Das muschelförmige Fossil stammt vom Nautilus, dem einzigen noch lebenden Kopffüßler, der einen Kalkkörper mit sich herumschleppte. In den Schubladen finden sich zudem steinerne Abdrücke von Palmen, die einst rund um Gießen wuchsen. FOTO: CHH
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Das muschelförmige Fossil stammt vom Nautilus, dem einzigen noch lebenden Kopffüßler, der einen Kalkkörper mit sich herumschleppte. In den Schubladen finden sich zudem steinerne Abdrücke von Palmen, die einst rund um Gießen wuchsen. FOTO: CHH

Als Gießen in den Tropen lag

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). Temperaturen jenseits der 30 Grad sind für Gießen inzwischen Standart. Und wenn man den Meteorologen und Klimaforschern Glauben schenkt, sind solche aufgeheizten Sommer künftig nicht die Ausnahme, sondern Regel. Doch so sehr sich der Klimawandel auch bemerkbar macht, bis in der Wieseckaue Palmen wachsen, dürfte noch viel Wasser die Lahn hinabfließen. Dabei hat es rund um Gießen schon einmal Palmen gegeben. Man muss nur weit genug zurückblicken. So um die 25 Millionen Jahre.

In einem Kellerraum der Hermann-Hoffmann-Akademie lagern gleich zwei Sammlungen, die längst vergangene Zeiten lebendig werden lassen. "Das sind die Cephalopoden", sagt Einrichtungsleiter Volker Wissemann und zieht aus einem der Schränke eine Schublade heraus. Darin befinden sich Fossilien von Kopffüßlern, wie die Cephalopoden auch genannt werden. Zu dieser Gattung gehört zum Beispiel der Tintenfisch. Mit den versteinerten Artgenossen aus der Sammlung der Justus-Liebig-Universität hat der Tintenfisch aber nur wenig gemein. Denn die Millionen Jahre alten Relikte bestehen lediglich aus versteinerten Kalkkörpern, in die sich die Tiere zurückziehen konnten. Der Tintenfisch muss auf solch ein portables Zuhause verzichten. Der Kalkkörper bietet den Tieren aber nicht nur Schutz, er hilft ihnen auch beim Schwimmen. "Der Hohlraum ist gekammert. Durch kleine Löcher konnten die Cephalopoden Luft hineinpumpen und so auf- bzw. absteigen", erklärt Wissemann. Der einzige heute noch lebende Nachfahre dieser Tiere sei der Nautilus, auch Perlboot genannt.

Verantwortlich für diese Sammlung ist Wolfram Blind. Er war an der Gießener Universität Paläontologe. Für die Lehre und Forschung seien die Fossilien sehr interessant, sagt Wissemann, da sie weitreichende Erkenntnisse über die Erdgeschichte lieferten. "Die Tiere finden sich überall auf der Welt und in unterschiedlichen Erdschichten. Durch die Funde kann man genau sagen, aus welcher Periode der Erdgeschichte sie stammen."

Als die Paläontologie an der JLU aufgelöst wurde, gingen viele Objekte der Sammlung nach Frankfurt ins Senckenbergmuseum. Einige Stücke wurden auch zerstört. Trotzdem ist ein großer Fundus in Gießen geblieben - zur Freude von Wissemann. "Wir setzen die Objekte in der Zoologie weiterhin in der Lehre ein."

Während die Cephalopoden aus der Gießener Sammlung rund 250 Millionen Jahre alt sein können, sind die in einem anderen Schrank gelagerten Fossilien der Palmenblätter "nur" 15 Millionen Jahre alt. "Die stammen alle aus Münzenberg. Damals herrschte hier noch tropisches Klima", erklärt Wissemann und fügt hinzu, dass es seinerzeit möglich gewesen sei, von Gießen bis zur Nordsee durchgehend durch Sümpfe zu wandern.

Die Landschaft um Gießen hat sich sehr verändert, und das wird sie auch weiterhin tun. In 15 Millionen Jahren wird es hier ganz anders aussehen. Ob es dann noch Menschen gibt, die diese Veränderungen bekunden können, steht auf einem anderen Blatt.

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