Das Team des Modehauses Becker: Inhaberin Margit Ernstberger (r.) mit Julia Bäck, Susanne Schneider, Heike Lemp und Uschi Friedrich. Der charmante vierbeinige "Ladenhüter" Rusty ist meist auch mit von der Partie.
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Das Team des Modehauses Becker: Inhaberin Margit Ernstberger (r.) mit Julia Bäck, Susanne Schneider, Heike Lemp und Uschi Friedrich. Der charmante vierbeinige »Ladenhüter« Rusty ist meist auch mit von der Partie.

Geschäftsaufgabe

Gießen: Bekanntes Modehaus schließt – Wehmütiger Abschied Ende 2020

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Das Modehaus Becker in Gießen schließt zum Jahresende. Für die Stammkundinnen, die sich seit Jahrzehnten bei Margit Ernstberger einkleiden, ist das ein herber Schlag.

Gießen – Die schwarze Hose ist gerade geschnitten. Schlicht und schön. Aber eine Spur zu lang. »Das haben wir gleich«, sagt Heike Lemp und zeigt sofort vollen Körpereinsatz: Sie geht zu Boden, krabbelt um die Kundin herum und steckt sorgfältig den Saum ab. Millimetergenau, damit nichts schief geht. »Das gehört dazu«, sagt sie lachend und konzentriert sich auf ihre Kundin. Die Verkäuferin ist seit 45 Jahren im Modehaus Becker angestellt, ein ganzes Berufsleben lang. Auch ihre Kolleginnen Uschi Friedrich, Julia Bäck und Susanne Schneider sind schon lange dabei - was sowohl für den Laden als auch die Chefin spricht. »Es geht familiär zu bei uns«, sagt Margit Ernstberger. Es kracht schon mal, aber es kann sich eine zu 100 Prozent auf die andere verlassen.

Die Inhaberin ist quasi im Geschäft aufgewachsen, sie konnte noch kaum über den Tresen schauen, da hat sie ihre Mutter schon dabei beobachten können, wie sie die Wieseckerinnen beriet und neu einkleidete. Maria Wittmeier war keine typische Frau ihrer Zeit, sondern eine resolute Geschäftsfrau, die zielstrebig ihren Weg ging.

Modehaus in Gießen-Wieseck: Vom Knopf bis zur Kittelschürze

Schon Anfang der 60er Jahre hatte sie einen Führerschein, setzte sich ans Steuer und fuhr nach Frankfurt, um dort das neue Sortiment zu ordern - die kleine Margit im Schlepptau, die somit nicht nur einen Ausflug in die Großstadt unternahm, sondern sich auch von Kindesbeinen an viel Wissen aneignete.

Maria Wittmaier war nicht nur eine clevere Vollblutkauffrau, sondern auch modebewusst. Nach und nach passte sie das Geschäft den Erfordernissen der neuen Zeit an.

Die Anfänge für das Modehaus Becker hatte ihr Vater gelegt. Michael Becker war zunächst als Reisender mit Bahn, Bus und zu Fuß den Dörfern unterwegs gewesen. Er brachte Hosenträger, Reißverschlüsse, Nähgarn und Stoffe in die entlegendsten Ecken. Da kam es auch schon mal vor, dass er statt mit klingender Münze mit einer guten Vogelsberger Wurst bezahlt wurde. 1949 eröffnete er den Laden in der Wiesecker Karl-Benner-Straße. Auf 20 Quadratmetern hielt er bereit, was die Wieseckerinnen damals so brauchten: Vom Knopf bis zur Kittelschütze. Das Modehaus Becker, in dem es anfangs auch Herrenbekleidung gab, wurde zu einer festen Größe im Ort. Der mittlerweile 150 Quadratmeter große Laden blieb das einzige Modegeschäft in Wieseck.

Nach seinem Tod übernahm seine Tochter Maria den Laden, 1983 folgte in dritter Generation Margit Ernstberger. Unter ihrer Regie wurde das Geschäft nicht nur größer, sondern veränderte sein Gesicht im Laufe der Zeit immer wieder. Gerade in der Mode kann man sich keinen Stillstand leisten. Was sind die Trends? Was ist tragbar und passt zu uns? Diese Fragen stellte sich Margit Ernstberger immer wieder und bewies über viele Jahre das richtige Näschen. Dennoch war es nicht leicht, sich gegen die Konkurrenz zu behaupten.

Gießen: Modehaus in Wieseck schließt Ende des Jahres

Ihr Erfolgsrezept war und ist die individuelle Beratung. Damit habe sie aber nie eine Strategie verfolgt, erklärt sie. Vielmehr sei es für sie eine Herzensangelegenheit, ihre Kundinnen so zu beraten, dass sie den Laden glücklich verließen. »Ich habe immer gerne im Laden gestanden«, sagt sie. In ihrem Geschäft führt sie hochwertige Marken für Frauen jeden Alters. Flippige Teenie-Mode oder hochpreisige Designerstücke findet man jedoch nicht. Sportlich, schick, elegant und tragbar - das ist das, was die Kundinnen sich wünschen.

Der Anteil der Stammkundinnen, die seit vielen Jahren ins Modehaus Becker kommen, ist hoch. Das Team um Margit Ernstberger weiß von vielen Frauen, was daheim im Kleiderschrank hängt und wie man diese Stücke ergänzen kann. Die Verkäuferinnen kennen Größe und Geschmack - und da man sich im Laufe der Jahre ganz gut kennen lernt zwischen Anprobe und Auswahl, wissen sie auch über Freude und Leid in der Familie gut Bescheid. »Zu vielen ist ein Vertrauensverhältnis entstanden«, sagt Margit Ernstberger. Schwingt da ein bisschen Wehmut mit? Natürlich. »Wir sind ja miteinander älter geworden«.

Aber künftig mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens zu haben, sind auch gute Aussichten. Freunde, Familie, Hundesenior Rusty und das Enkelkind sehen das genauso. (Christine Steines)

Im vergangenen Jahr schloss in dem Gießener Stadtteil ein anderer Laden mit langer Tradition: „Rau’s Gretche“, wo einst Generationen von Wieseckern  Schulhefte und Füllfederhalter kauften.

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