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Radfahrer haben in der Neustadt seit dem Start des Verkehrsversuchs mehr Platz. Ob es dauerhaft bei der Einbahnstraßenregelung bleibt, wird im Frühjahr entschieden. 

Verkehrsversuch

"Stapel E-Mails" mit Beschwerden: Verkehrsversuch in Gießen sorgt für Ärger

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In Neustadt und Bahnhofstraße läuft ein Verkehrsversuch zur Einbahnstraßenregelung. Thomas Kirchhoff, Vorsitzender des BID-Vereins Marktquartier, mahnt eine ergebnisoffene Betrachtung an.

Gießen - Das rot-weiße Verkehrsschild Durchfahrt verboten sieht in Hamburg nicht anders aus als in Gießen. Aber fremd in einer Stadt zu sein, ist eine beliebte Ausrede, um Verkehrsregeln zu missachten. So fährt der Mann am Steuer des SUV mit dem Kennzeichen HH am Dienstagnachmittag in der Neustadt seelenruhig an sämtlichen Einbahnstraßenschildern vorbei. Kurz hinter ihm kommt der nächste, ein Gießener auf Parkplatzsuche.

Knapp zwei Monate nach dem Beginn des Verkehrsversuchs sind das alles Momentaufnahmen. "Die Bewertung steht noch aus. Wir haben gesagt, dass man dafür mindestens ein halbes Jahr braucht", sagt Bürgermeister Peter Neidel und wirbt um Vertrauen bei Thomas Kirchhoff.

Der Vorsitzende des BID-Vereins Marktquartier hat sich geärgert - über Neidel und die Zeitung, in der Mitte Januar seiner Ansicht nach ein zu positives Zwischenfazit gezogen worden war. "Für ein Zwischenfazit war es zu früh, und es kamen keine kritischen Stimmen zu Wort", stellt Kirchhoff bei einer Gesprächsrunde im Rathaus fest. Die gebe es nämlich, von einem "Stapel E-Mails" mit Beschwerden von Einzelhändlern berichtet Kirchhoff. Man müsse gewiss schauen, welchen Anteil die Baustelle habe, aber einer der Händler spreche von einer Umsatzeinbuße von bis zu 20 Prozent, berichtet der BID-Vorsitzende. Ähnliche Rückmeldungen habe er auch aus der Neustadt erhalten, obwohl die nicht zum Marktquartier gehöre. Ihm gehe es vor allem um einige Fachgeschäfte, die mittelgroße Waren anböten und auf Kundschaft mit Pkw angewiesen seien. Kirchhoff: "Die will ich unbedingt im Quartier halten."

Auch Neidel liegen Schreiben von Geschäftsleuten vor. "Wir sind uns mit den Einzelhändlern aber auch einig, dass es noch zu früh für eine Bewertung der Auswirkungen ist", sagt der CDU-Verkehrsdezernent.

Gießen: "Ideologisch aufgeladenen Debatte"

Für Neidel steht außer Frage, dass die geänderte Verkehrsregelung für Fußgänger, Radfahrer und die Stadtbusse eine Verbesserung gebracht habe. "Anlieger haben den Nachteil, dass der ein oder andere Weg weiter geworden ist. Das ist letztlich eine Frage der Abwägung", fügt Neidel hinzu. So habe er auch positive Stimmen von Anwohnern gehört, die die offensichtlich eingetretene Verkehrsberuhigung begrüßten.

Kirchhoff indes, der sich im vergangenen Jahr in der Agenda-Gruppe Nachhaltige Mobilität mit Verkehrswende-Aktivisten angelegt hatte, traut dem Braten nicht und befürchtet, dass die Stadt in der aktuell "ideologisch aufgeladenen Debatte" den Verkehrsversuch gar nicht ergebnisoffen bewerten könne. "Bei uns gibt es die Sorge, dass die Stadt Salamitaktik betreibt und dieser Verkehrsversuch der Einstieg in die autofreie Innenstadt ist". Neidel widerspricht: "Das Auto wird nicht ausgebremst. Alle Orte bleiben für den Pkw-Verkehr erreichbar."

Dem BID-Vorsitzenden geht es auch um die Botschaft, die die Einkaufsstadt Gießen mit Einfahrtverboten in die Region sende. "Wir brauchen positive Signale und müssen die Leute willkommen heißen", zum Beispiel mit einem modernen Parkleitsystem. Auch seine Kritik am Nahverkehrsangebot für die Bewohner des Umlands erneuert Kirchhoff ebenso wie an den fehlenden Park-and-Ride-Plätzen am Stadtrand. Und wo bleibe das angekündigte Handyparken?

Neidel verweist darauf, dass an der Modernisierung des Verkehrssystems gearbeitet wird. Erziele die SPD/CDU/Grünen-Koalition eine Einigung über eine neue Parkgebührenordnung, komme auch das Handyparken - "noch in diesem Jahr". Auch das Parkleitsystem - Stichwort Johannesstraße - werde zur Baustelle.

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