Beschäftigte aus Lich unterstützen den Streik am UKGM-Standort in Gießen.
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Beschäftigte aus Lich unterstützen den Streik am UKGM-Standort in Gießen.

Arbeitsniederlegung

Gießen: Warnstreik gegen „kalte Schulter“ am Uniklinikum beginnt

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Am Gießener Universitätsklinikum hat ein zweitägiger Warnstreik begonnen. Der Protest trifft auf viel Zustimmung - aber nicht bei allen.

Gießen – Es ist 10 Uhr, als über den Eingang des Uniklinikums ein kollektives Klatschen schallt. Die Beschäftigten des UKGM, die hier applaudieren, wollen jedoch keine Anerkennung aussenden. Vielmehr wollen sie mit dem höhnischen Applaus ihre Vorgesetzten kritisieren. Es sind rund 100 Männer und Frauen, die dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt sind und sich am zweitägigen Warnstreik beteiligen. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen und eine neue Eingruppierung. Heißt: Mehr Geld.

Bereits um sechs Uhr morgens stehen die ersten Streikenden vor dem Haupteingang des UKGM. Es ist bitterkalt, das ganze Areal ist in Schnee gehüllt. »Das Wetter passt. Auch unser Arbeitgeber zeigt uns die kalte Schulter«, ruft Betriebsratsvorsitzender Marcel Iwanyk ins Mikrofon. Die Wertschätzung, die die Geschäftsführung den Mitarbeitern entgegenbringe, sei mangelhaft. Die Streikenden geben zu verstehen, dass sie es genauso sehen.

Gießen: Uniklinik-Leitung sieht Streik trotzt Corona als „unverantwortlich“ an

Prof. Werner Seeger sieht das naturgemäß anders. Der UKGM-Chef hat zuletzt auf Zulagen und Anhebungen hingewiesen, die seit Beginn der Verhandlungen erreicht worden seien. Demnach habe es in kurzer Folge drei Gehaltserhöhungen gegeben. Ferner kritisierte Seeger den Zeitpunkt des Warnstreiks. Eine Arbeitsniederlegung mitten in der zweiten Welle der Corona-Pandemie sei »unverantwortlich.«

Fabian Dzewas-Rehm, zuständiger Fachsekretär der Gewerkschaft, will diesen Vorwurf nicht stehen lassen. Bei der Protestaktion am Donnerstag vorm UKGM betont er, dass OPs, die Anästhesie, Teile der Intensivmedizin und selbstverständlich die Covid-Stationen explizit vom Streikaufruf ausgenommen sind. Dass es im Uniklinikum an Personal mangele, sei zudem der Normalzustand und resultiere aus der »Gewinnsucht« des Konzerns.

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Es stimme zwar, dass in den Verhandlungen für manche Gruppen schon viel erreicht worden sei, in anderen Bereichen herrsche jedoch Stillstand. »Dabei machen unsere Forderungen nur einen Bruchteil des Konzerngewinns aus«, sagt er und ruft der Belegschaft zu: »Das ist die reinste Unverschämtheit.«

In blauer Arbeitsmontur tritt auch Tobias Kempff vor das Mikrofon. Der Krankenpfleger leitet die Pneumologische Intensivstation des Uniklinikums, sozusagen das Epizentrum der Gießener Corona-Behandlungen. Er beteiligt sich nicht offiziell am Streit, er nutzt aber seine kurze Pause, um den Streikenden aus seinem Arbeitsalltag zu erzählen. »Die zweite Welle traf uns sehr hart«, sagt Kempff und schildert, welche große Belastung die Arbeit sei. Körperlich - nach Stunden in den Schutzanzügen würden die Kollegen schweißgebadet aus den Patientenzimmern kommen -, aber auch geistig. »Ich habe wochenlang nicht richtig geschlafen aus Angst, dass sich die Kollegen anstecken.« Die Tatsache, dass das UKGM bei den Corona-Bonuszahlungen des Bundes leer ausgegangen ist, habe für große Enttäuschung gesorgt, sagt Kempff und fügt an: »Dass Herr Weiß anschließend nicht gesagt hat, wir kümmern uns um euch, hat uns hart getroffen.« (chh)

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