Die Mieten im Seniorenzentrum Vitanas steigen um rund 200 Euro. Einige Bewohner suchen Rat beim Mieterverein.
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Die Mieten im Seniorenzentrum Vitanas steigen um rund 200 Euro. Einige Bewohner suchen Rat beim Mieterverein. 

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Gießen: Senioren in Sorge - "Service Wohnen plus" sorgt für Diskussionen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Einige Bewohner des Seniorenzentrums Vitanas sind verunsichert. Der Betreiber hat den Senioren neue Verträge vorgelegt, wodurch die Kosten steigen. Der Mieterverein rät von einer Unterschrift ab und vertritt die Meinung: Die Mieter werden über den Tisch gezogen.

Kaum eine Wolke hängt am Himmel über dem Seniorenzentrum Vitanas. Aus dem Fenster können die Bewohner die Lahn vorbeiplätschern sehen. Ein Spaziergang entlang des Ufers oder ein kurzer Besuch der Innenstadt ist durch die zentrale Lage an der Sachsenhäuser Brücke ebenfalls kein Problem. Kurzum: Es gibt schlechtere Orte, den Lebensabend zu verbringen. Trotzdem sind einige Senioren derzeit verärgert. Und zwar über das Verhalten des Betreibers.

"Mieter im Seniorenzentrum Vitanas werden über den Tisch gezogen": Diese Meinung vertritt der Gießener Mieterverein. Deren Vorsitzender Stefan Kaisers betont, dass sich bereits mehrere Bewohner an ihn und sein Team gewendet hätten, weil sie, so Kaisers, "verunsichert sind und sich rechtlich überrumpelt fühlen."

"Service Wohnen plus" lautet das Reizwort. Dieser neue Tarif soll das klassische "betreute Wohnen" ablösen. Nicht nur in Gießen, sondern an allen Standorten des Unternehmens, wie eine Pressesprecherin gegenüber dieser Zeitung bestätigt. "In der Vergangenheit gab es diesbezüglich kein einheitliches Konzept, was sich in der unternehmensweiten Darstellung und Verwaltung langfristig schwierig darstellt." In diesem Zuge seien allen Bewohnern neue Verträge vorgelegt worden.

Auch die Mutter von Ute Müller (Name geändert) hatte solch ein Schreiben im Briefkasten. "Durch die Umstellung zahlen wir jetzt monatlich 200 Euro mehr." Denn die Kaltmiete selbst sei zwar günstiger geworden, dafür müsse sie nun ein sogenanntes Servicepaket bezahlen, das monatlich 285 Euro koste. Was dahinter stecke und welchen Vorteil dieses Paket biete, sei ihr nicht ersichtlich. "Die Heimleitung hat uns gesagt, die Erhöhung liegt an den gestiegenen Personalkosten."

Die Pressestelle von Vitanas formuliert das wie folgt: "In Gießen wurden seit der Eröffnung des Hauses 2014 keine Preisanpassungen vorgenommen. Neue Verträge sind gegliedert in einzelne Entgeltbestandteile (Kaltmiete, Nebenkosten und Grundpauschale). Die Kaltmiete beträgt weiterhin 13 Euro und liegt damit im Rahmen des Mietspiegels in Gießen."

Kaisers kommt zu einem anderen Schluss. Als "nicht eben wenig" bezeichnet er die Höhe der Kaltmiete. Hinzu komme, dass diese Miete bei den bestehenden Verträgen auf absehbare Zeit nicht erhöht werden könne, da eine sogenannte Wertsicherungsklausel vereinbart sei.

Hiernach ändere sich die Miete erst, wenn sich die allgemeinen Lebenshaltungskosten um mehr als zehn Prozent erhöht haben. "Doch das missfällt offenbar dem Vermieter, er will mehr Geld, weshalb er den Mietern neue Verträge vorgelegt hat", sagt Kaisers. Nach der Neuregelung könne die Miete jederzeit im Rahmen der ortsüblichen Vergleichsmiete erhöht werden. "Die Mieten steigen jedoch viel schneller als die Lebenshaltungskosten", sagt der Mietervereinsvorsitzende und kritisiert, dass diese Veränderungen im neuen Mietvertrag erst bei genauem Hinsehen zu erkennen seien.

Ute Müller und ihre Mutter haben daher ihre Zusage zu den neuen Verträgen vorerst wieder widerrufen. "Dazu hat uns der Mieterverein geraten", sagt die Gießenerin. Sie befürworte es zwar, dass Pflegepersonal mehr verdienen soll, monatlich 200 Euro pro Bewohner seien aber sehr viel Geld. Und in welchem Umfang die zusätzlichen Einnahmen tatsächlich den Angestellten zugute kommen, steht auf einem anderen Blatt.

Der Mieterverein rät daher allen Bewohnern, die neuen Verträge nicht zu unterzeichnen. Denn neben der aktuellen Erhöhung würde eine Unterschrift auch für die Zukunft erhebliche wirtschaftliche Nachteile bedeuten. Eine Pflicht zum Neuabschluss bestehe nicht, vielmehr gelte der Grundsatz, dass geschlossene Verträge eingehalten werden müssen. Der Vermieter habe auch keine rechtliche Handhabe, das Mietverhältnis aufzukündigen, wenn der Mieter dem Neuabschluss nicht zustimme.

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