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„Es muss etwas getan werden“: Gießener Schüler geben alles für den Klimaschutz

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Von: Christoph Hoffmann

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Fridays for Future demonstriert in Gießen für mehr Klimaschutz. Was bewegt Jugendliche, Flugreisen und viele andere Dinge für das Klima zu opfern?

Gießen – Heute demonstriert Fridays for Future wieder für mehr Klimaschutz. Auch die beiden Gießener Schüler Finn Emmerich und Leonard Hoßner gehen auf die Straße. Für eine bessere Welt verzichten der 15- und der 16-Jährige auf vieles - und werden nicht selten von Erwachsenen dafür belächelt.

Die Jugend sollte eine unbeschwerte Zeit sein. Mit Gedanken über den ersten Kuss, Besuchen am Badesee oder Partys mit den Freunden. Doch der Jugend von heute ist diese Unbeschwertheit ein Stück weit abhanden gekommen. Pandemie und Krieg, vor allem aber der Klimawandel machen vielen jungen Menschen zu schaffen. Das trifft auch auf Finn Emmerich und Leonard Hoßner zu. Die beiden Gießener Schüler engagieren sich für einen stärkeren Klimaschutz. »Die Klimakrise ist da, es muss etwas getan werden«, sagt der 16-jährige Emmerich, der die 11. Klasse des Landgraf-Ludwigs-Gymnasium besucht und in der Ortsgruppe von Fridays for Future aktiv ist.

Auch der 15-jährige Liebigschüler Hoßner geht regelmäßig auf die Straße und setzt sich für mehr Klimaschutz ein. Genau wie Emmerich fordert er unter anderem einen besseren und kostenlosen ÖPNV, mehr erneuerbare Energien und die Unterstützung von Menschen, die auf der Südhalbkugel leben und vom Klimawandel besonders stark betroffen sind. Mit Forderungen ist es aber nicht getan. Die beiden Jugendlichen nehmen für eine bessere Welt auch ganz persönlich einige Entbehrungen in Kauf.

Fridays for Future in Gießen: Kein Fleisch, kein Flugzeug

Hoßner ist in der sechsten Klasse von seinem Religions-Lehrer für die Fridays-for-Future-Bewegung sensibilisiert worden. Und das mit nachhaltigen Folgen. »Wir haben unseren nächsten Sommerurlaub direkt abgesagt.« Das ist jetzt vier Jahre her, seitdem hat Hoßner kein Flugzeug mehr bestiegen. »Das war eine ganz bewusste Entscheidung«, sagt der 15-Jährige. Seine Mutter zum Beispiel, die ihn sehr unterstützte und aus Klimaschutzgründen das eigene Auto abgeschafft habe, sei neulich in den Urlaub geflogen. Hoßner selbst verzichtete.

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Leonard Hoßner (l.) und Finn Emmerich essen kein Fleisch, tragen Second-Hand-Kleidung und nutzen so gut es geht Fahrrad und ÖPNV. © Christoph Hoffmann

Auch Finn Emmerich ordnet der Einsparung von CO2 vieles unter. Genau wie Hoßner trägt er überwiegend Secondhand-Kleidung, die beiden Schüler verzichten auch auf Fleisch. »Ich weiß, dass vegane Ernährung für das Klima noch viel besser wäre«, sagt Emmerich fast schon entschuldigend. Wenn Emmerich und Hoßner in der Region unterwegs sind, fahren sie in erster Linie mit dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn.

Gießen: Unterstützung der Eltern für FFF-Aktivisten

Menschen in diesem Alter können ihr Leben nicht unabhängig gestalten. Sie wohnen in den Häusern ihrer Eltern, die Väter und Mütter sind es, die Energie und Lebensmittel bezahlen. Emmerich erzählt, dass seine Eltern regional und Bioprodukte kauften, bei ihm und seinem Bruder der Stellenwert jedoch noch größer sei. »Wir haben bei uns im Ort eben nur einen Supermarkt«, sagt Emmerich, der selbst vermutlich überwiegend im Unverpackt-Laden in der Johannette-Lein-Gasse einkaufen würde.

Hoßner weiß, wovon sein Mitstreiter spricht. »Meine Eltern unterstützen mich sehr«, betont der 15-Jährige. Wenn er aber zum Beispiel mit seinem Vater einkaufen gehe, müsse er ihn oft überzeugen, unnötige Plastikverpackungen zu vermeiden. »Ich versuche, ihm zu zeigen, dass es wichtig ist - und vor allem, dass es mir wichtig ist.«

Gießen: Aktivisten werden von Erwachsenen teils belächelt

Während die eigenen Eltern den Einsatz ihrer Kinder schätzen und unterstützen, werden Emmerich und Hoßner von einigen anderen Erwachsenen für ihren Verzicht belächelt. Die Forderungen seien gar nicht umsetzbar, die Ziele Träumereien, Fleisch sei wichtig für eine ausgewogene Ernährung und überhaupt sei das doch alles nur eine Phase: Solche Sprüche haben die beiden Schüler schon häufiger gehört, und sie ärgern sich darüber. »Man merkt, dass sich viele Erwachsene mit den Themen gar nicht beschäftigen«, sagt Emmerich und erhält dafür von Hoßner ein zustimmendes Nicken. »Mich schockiert es, dass sich so viele Menschen gar keine Gedanken machen. Dabei ist es so dringend, dass jetzt etwas für das Klima gemacht wird.«

Hoßner und Emmerich verzichten nicht des Verzichtens wegen. Sie sind der festen Überzeugung, dass es schlichtweg notwendig ist. »Manche Freunde verbringen ein Jahr im Ausland oder machen in den Ferien tolle Flugreisen. Mich würde es auch reizen, zum Beispiel in die USA zu reisen. Auch ich will die Welt sehen.« Derzeit hat die Reduzierung des CO2-Ausstoßes für Hoßner jedoch einen höheren Stellenwert als die Erweiterung des eigenen Horizonts durch Auslandsaufenthalte.

Fridays for Future in Gießen: Klimaschutz verändert Leben der Aktivisten

Emmerich geht es ähnlich. »Ich würde schon sagen, dass ich ein glückliches Leben habe. Die politischen Veränderungen und der Drang, etwas verändern zu müssen, machen das Leben aber auch stressiger. Die Klimakrise ist da - da kann ich nicht wegschauen.« Unbeschwert ist sein Leben nicht, das weiß der 16-Jährige. Sein Einsatz für mehr Klimaschutz verändere sein aktuelles Leben. »Aber vielleicht werde ich später sagen können, dass es sinnvoll war.«

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