Dem Türsteher eines kleinen Clubs in Gießen wird vorgeworfen, an zwei Abenden Gäste körperlich misshandelt zu haben.
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Dem Türsteher eines kleinen Clubs in Gießen wird vorgeworfen, an zwei Abenden Gäste körperlich misshandelt zu haben.

Prozess

Türsteher vor Gericht - Einblick in Gießener Szene

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Zweimal soll ein Türsteher in einem kleinen Gießener Club Gäste geschlagen und getreten haben. Vor dem Amtsgericht Gießen zweifelt der Richter aber einige Zeugenaussagen an.

Gießen - Vor dem Amtsgericht Gießen prallten Welten aufeinander. Richter Dr. Dietrich Claus Becker hatte es auf der einen Seite mit einem Türsteher und auf der anderen Seite mit Akademikern zu tun. Der eine soll die anderen in einem Gießener Club geschlagen und getreten haben. Was sich in der Anklageverlesung der Staatsanwaltschaft nach einer klaren Sache anhört, fällt im Laufe des Prozesses wie ein Soufflé in sich zusammen.

Polizeibekannt ist der 55 Jahre alte Angeklagte schon lange. Nur ist er seit 2010 strafrechtlich weitgehend nicht in Erscheinung getreten. Aber alleine sein Auftreten vor Gericht zeigt, dass diesen Mann die vielen Kämpfe in seinem Leben geprägt haben. Er drückt sich breitbeinig in seinen Stuhl, die grauen Haare zurückgegelt, die Schultern breit. In der Türsteherszene muss er nach Aussagen von Ermittlern eine Institution gewesen sein; auch gibt es Fotos von ihm zusammen mit dem ermordeten Chef der Gießener Hells Angels, Aygün Mucuk.

Angeklagter in Türsteherszene Gießen bekannt

Ende August 2018: In dem kleinen Club feiert ein heute 35 Jahre alter Mann, nachdem er das Konzert von Scooter auf dem Schiffenberg gesehen hat. Gegen 1.25 Uhr entscheidet sich der Lehrer, nach Hause zu gehen - mit einer im Club gekauften Flasche Bier. Er sagt, ein Türsteher habe ihn vor der Tür aufgefordert, die Flasche dort zu lassen. Beim Abstellen sei er angerempelt worden, die Flasche ihm auf den Boden gefallen. Der Angeklagte sei daraufhin ausgerastet und habe ihn geschubst, getreten und ins Gesicht geschlagen. Der Angeklagte schildert die Situation anders: "Der war nicht aggressiv", sagt er und deutet mit dem Kopf in Richtung des Lehrers. "Aber als ich ihm sagte, er soll die Flasche wegstellen, meinte er, ich soll das selbst tun. Und hat sie mir vor die Füße fallen lassen. Meine Hose und Schuhe waren nass. Da habe ich ihn weggeschubst." Der junge Mann habe ihn angeschrien: "Jetzt bist du dran, ich rufe die Polizei."

Diese Darstellung stützt der zweite Türsteher, der an diesem Abend Dienst hatte. Der 50 Jahre alte Mann sagt, dass er sich an eine wie von dem Lehrer geschilderte Eskalation vor der Clubtür erinnern könnte, wenn sie stattgefunden hätte: "Aber der Vorfall war einfach nicht ›Wow‹." Als Türsteher erlebe man viel und sei oft "im grauen Bereich" unterwegs. "Du kannst keine Kirche oder keine Blume sein", sagt er, "und in den Laden kommen keine Priester. Die Kunden trinken viel Alkohol oder nehmen Drogen."

In Gießen: Zeuge gibt Einblick in Szene

Eine andere Sicht hat der Polizist, der nach dem Vorfall als Ermittler vor Ort ist. Er stellt beim Clubbesucher eine Rötung am Ohr und eine Schürfwunde am Bein fest. Trotz der 1,68 Promille im Blut habe sich der Lehrer gebildet ausgedrückt, erzählt der Polizist. Mit dem Türsteher habe er vorher Bekanntschaft bei einer Pro-Erdogan-Kundgebung gemacht; dort sei dieser in Streitigkeiten mit Kurden verwickelt gewesen: "Ein Fünkchen, und er rastet aus."

Mitte September 2018, wieder in dem kleinen Club. Eine Gruppe junger Menschen zwischen 24 und 31 Jahren feiert die Abgabe einer wissenschaftlichen Arbeit. Auf der Tanzfläche kommt es zum Streit mit anderen Gästen. Laut Anklage soll der Streit beigelegt gewesen sein, als der 55 Jahre alte Türsteher die Feiernden mit einem Glas beworfen, einem 30-Jährigen mit der Faust ins Gesicht geschlagen und in den Bauch getreten haben. Der Türsteher sagt, die Gruppe sei bereits betrunken in den Club gekommen; er hätte sie nicht reingelassen, wäre der Club nicht leer gewesen. Als er wegen des Streits auf die Tanzfläche gerufen worden sei, hätten sie ihn angreifen wollen. "Die sind von mehreren Seiten auf mich los. Da habe ich reagiert, sonst hätten die mich auseinandergenommen, und eine Ohrfeige verteilt."

Angeklagter nicht mehr als Türsteher in Gießen tätig

Es ist vor allem das Verhalten der Hochschulabsolventen, die Richter Becker an deren Aussagen zweifeln lässt. Sie alle sagen den selben Satz auf, als sie im Zeugenstand sitzen: "Ich habe keine gute Erinnerung und berufe mich auf meine Aussage bei der Polizei." Becker muss schmunzeln, nachdem er dies zum vierten Mal gehört hat. Hinzu kommen Widersprüche bei der Frage, wann das Glas flog, wer wie geschlagen wurde und wer wann getreten hat. Die Aussage eines Polizisten bringt Klarheit: Die blutige Wunde auf der Stirn des 30-Jährigen stamme nicht vom Türsteher, sondern von dem Glas. Und das kann der Türsteher nicht geworfen haben, weil ihn der Barkeeper erst nach dem Wurf alarmiert habe. Hinzu kommt: Die zwei jungen Akademiker, die als Hauptbelastungszeugen auftreten, haben an jenem Abend 1,86 beziehungsweise 2,22 Promille Alkohol im Blut. "Da steht hier im Saal niemand mehr", sagt Becker.

Mittlerweile arbeitet der Angeklagte nicht mehr als Türsteher in dem Club. Ein Angestellter erzählt, man habe sich von ihm getrennt, weil er Konflikte oft nicht mit Worten gelöst habe. Der Türsteher hingegen sagt: "Ich bin im Recht und trotzdem vor Gericht. Deswegen hatte ich keine Lust mehr. Der Ruf verfolgt mich mein Leben lang." Ja, er sei impulsiv, aber er habe sich durchgesetzt. Heute ist er in der Sicherheitsbranche tätig.

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