Die beiden Gründer: Jonas Hey und Louisa Willner.
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Die beiden Gründer: Jonas Hey und Louisa Willner.

Existenzgründer

Gießen: Corona bremst Expansionspläne von Unverpackt-Laden aus

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Fast eineinhalb Jahre lang ging es für Louisa Willner und Jonas Hey mit ihrem Unverpacktladen in Gießen stetig bergauf. Doch dann kam die Corona-Pandemie. Über zwei Gründer, die jetzt vor neuen Aufgaben stehen.

  • Vor zwei Jahren öffnete der Unverpacktladen „Unverpacktes“ in Gießen.
  • Es gab sogar Überlegungen, einen zweiten Laden zu eröffnen.
  • Doch die Corona-Krise hat die Gründer hart getroffen.

Gießen - Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren wuchsen Jonas Hey innerhalb von 20 Minuten 40 graue Haare. Das sagt der 27-Jährige jedenfalls, wenn er sich an den Tag der Eröffnung des Gießener Unverpacktladens erinnert. Es war ein Samstag, 8.40 Uhr, und gemeinsam mit seiner 26 Jahre alten Partnerin Louisa Willner fragte er sich, was gleich um 9 Uhr auf sie zukommen würde. Innerhalb von nur neun Monaten hatten sie neben dem Studium und den Jobs einen Businessplan für ihre Geschäftsgründung aufgestellt - und schließlich den Laden für Lebensmittel, Hygieneartikel und Zubehör für einen nachhaltigen Lebensstil in der Johannette-Lein-Gasse in Gießen eröffnet. Das Sortiment kommt ohne Verpackung aus. An jenem Samstag standen die Menschen Schlange: 400 Kunden, und ein Vielfaches mehr an Neugierigen. Fast eineinhalb Jahre lang ging es für Willner und Hey stetig bergauf - doch dann kam die Corona-Pandemie dazwischen.

Es ist nicht so, dass Willner und Hey blauäugig an die Sache herangegangen wären. Dazu steckt zu viel Leidenschaft und Idealismus in dem Laden. Sie holten sich Hilfe: Von einem Unternehmensberater aus Staufenberg und einem Steuerberater aus Langgöns. Freundschaft verbindet sie außerdem mit den Jungs von »Gutburgerlich«. Die hatten ihnen einen Teil der Fläche ihrer »Weinraumwohnung« zu Verfügung gestellt. »Nach einem Jahr wollten wir uns zusammensetzen und schauen, wie es weitergeht«, sagt Willner.

Gießen: Unverpacktladen kämpft mit der Corona-Krise

Die beiden Gründer hatten gehofft, mit ihrem Unverpacktladen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Der Zeitgeist ist grün, bewusstes Konsumieren ohne Plastik immer stärker gefragt. Auch und gerade in Gießen: »Eine junge, studentische, grüne und liberale Stadt«, sagt Hey: Wenn ein Unverpackt-Laden funktioniert - dann doch hier. Dieser Gedanke stellte sich als goldrichtig heraus. Der Erlös des ersten Weihnachtsgeschäfts habe sie »überwältigt«, sagt Willner. Und dann kam im Februar das Angebot, den Laden komplett zu übernehmen, weil die »Weinraumwohnung« umzog. Von 40 auf 150 Quadratmeter Ladenfläche - »wir haben uns gefragt, ob das klappt«, sagt Hey. »Aber wir wollen unseren Kunden einen Volleinkauf ermöglichen.« Also nicht nur Nudeln und Seifen, sondern alles, was man zum Leben braucht. Mittlerweile finden Kunden eine große Auswahl an regionalem Bio-Obst und -Gemüse sowie Milchwaren und Bio-Konserven aus dem Glas. Zudem gibt es eine Sitzecke und eine Siebträgermaschine für Kaffee. »Wirtschaftlich wäre das nicht nötig gewesen«, sagt Hey und lächelt. »Aber es ist eine Herzensangelegenheit.«

