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Die Stadt hat sich gegen Radfahrstreifen auf der Westanlage ausgesprochen. FOTO: SCHEPP

Risiko "Lärm"

Verkehrslärm in Gießen unterschätzt? Zahlen stoßen auf Unverständnis

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Vor fünf Jahren bestand für über 10 000 Gießener ein Gesundheitsrisiko durch Verkehrslärm. Nun sollen es weniger Betroffene sein. Doch die neuen Zahlen stoßen auf Unverständnis.

Gießen - Um die Jahreswende war wieder einmal viel von den Luftschadstoffen Feinstaub und Stickstoffdioxid die Rede. Nicht zu unterschätzen, wenn es um Gesundheitsrisiken geht, ist eine andere Begleiterscheinung des Straßenverkehrs. "Lärm kann krankmachen und gesundheitliche Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlafstörungen nach sich ziehen", hat Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich im Vorwort des Entwurfs des neuen Lärmaktionsplans für Mittelhessen erklärt.

Zahlen zu Lärm in Gießen: VCD und ADFC hegen Zweifel

Aus Gießener Sicht enthält der Entwurf auf den ersten Blick eine gute Nachricht, denn im Vergleich zum vorherigen Plan, der zwischen 2015 und 2017 erstellt wurde, ist die Zahl der Betroffenen, die unter gesundheitsschädlichem Verkehrslärm leiden, in den letzten Jahren um etwa 2000 Personen gesunken. Tagsüber seien es gegenwärtig gut 4000 Personen, nachts knapp 4200, die laut RP von Verkehrslärm erheblich belastet seien. Damals waren es gut 5000 tagsüber und fast 5500 nachts.

Der im Dezember veröffentlichte Entwurf hat nun aber den Verkehrsclub Deutschland (VCD) und den Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) auf den Plan gerufen. Die beiden Verkehrsverbände halten die Zahlen für zu niedrig und zweifeln die Datengrundlage an. Der VCD wirft Stadt und Regierungspräsidium auch mit Blick auf die angekündigten Gegenmaßnahmen "Untätigkeit beim Schutz der Bevölkerung vor Verkehrslärm" vor.

Grüne gegen CDU

In der Tat enthält die Lärmkartierung zum Gießener Stadtgebiet "Lücken und Unklarheiten", wie das Stadtplanungsamt im Zuge der Fortschreibung des Aktionsplans bereits Ende Oktober 2017 feststellte. In der Ringallee wurden 2017 zum Beispiel 87 Kfz-Bewegungen für einen ganzen Tag angenommen, im Jahr 2012 waren es noch 10 500. In der Marburger Straße sank die Belastung vom einen zum nächsten Abschnitt plötzlich von knapp 12 000 auf rund 5500 Fahrbewegungen, ähnliche Merkwürdigkeiten stellte die Stadt damals zur Grünberger und Licher Straße sowie zum Anlagenring fest. Warum das RP trotzdem auf die offensichtlich falschen Zahlen zurückgegriffen hat, sei der Stadt "nicht erklärbar", heißt es in einem Schreiben des Planungsamts an den ADFC.

Aber auch die Stadt selbst kommt in der Bewertung des Lärmaktionsplans durch den VCD nicht gut weg. Obwohl es in dem Entwurf ausdrücklich heiße, dass die Lärmbelastung durch den innerörtlichen Verkehr höher sei als durch den Gießener Ring, schlage die Stadt "keine einzige Maßnahme für die innerstädtischen Hauptstraßen, bei denen sie selbst zuständig ist, bauliche Maßnahmen ergreifen und Tempolimits auf den Weg bringen könnte", kritisiert VCD-Sprecher Gerhard Born.

Konflikte wegen Radstreifen

Aus den "Maßnahmenvorschlägen" geht hervor, dass die Stadt immerhin Tempo 30 nachts für den Anlagenring prüft und für die Frankfurter Straße in Kleinlinden anordnen will. Auf der Grünberger Straße (B 49) soll zudem nachts auf Höhe der Marshall-Siedlung Tempo 60 gelten. Dagegen hat die Stadt für die lärmgeplagte Grünberger Straße Tempo 30 abgelehnt.

Beim ADFC stößt die Ablehnung von zwei Streifen für den Radverkehr auf der jeweils rechten Fahrspur der Westanlage, die im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung vorgeschlagen worden war, auf Kritik. Die Stadtverwaltung weigere sich so, eine Vereinbarung aus dem 2016 abgeschlossenen Koalitionsvertrag von SPD, CDU und Grünen umzusetzen, heißt es auf der Facebookseite des ADFC. Kommentar von Grünen-Fraktionschef Klaus-Dieter Grothe: "Die CDU möchte an diesem Punkt den Koalitionsvertrag nicht einhalten."

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