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Am Aufzug der Praxis von Witold Rak werden die Patienten noch vor dem Betreten der Räume aufgeklärt. 

Corona-Krise

Gießener Ärzte gehen wegen Corona auf Barrikaden

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Die Gießener Hausärzte stoßen in der Corona-Krise an ihre Grenzen. Es fehlt an Schutzausrüstung, aber auch an der Kooperation mit der Kassenärztlichen Vereinigung.

Die Hütte brennt. Wir wissen nicht, wie wir die Patienten noch behandeln sollen", sagt Witold Rak. Der Gießener Allgemeinmediziner fungiert gemeinsam mit seinem Kollegen Tobias Miklody als Sprecher des Gesundheits-Netz Gießener Hausärzte (GNGH), dem rund 30 Allgemeinmediziner aus der Stadt angehören. In einer Online-Konferenz haben die Mediziner am Mittwochabend beschlossen, erneut an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie fühlen sich von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und den zuständigen Behörden weitgehend alleingelassen. Ein Schreiben, in dem die Ärzte vor gut eineinhalb Wochen bei der KV um Hilfe ersucht und gleichzeitig Lösungen angeboten hatten, ist unbeantwortet geblieben. "Es tut sich einfach nichts", sagt Rak.

Corona Gießen: Schutzausrüstung in Praxen bringen

Die Nachricht, dass die KV nun das einzige Corona-Testcenter im Landkreis in Lich schließen wolle (siehe Kasten), hat die Hausärzte noch mehr verunsichert. "Das Zentrum ist ohnehin überlastet. Wir müssen Patienten im Wissen dorthin schicken, dass sie sehr wahrscheinlich gar nicht getestet werden", sagt Rak. Zudem ändere sich die Indikation, die zu einem Test berechtige ständig. "Wir haben die Wahl: Nach Lich schicken oder selbst testen. Aber das können wir nicht mehr lange machen, weil wir bald keine Schutzausrüstung mehr haben", erklärt Rak. Kein einziger Gießener Allgemeinmediziner habe seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie bislang neue Schutzausrüstung erhalten. Für die Verteilung ist die KV zuständig.

Um ressourcenschonend arbeiten und den verunsicherten Patienten eine Anlaufstelle anbieten zu können, fordern die Gießener Ärzte die Eröffnung einer zentralen Anlaufstelle für Patienten mit Infekten der oberen und unteren Atemwege. "Wir müssen leider davon ausgehen, dass jede Atemwegserkrankung eine mögliche Corona-Infektion sein könnte. Das ist in einer Hausarztpraxis nicht zu leisten", sagt Miklody. Im Anschluss an eine Behandlung müsse das Behandlungszimmer desinfiziert und 15 Minuten gelüftet werden - und man benötige bei jedem Patienten neue Schutzkleidung. "Die Zeit rennt, aber wir kommen in Gießen in Sachen ambulanter Patientenversorgung nur langsam voran", beklagt Rak. Ein positives Beispiel: Seit Donnerstag ist klar, dass im Landkreis ab sofort ein Krankenwagen als mobiles Test-Center eingesetzt wird, um vor allem Risikopatienten auch Zuhause erreichen zu können.

An ihre Patienten richten die Hausärzte den dringenden Appell, Schutzmasken, Schutzkittel und Desinfektionsmittel nicht Zuhause zu horten, sondern in die Praxen zu bringen. "Unsere Ausstattung ist unterirdisch", meint Miklody.

Um die vorhandenen Bestände wenigstens aufzustocken, hat der Mediziner für seine Praxis bereits Schutzmasken aus dem Baumarkt und Schutzkittel von einer Molkerei besorgt. Das nötige Desinfektionsmittel werde in Apotheken zusammengemischt. "Wenn wir uns und unsere Mitarbeiter nicht mehr schützen können, können wir auch keine Patienten mehr versorgen und es drohen Praxisausfälle", stellt Miklody klar.

Wichtig ist den Hausärzten auch die Botschaft an die Patienten, die aus Angst vor einer Ansteckung derzeit nicht in Sprechstunden kommen. "Rufen Sie uns an, wenn es Ihnen nicht gut geht"; sagt Miklody. Er hat Sorge, dass in der Corona-Krise die übersehen werden, denen es aus anderen Gründen schlecht geht. Einige Hausärzte werden daher in Kürze Videosprechstunden anbieten.

Corona Gießen: Mobiles Test-Center kommt

Räume für ein mögliches Zentrum als zentrale Anlaufstelle für Patienten mit Atemwegsbeschwerden habe die Stadt bereits in Aussicht gestellt. Die Gießener Hausärzte würden sich für Dienste auch zur Verfügung stellen. "Jetzt fehlt nur noch das Okay der KV und wir wären für die Versorgung der Patienten besser aufgestellt", sagen die Gießener Ärzte.

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