Anfang diesen Jahres spielten die beiden Inhaber aus Gießen noch mit dem Gedanken, einen zweiten Unverpacktladen zu eröffnen. Anfragen habe es aus der näheren Umgebung und aus Nordrhein-Westfalen gegeben, erzählt Hey. »Doch dann kam Corona

Gießen: Umsatz des Unverpacktladens brach ein

Im Unverpacktladen sind neben den Gründern zwei fest angestellte Teilzeitkräfte und sechs 450-Euro-Kräfte beschäftigt. Die beiden bezeichnen es als »Glück im Unglück«, dass sie zu dieser Zeit Eltern geworden sind. Hey und Willner verbrachten viel Zeit mit ihrem Kind und übergaben das Alltagsgeschäft in Gießen ihren Mitarbeitern - auch um niemanden entlassen zu müssen. »Die haben das gerockt«, sagt Hey.

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Wenn wir gefragt werden, wo man anfangen soll, wenn man sich mit Zero-Waste beschäftigt, ist unsere Antwort gleichzeitig einfach und kompliziert: Zu Beginn sollte man erstmal ein gesundes Bewusstsein schaffen, wo man in seinem Alltag an den Stellschrauben drehen kann um ein nachhaltigeres Leben zu führen. Einfach deshalb, weil man für das bewusst machen nichts braucht außer ein wenig Reflektion💡kompliziert deshalb, weil es gar nicht so einfach ist, sich einzugestehen wo noch Verbesserungsbedarf herrscht. Sei es bei Lebensmitteln (repräsentativ hierfür unsere Lieblingsecke im Laden🥰), im Bad, in der Küche oder beim Reisen: der erste Schritt ist oft der schwierigste. Wir helfen aber gerne und stehen beratend zur Seite; Transparenz und Ehrlichkeit findet ihr ebenso bei uns wie alle Produkte die das ZW-Herz höher schlagen lassen😇

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Denn obwohl das Geschäft auch in Lockdown-Zeiten als Lebensmittelhandel offen bleiben durfte, brach der Umsatz ein. Auch oder gerade wegen der fernbleibenden Studierenden, die ihr Semester online abseits Gießens zu Ende brachten, aber zu einer wichtigen Zielgruppe gehören. Mit Bauchschmerzen blicken die beiden deshalb auf das bevorstehende Wintersemester. Zweifeln von Kunden des Unverpackladens, dass es Probleme wegen der Selbstbedienung an den Lebensmittelspendern geben könnte, begegnen Hey und Willner offensiv mit dem Hinweis auf ihr Hygienekonzept. Das besteht seit dem Tag der Eröffnung - und wurde wegen der Pandamie erweitert.

Gießen: Mehr Anerkennung für Unverpacktladen gefordert

Weil Hey und Willner in Gießen solide gewirtschaftet haben und keinen Umsatzeinbruch von 60 Prozent verzeichnen, erhalten sie keine Überbrückungshilfe vom Staat. Generell fühlen sie sich von Bund, Land und Stadt alleine gelassen. Dabei haben sich überregionale und regionale Politiker gerne in ihrem Laden ablichten lassen. Auch vermissen sie die Anerkennung dafür, dass sie vor der Pandemie regelmäßig Schulklassen empfangen haben oder am Wochenende mit anderen Freiwilligen Müll in der Stadt aufsammeln.

Aber für Hey und Willner ist ihre Arbeit mit dem Unverpacktladen in Gießen und ihr Engagement zu wichtig, um zu resignieren. »Es gibt keinen Tag, an dem wir nicht froh sind, es gemacht zu haben«, sagt Willner. Da wären die Stammkunden, die ihnen ans Herz gewachsen seien. Und die neuen Kunden vom Jugendlichen bis zum Senior, die das erste Mal dort einkaufen. Willner lächelt, als sie sagt: »Das erfüllt uns.«

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