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Die Türen der Tafel in Gießen bleiben die nächsten Wochen geschlossen. Bereits mehr als 120 Tafeln in ganz Deutschland wurden schon wegen des Coronavirus geschlossen. Die Tafel Deutschland bittet um Unterstützung der noch offenen Stellen. Gerade junge Menschen werden gebraucht. FOTO: OLIVER SCHEPP

Wegen Coronavirus

Kein Essen mehr von der Tafel Gießen

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1,65 Millionen Menschen benötigen in Deutschland Unterstützung durch die Tafeln. Auch in Gießen gehen 2800 Bedürftige regelmäßig zu der Lebensmittelausgabe. Die wurde am Montag als Vorsichtsmaßnahme wegen Corona geschlossen. Betroffene stehen vor schwierigen Zeiten.

Für viele Menschen reicht das Geld nicht einmal für das Nötigste. Durch die Tafeln können sie zumindest beim Essen ein wenig sparen. Laut Tafel Deutschland werden im ganzen Land 1,65 Millionen Bedürftige auf diese Weise mitversorgt. Auch in Gießen bekommen 2800 Menschen bei der Tafel Lebensmittel. Wegen des Coronavirus wurde die Ausgabe am Montag aber für mindestens drei Wochen geschlossen.

Diese Entscheidung sei ihnen nicht leichtgefallen, sagt Holger Claes, Leiter des Diakonischen Werks und der Tafel Gießen. Am letzten Tag war allerdings kein besonders großer Andrang zu verzeichnen. "Hier ist so viel los wie immer, weil die Menschen bei uns einen Termin haben", erklärt Claes. Es seien also nur die Personen da, die sowieso montags kommen.

Claes sagt, ein Betrieb sei nicht aufrechtzuerhalten gewesen. "Unsere Ehrenamtlichen haben gesagt, sie kommen nicht mehr, weil das Abstandsgebot bei uns nicht einzuhalten sei." Die meisten der freiwilligen Helfer seien in gehobenem Alter, also durch das Virus besonders gefährdet. Die Entscheidung betrifft auch die Tafeln in Hungen und Grünberg. Deutschlandweit sind mittlerweile über 120 Tafeln geschlossen.

Von den Kunden der Gießener Tafel waren am Montag noch nicht alle über die aktuelle Situation informiert. Eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern zum Beispiel. Sie komme normalerweise jede Woche und sei froh, dass ihre Kinder beim Essen nicht wählerisch sind, sagt sie. "Wenn es nur ein paar Wochen sind, schaffen wir das. Wenn es aber länger dauert, bis die Tafel wieder öffnet, muss ich mir wohl Geld leihen, um über die Runden zu kommen", sagt die Mutter.

"Wir haben immer gesagt, dass wir Bedürftigen helfen, aber keine Vollversorgung machen", sagt Claes. Jetzt müssen die Leute irgendwie schauen, dass sie sich Lebensmittel mit dem Geld kaufen, das ihnen zur Verfügung steht. Als um 13.45 Uhr die Tür der Tafel zum vorerst letzten Mal öffnet, informiert der Leiter die Wartenden. Auch Sicherheitsmaßnahmen werden am Montag getroffen: "Immer nur zwei Menschen gleichzeitig und mit Abstand zueinander", bittet Claes.

Ein älterer Herr wartet, bis er an der Reihe ist. "Das ist ein Problem für mich, aber was soll ich machen", sagt er zur Schließung. Er wisse noch nicht, was die Situation für ihn in den nächsten Wochen bedeute, aber ein wenig Sorgen mache er sich natürlich schon.

Vorerst bis Anfang April zu

"Ich habe auch keine Glaskugel", sagt Claes. Keiner weiß, wie sich die Situation weiter entwickeln werde. Vorerst sei die Tafel bis einschließlich Montag, 6. April, geschlossen, aber das könne sich natürlich ändern.

Neben dem Alter der Ehrenamtlichen sei auch die Beschaffung der Lebensmittel in der Corona-Krise schwieriger geworden. "Ich merke das ja selbst beim Einkaufen. Das ganze Obst und Gemüse ist ausverkauft, außer Bananen", schildert Claes seine Erfahrung. Das Aufkaufen der frischen Lebensmittel führe dazu, dass weniger bei der Tafel lande.

Zu den Bedürftigen gehören auch Menschen, die sich nicht mehr um sich selbst kümmern können. Zwei Frauen verlassen die Tafel beladen mit mehreren Plastiktüten. "Das ist nicht für uns", sagen sie. Sie erklären, dass sie einen alten Mann auf diese Weise versorgen. Er sei krank, liege im Bett und habe sein Geld, das er für den Monat zur Verfügung habe, schon ausgegeben. "Was wir heute bekommen haben, muss ihm bis zum Ende des Monats reichen."

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