Idyllisch, aber nicht mehr zeitgemäß: Die Jugendherberge auf der Hardt. FOTO: SCHEPP
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Idyllisch, aber nicht mehr zeitgemäß: Die Jugendherberge auf der Hardt. FOTO: SCHEPP

Entscheidung gefallen

Gießen verliert seine Jugendherberge

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Die Jugendherberge bleibt dauerhaft geschlossen. Schon seit der coronabedingten Schließung im März hatte sich abgezeichnet, dass die Pandemie dem Haus den Rest geben würde. Es ist zu klein, um wirtschaftlich betrieben werden zu können.

Die Gießener Jugendherberge ist schon seit Jahren ein Sorgenkind des Verbandes, daran ändert auch die idyllische Lage auf der Hardt und der nostalgische Charme nichts. "Sie ist zu klein", klagte im Frühjahr Herbergsvater Marcus Winter. Um wirtschaftlich betrieben werden zu können, brauche man etwa 160 Plätze, Gießen hat aber nur 85 Betten in 19 Zimmern. Deshalb wurde seit Jahren über eine Ausweitung bzw. über einen Umzug an einen anderen Standort in der Stadt nachgedacht, der mehr Potenzial biete. Aus diesen ohnehin zögerlich angegangenen Plänen wird nun nichts. Im Juli hatten 21 der 28 Häuser in Hessen wieder geöffnet, Gießen gehörte nicht dazu.

Stadt bedauert die Schließung

Der finanzielle Druck, der durch die Coronakrise entstanden sei, zwinge den Landesverband zu dramatischen Einschnitten, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Jugendherbergen Gießen, Weilburg und Zwingenberg hätten aktuell keine Belegung und würden zum Jahresende "vom Netz genommen". Marjana Schott sagt als Aufsichtsratsvorsitzende: "Das ist ein herber Verlust, aber die Auswirkungen der Coronakrise lassen uns leider keine anderen Möglichkeiten." Vorstandsvorsitzender Timo Neumann ergänzt: "Die drei Häuser waren in den letzten Jahren immer nur knapp rentabel, Investitionen in die Zukunftssicherung waren schon länger nur zulasten unserer anderen Jugendherbergen möglich." Für Gießen und Weilburg hoffe man mittelfristig auf Perspektiven. Mit der Stadt Gießen, die Eigentümerin des Hauses ist, gebe es konstruktive Gespräche, schreibt der Verband. Der jetzige Standort sei zu klein, nicht mehr zeitgemäß und nicht ausreichend an den ÖPNV angebunden. Stadträtin Gerda Weigel-Greilich betont: "Wir bedauern sehr, dass die Jugendherberge geschlossen werden soll. Gerade in einer so jungen Stadt wie Gießen mit den beiden Hochschulen und einem vielfältigen Angebot an Freizeit-, Bildungs- und Kultureinrichtungen möchten wir natürlich auch einen Standort Jugendherberge". Sie freue sich, dass das Jugendherbergswerk die Stadt Gießen grundsätzlich als attraktiven Standort betrachte und das DJH mittelfristig plane, eine verkehrsgünstiger gelegene neue Fläche zu suchen.

Interessant für das Krankenhaus

Die Stadt werde die Suche nach einem geeigneten Grundstück unterstützen. Sie hoffe darauf, dass die Pandemie schnell überwunden werde und das Jugendherbergswerk wieder expandieren könne. Die Stadt hatte das Haus mietfrei zur Verfügung gestellt und war dem Verband auch in den vergangenen Jahren immer entgegengekommen.

Zur Landesgartenschau im Jahr 2014 war das Außengelände inklusive Spiel- und Sportmöglichkeiten neu gestaltet worden, doch letztlich war auch das nur ein Detail, das am Gesamtproblem nichts änderte. Konkrete Pläne für eine weitere Nutzung der Immobilie gibt es bisher nicht. Aufgrund der Außenlage sind die Möglichkeiten der Nutzung begrenzt, gab Claudia Boje, Pressesprecherin der Stadt, zu bedenken. Möglicherweise hat das benachbarte Krankenhaus Interesse an dem Objekt. Dort kann man sich die Einrichtung von Büros, Mitarbeiterwohnungen oder einer Kita vorstellen. Gespräche hat es aber noch nicht gegeben.

Schon vor der Pandemie hat die kleine Jugendherberge dem Verband Kummer bereitet. Um etwas mehr Platz zu schaffen, erläuterte Winter bei einem Rundgang im Mai, habe man das benachbarte Haus umbauen wollen. Dies sei auch als Ersatz für einen Seminarraum und zwei Doppelzimmer gedacht gewesen, die man nach einem Wasserschaden nicht mehr habe nutzen können. Da der Schaden damals nur notdürftig behoben worden sei, habe Schimmelbefall dem Anbau den Rest gegeben. Bis zur Schließung im März waren neben dem Leiter zwei weitere Mitarbeiter und vier Aushilfskräfte in der Herberge beschäftigt.

Gießener Sorgenkind

Der DJH Landesverband Hessen ist einer von 14 Landesverbänden im deutschen Jugendherbergswerk und betrieb bis vor kurzem 28 eigene Jugendherbergen. Im Mai hatte das Land Hessen eine Million Euro zur Unterstützung der in Not geratenen Häuser zur Verfügung gestellt. Das Sorgenkind in Gießen profitierte nicht mehr davon.

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