Blick ins "autoreduzierte" Wohnquartier der Bergkaserne (oben). Das Bild unten vom Parkplatz des nahen Rewe-Markts entstand sonntags.	FOTOS: MÖ
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Blick ins »autoreduzierte« Wohnquartier der Bergkaserne (oben). Das Bild unten vom Parkplatz des nahen Rewe-Markts entstand sonntags. FOTOS: MÖ

Konflikt um Pkw-Stellplätze

Tatsächlich „autoreduziert“ oder Mogelpackung: Zu viel Verkehr im Gießener Wohngebiet Bergkaserne?

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Eigentlich soll das neue Wohnquartier Bergkaserne in Gießen »autoreduziert« sein. Einiges spricht jedoch dafür, dass es in der Praxis anders aussieht.

  • Parkplätze und Verkehr sind in Gießen in vielen Vierteln ein großes Thema.
  • Das Gießener Wohngebiet Bergkaserne sollte eigentlich »autoreduziert« sein.
  • Nun kommt erneut die Frage auf: Handelt es sich bei dem »autoreduzierten Wohnquartier« um eine Mogelpackung?

Gießen – Für die einen war die Planung ein Beitrag zum umweltfreundlichen Verkehr in Gießen, für andere von Anfang an eine Mogelpackung. Die Rede ist vom »autoreduzierten Wohnquartier« in der früheren Bergkaserne. Für zwei der insgesamt sieben Baufelder mit ursprünglich zusammen rund 190 Wohnungen wurde bei der Erstellung des Bebauungsplans vor gut fünf Jahren ein reduzierter Stellplatzschlüssel angesetzt. Statt 1,5 Parkplätzen pro Wohnung musste in diesem Teil des Wohnquartiers nur ein Stellplatz pro Wohnung nachgewiesen werden.

Ob das Konzept der damaligen Planungsdezernentin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) tatsächlich aufgegangen ist, ist bis heute freilich ungeklärt. Den Nachweis, dass die Haushalte im »autoreduzierten« Bereich tatsächlich nur über einen oder keinen Pkw verfügen, kann die Stadt nämlich nicht führen.

Unklarheit zu Autos in Gießener Wohngebiet: Neidel ärgert Grüne erneut

Dies erklärte Bürgermeister Peter Neidel (CDU) vor einigen Tagen im Stadtparlament auf Anfrage des Stadtverordneten Michael Janitzki (Gießener Linke). Der hatte wissen wollen, ob die Zahl der Pkw im autoreduzierten Quartier der Zahl der mittlerweile noch 165 Wohnungen mit reduziertem Stellplatzschlüssel entspreche. »Ein Beleg im angefragten Sinn ist dem Magistrat nicht möglich«, sagte Neidel. Die Zahl der bei der Kfz-Zulassungsstelle im Quartier angemeldeten Pkw bietet laut Planungsdezernent keine »abschließende, der Realität entsprechende Auskunft«, da Fahrzeuge wie zum Beispiel Firmenwagen oder von den Eltern angemeldete Pkw, die von Bewohnern des Quartiers genutzt werden, dabei nicht erfasst werden können.

Bereits vor zwei Jahren hatte Weigel-Greilichs Nachfolger für Ärger vor allem bei den Grünen gesorgt, als er das Konzept mit dem »autoreduzierten Wohnen« für gescheitert erklärte und bei einer nachträglich notwendig gewordenen Umplanung wieder den üblichen Schlüssel von 1,5 ansetzte. »In Übereinstimmung mit dem Investor ist festzustellen, dass das ›autoreduzierte Wohnen‹ wie vorgesehen nicht funktioniert«, hatte Neidel Anfang September 2018 ebenfalls auf Anfrage von Janitzki erklärt.

Gießen: Autoreduziertes Wohnen im Wohngebiet Bergkaserne nur eine Mogelpackung?

Die Fraktion Gießener Linke und die 2015 noch in der Opposition befindliche CDU hatten in der Planungsphase davor gewarnt, das autoreduzierte Wohnen einfach nur anzubieten, ohne die Umsetzung zu regeln bzw. zu kontrollieren. Der rot-grüne Magistrat indes war der Überzeugung, dass es im großstädtisch und akademisch geprägten Gießen eine Nachfrage nach Neubauwohnungen von Haushalten gibt, die kein oder nur ein Auto besitzen und Car-Sharing praktizeren. Vertraglich fixiert wurde das in den Verträgen zwischen Wohnungskäufern und Investoren aber nicht. Dem Magistrat reichte die Zusicherung, dass das autoreduzierte Wohnen von den Bauträgern »gezielt vermarktet« wird, wie es im Bebauungsplan heißt.

Anlass für die neuerlichen Janitzki-Fragen war der Umstand, dass der Magistrat das autoreduzierte Wohnquartier in der Bergkaserne als »Meilenstein«-Maßnahme in den Bericht »Klimaneutrales Gießen 2035« aufgenommen hat. Die aktuellen Aussagen Neidels werfen die Frage auf, ob dies zu Recht geschehen ist.

Gießen: Anwohnerparken bei Rewe?

Eine Beobachtung legt jedenfalls den Schluss nahe, dass es im Wohnquartier Bergkaserne einen Pkw-Überschuss gibt. Die Parkplätze des nahen Rewe-Markts sowie die im öffentlichen Straßenraum am Rande des Gebiets waren an den vergangenen Sonntagen und dem Feiertag teilweise oder ganz belegt.

Andernorts geht man mittlerweile andere Wege. Die ebenfalls boomende Stadt Lich hat den Stellplatzschlüssel sogar auf zwei Stellplätze pro Wohnung in Mehrfamilienhäusern erhöht, weil Haushalte mit mehreren Pkw die Realität seien, die man nicht in den öffentlichen Straßenraum auslagern dürfe, argumentiert die dortige Stadtregierung auch angesichts von zugeparkten Rettungswegen in den Wohngebieten. (Von Burkhard Möller)

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