Tausende Krähen sammeln sich in den Abendstunden auf Gießens Dächern. Ihr Lärm und Kot kann Anwohner stören.
+
Tausende Krähen sammeln sich in den Abendstunden auf Gießens Dächern. Ihr Lärm und Kot kann Anwohner stören.

Schlafplatz Dach-Café

Phänomen Vogelschwarm in Gießen: Tausende Krähen fliegen abends in die Stadt

  • vonSebastian Schmidt
    schließen

Jeden Abend können Gießener sie beobachten: Die großen Vogelschwärme, die sich besonders gern auf dem Dach-Café niederlassen. Aber warum zieht es die Krähen eigentlich in die Stadt?

Gießen – Ein lautes Krächzen, schwarze Flügel, die ausgeschüttelt werden, ein Kopf, der nach links und rechts zuckt. Um zu dieser Jahreszeit eine Krähe zu sehen, muss man nicht aufs Land fahren und über Felder wandern. Tausende dieser Vögel fliegen gerade jeden Abend ins Stadtgebiet von Gießen und verlassen es erst am nächsten Morgen wieder. Matthias Korn ist Vorstandsmitglied der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Die Vogelkundler wollen herausfinden, wie viele Krähen und Dohlen es in Gießen gibt.

Vogelkundler umzingeln Gießen: Krähen überfallen Gießen

Ende Oktober stehen Mitglieder der HGON in den Abendstunden mit Stift und Papier in einem Feld neben dem Bürgerhaus in Kleinlinden. Ihr Blick ist auf den Himmel gerichtet. »Wir zählen, wie viele Rabenkrähen und Dohlen nach Gießen fliegen«, erklärt Korn. Beide Vogelarten gehören der Familie der Rabenvögel an; lateinisch »Corvidae«. Ihre Gemeinsamkeiten: schwarzes Gefieder, schwarze Beine und schwarzer Schnabel. Die Dohle ist mit durchschnittlich 35 Zentimetern Körperlänge kleiner als die Rabenkrähe; die wird bis zu 45 Zentimeter groß. »Früher konnte man auch noch Saatkrähen beobachten.« Wegen des Klimawandels fliegen sie zum Überwintern aber nicht mehr so weit nach Westen.

Die Vogelkundler der HGON haben das Stadtgebiet an acht Punkten umzingelt. Indem sie die Einflugschneisen überwachen, versuchen sie, möglichst viele Tiere zu zählen. Den Tag verbringen die Vögel nämlich in ihren Nahrungsgebieten im Umland auf der Suche nach Essbarem. »Abends treffen sich die Krähen und Dohlen dann und fliegen in einem Pulk zu ihren Schlafplätzen in der Stadt.« Diese Treffpunkte nennen die Vogelkundler Vorsammelplätze. »Sie sind zum Beispiel in der Lahn- oder der Wieseckaue.« Die Rabenkrähen, die sich dort versammeln, seien hier heimisch. Die Dohle stamme aus einem größeren Einzugsgebiet; in Gießen brüten nur sehr wenige. Die meisten kommen nur zum Überwintern hierher.

Aber warum fliegen die Vögel - nur im Winter - abends vom Umland in die Stadt? Die Erklärung hat mit der Temperatur zu tun: »Weil es in den Wintermonaten in der Stadt einfach wärmer ist.«

Gießen: Dach-Café ist ein beliebter Treffpunkt bei Krähen

»Das ehemalige Telekom-Gebäude am Bahnhof und das Dach-Café sind beliebte Orte in der Stadt, wo sie sich bis zur völligen Dunkelheit sammeln«, erklärt Korn. Von dort fliegen sie zum Schlafen auf größere Bäume. »Eigentlich sind sie leise, weil sie zum Schlafen da sind.« Aber wenn Aufregung im Schwarm sei, könne es zu Lärm kommen. Der Kot der Vögel sei für manche Anwohner auch ein Problem. Das sei aber die Ausnahme.

Um diese Entwicklung nicht zu begünstigen, sei es wichtig, den Vögeln ihre vertrauten Schlafplätze, an denen sie keinen stören, nicht zu nehmen, sagt Korn. »Viele Jahre haben sie im Wäldchen am Bahnhof übernachtet.« Dann sei das Parkhaus gebaut worden, und die Vögel mussten sich im nächsten Winter einen neuen Schlafplatz suchen.

Die Vogelkundler der HGON haben ihre Zählung zum dritten Mal gemacht. Das Ergebnis: 2125 Rabenkrähen und 1743 Dohlen Ende Oktober. Im Januar waren es 2663 Rabenkrähen, aber nur 976 Dohlen. Und vergangenen November 2742 Rabenkrähen und 1442 Dohlen. Die Schwankung bei der Anzahl der Dohlen erkläre sich daraus, dass im Januar ein Teil schon seinen Rückflug angetreten habe, sagt Korn. »Bei den Rabenkrähen hat es dieses Jahr anscheinend ein schlechtes Brut-Ergebnis gegeben.« Das könne auch am Erfolg ihrer natürlichen Feinde liegen: Habicht, Uhu und Fuchs.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare