Hans-Jochen Vogel †

Gießen nie vergessen

  • Marc Schäfer
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Gießen(mac). Im Lauf seiner Karriere hatte Hans-Jochen Vogel viele Ämter inne: Stadtoberhaupt in München und Berlin, Justizminister, SPD-Chef. Er genoss hohes Ansehen. Jetzt ist er mit 94 Jahren in München gestorben.

Gießen, den Ort seiner Jugend, hat Vogel trotz dieser Karriere nie vergessen. Immer wieder kam er - oft auch mit Bruder Bernhard - in die Stadt zurück, die er 1943 nach München verlassen hatte. Vor allem am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium war er oft zu Gast - zum Jubiläum, zur Abiturfeier oder zur Präsentation eines Buches. Auch die St. Bonifatiuskirche besuchte er, dort war er früher als Messdiener tätig und engagierte sich später als Schirmherr für die neue Orgel.

1934/1935 wurde sein Vater Ordinarius an der hiesigen Universität. Als Neunjähriger wechselt Vogel daher aus Göttingen ans LLG, wo er 1943 Abitur machte. "Latein und Griechisch waren die wichtigsten Fächer", hob er bei einem Besuch am LLG 2008 anlässlich des Eisernen Abiturs hervor. Latein sei für den Wortschatz, die grammatischen Kenntnisse und die Logik unentbehrlich, sagte er damals.

Doch seine Schulzeit war auch die Zeit des Nationalsozialismus. Vogel gehört in Gießen der Hitlerjugend an. Um Gießen, die Nazi-Zeit und den Krieg ging es vor vielen Jahren auch bei einem Gespräch zwischen Vogel und Christoph Amend, den in Gießen geborenen Chefredakteur des Zeit-Magazins, an das sich Amend am Sonntag gegenüber der GAZ erinnert: "Ich habe mich Hans-Jochen Vogel immer aus einem biografischen Zufall verbunden gefühlt: Er ist in Gießen aufgewachsen, der Stadt, in der ich geboren bin, studiert und begonnen habe, als Journalist zu arbeiten, und von der ich immer wieder von Älteren gehört habe, wie schön sie vor dem Zweiten Weltkrieg gewesen sein soll und danach nicht mehr. Ja, hat Vogel am Rande unseres Gesprächs gesagt, die Architektur der Stadt seiner Kindheit sei vor der Bombardierung wirklich elegant gewesen." Amend hat Vogel auch gefragt, welche Lebensbilanz er zieht. "Seine ehrliche Antwort war, das sei nicht ganz leicht. Er ist 1926 geboren. Plötzlich sprach er in der dritten Person über sich. ›Der junge Hans-Jochen Vogel ist in Zeiten eines Gewaltregimes aufgewachsen‹, sagte er. ›Das kann ich bei der Beantwortung nicht ausblenden. 1933 war ich sieben, bei Kriegsende 19 Jahre alt. 1943 bin ich eingezogen worden. Und wenn ich mein Verhalten in diesen Jahren beurteile, bleiben Zweifel. Ich war Hitler-Junge, Scharführer, ich war Unteroffizier der Wehrmacht, und ich kam bei allen Bedenken im Einzelnen damals nicht auf den Gedanken, dass man dem Staat Widerstand leisten kann, ja sogar muss. Besonders wenn ich die Biografien von Gleichaltrigen betrachte, der Geschwister Scholl zum Beispiel, die ganz andere Konsequenzen gezogen haben. Ich lebte mit meinen Eltern damals in Gießen, ich habe die Synagoge brennen sehen. Und niemand hat geholfen, im Gegenteil, Polizei und Feuerwehr haben den Brand noch gefördert. Dennoch gingen mir die Augen nicht wirklich auf.‹

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