensch und Tier mitbringen. Wie man sie umweltschonend bekämpfen kann, ist beispielsweise für Zuckerrübenbauern und Obstplantagenbesitzer eine drängende Frage. Bienen riechen Drogen und Sprengstoff, kann die Polizei das nutzen?

Als Pionier für Insektenbiotechnologie baute Vilcinskas einen »Leuchtturm mit exzellentem Ruf« auf, der weit über Deutschland hinaus strahlt. In Gießen entstanden ein Institut, ein Studiengang, Nachwuchsgruppen und ein Loewe-Zentrum »Insektenbiotechnologie«. Die »Landesoffensive zur Förderung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz« sei eine wertvolle Unterstützung, auch bei der Universität und der Stadt Gießen »kann ich mich nur bedanken«.

Eine Krönung ist nun das Fraunhofer-Zentrum am Ohlebergsweg. Diese außeruniversitäre Einrichtung »bietet neue Möglichkeiten, Großprojekte zu stemmen«, freut sich Vilcinskas. Der »Bau mit Strahlkraft« werde aber auch die ganze Universität, den Standort Gießen und Hessen stärken. Rund 150 hochwertige Arbeitsplätze sind bisher an der JLU und bei Fraunhofer in der Insektenbiotechnologie entstanden. »Die Leute sollen wissen, ihr Steuergeld ist gut angelegt«, zumal er allein in den letzten zehn Jahren rund 110 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben habe. So finanziert die Senckenberg-Gesellschaft zwei Professuren an seinem Uni-Institut.

Wie gelingt ihm das? Mit der Fähigkeit, komplizierte Technologie verständlich zu vermitteln - und mit tief verwurzelter Leidenschaft. »Leute gewinnen Sie nur, wenn Sie da vorne stehen und leuchten.« Vilcinskas begeistert Studierende und Mitarbeiter für sein Thema, Politiker und Geldgeber, reihenweise Journalisten und seine siebenjährige Tochter. Dass seine Arbeitswoche leicht 60, 70 Stunden umfasst, nehme er kaum als Belastung wahr. »Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.« Die Bauphase allerdings habe »viel Kraft gekostet«, und auch als Forscher habe er natürlich mitunter Niederlagen wegstecken müssen. »Jeder Wissenschaftler muss lernen, daran zu wachsen.«

Entspannung findet Vilcinskas auf Reisen, mal mit der Familie, mal allein. Die Hobbys Tauchen und Fischfotografie führen ihn in die ganze Welt. Krabbeltierchen, die seinen Weg kreuzen, können seiner Aufmerksamkeit indes immer sicher sein - so wie es schon sein ganzes Leben lang ist.

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