Die Gießener Allgemeine berichtete im August 1991 über den Mord an Nadja S. 
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Die Gießener Allgemeine berichtete im August 1991 über den Mord an Nadja S. 

Mord-Serie

Tote im Bergwerkswald schockt Gießener - Diskussionen über Gewalt an Frauen

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Im August 1991 wurde die Studentin Nadja S. im Gießener Bergwerkswald ermordet. Das Verbrechen schockierte die Stadt und löste heftige Diskussionen über Gewalt an Frauen aus.

Gießen - Es geschah an einem schönen Sommermorgen im August. Nadja S., eine 24 Jahre alte Biologiestudentin, war auf ihrer Joggingrunde unterwegs, als sie ihrem Mörder begegnete. Dieter W. radelte durch den Wald. Die Läuferin, so berichtete er später, habe ihm vorgeworfen, auf dem Fußweg unterwegs zu sein. Er stoppte, und beim Absteigen fiel ihm sein Messer aus der Tasche, angeblich habe die junge Frau es an sich nehmen wollen. Es gab ein Gerangel, Nadja S. begann zu schreien. Der 27-Jährige rastete aus und stach mit dem Schlachtermesser auf sein Opfer ein.

Dieter W. ging, so sollte es der Staatsanwalt später schildern, mit großer Brutalität vor. Er fügte der Frau Verletzungen am Bauch und an den Schultern zu und schnitt ihr schließlich die Kehle durch. Nadja S. schleppte sich noch einige Meter weit, stürzte schließlich eine Böschung hinab und starb. Dieter W. war seinen eigenen Angaben zufolge ein "Pulverfass mit einer brennenden Lunte". Er hatte am Tag zuvor nach einer Trennung seine bisherige Freundin vergewaltigt, auch sie hatte er mit dem Schlachtermesser bedroht. Die Nacht hatte er, alkoholisiert und mit "Chaos im Kopf" im Freien verbracht. Nach dem Verbrechen flüchtete Dieter W. Er wurde drei Tage später gefasst, als er mit dem Rad auf der Sauerlandlinie unterwegs war. Im April 1992 wurde er zu 15 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Vor lebenslanger Haft bewahrte ihn verminderte Schuldfähigkeit. Er habe, so heißt es in einem psychiatrischen Gutachten, eine schwer neurotische, schizoide, zur hohen Erregbarkeit und narzisstischen Kränkbarkeit neigende Persönlichkeit.

Nach Mord an Nadja S.: An Gießener Allgemeine Zeitung gewandt

Einen Tag nach dem Mord an Nadja S. wandte sich eine junge Frau, die ebenso wie die Ermordete im Studentenwohnheim Unterhof wohnte, mit einem Schreiben an die Redaktion der Gießener Allgemeinen: "Die Polizei schützt uns davor, dass wir in Ortschaften zu schnell fahren oder falsch parken. Wer beschützt uns Frauen nachts im Bergwerkswald?"

Dieser Brief war der Auftakt für eine aufgeregte öffentliche Diskussion - und für vehemente Forderungen nach mehr Sicherheit. Der damalige Pressesprecher der Polizei, Kurt Maier, erinnert sich an Gesprächsrunden, an denen neben den Frauenbeauftragten der Stadt, der Universität und des Landkreises auch Vertreter der Stadtwerke und des Studentenwerks teilnahmen. Während das Thema fast 30 Jahre nach dem Mord noch immer aktuell ist, erscheinen einige der damals diskutierten Maßnahmen wie aus einer längst vergangenen Zeit.

So wurde um die flächendeckende Installation von Notrufsäulen gestritten - in Zeiten allgegenwärtiger Smartphones heute nur noch schwer vorstellbar. Tatsächlich gab es eine Zeitlang ein Telefon an der Grenze zu Linden. Diese wurde jedoch unabhängig von dem Mordfall dort aufgestellt. Zu den Forderungen gehörte weiter eine - ebenfalls flächendeckende - Beleuchtung des Gebietes. Die wurde zwar ebenfalls nicht realisiert, jedoch wurde an vielen Stellen in der Stadt nachgebessert. Bis heute ist es ein Ziel, keine "Angsträume" entstehen zu lassen - mit mehr oder weniger großem Erfolg.

Appell an Frauen nach Tod in Gießen

Eine weitere Forderung war Polizeipräsenz. Im und um den Bergwerkswald müssten verstärkt Polizeistreifen eingesetzt werden. Bei der Debatte um präventive Maßnahmen bezog Maier damals heftige Schelte: Er appellierte an Frauen, nicht alleine im Wald spazieren zu gehen oder zu joggen. Das sorgte für einen Sturm der Entrüstung. Die Frauen sahen ihr Recht auf Selbstbestimmung eingeschränkt. Was für Männer selbstverständlich sei, müsse auch für Frauen gelten. Diese alte Diskussion wurde durch das aktuelle Verbrechen befeuert. Den Anspruch der Frauen, das wiederholte der Pressesprecher mehrfach, könne er durchaus nachvollziehen, aber die Realität sehe leider anders aus. "Mit dieser Haltung bringt man sich in Gefahr, das sehe ich auch heute noch so", bekräftigt Maier.

Maiers Rolle war damals nicht einfach, er saß zwischen den Stühlen. Anfang der 90er Jahre waren die Feindbilder noch sehr ausgeprägt: Polizisten galten in der Frauenbewegung als Gegner, nicht als Helfer. Zum Teil stimmte das sogar, erinnert sich Maier. Häusliche Gewalt beispielsweise galt als Privatsache. Auch als aus diesem "Antragsdelikt" ein Offizialdelikt wurde, dem die Polizei nachgehen musste, änderte sich diese Einstellung nur langsam. Maier beschäftigte sich viel mit diesem Thema, hielt Vorträge und schrieb Artikel für Fachzeitschriften - und wurde in den eigenen Reihen teils skeptisch beäugt. Er arbeitete eng mit den Frauenbeauftragten Ursula Passarge und Elisabeth Faber zusammen. In der Stadt war diese interdisziplinäre Zusammenarbeit Neuland. Sie führte dazu, dass sich Frauen ernst genommen fühlten und Ansprechpartner hatten.

Nach Mord in Gießen: Neues Bewusstsein

Keine Annäherung gab es dagegen mit der autonomen Szene, die ihre Haltung auf Straßen und Wege sprühte: "Alle Männer sind Vergewaltiger".

Bereits einige Jahre zuvor war unter rot-grüner Regierung in Gießen das erste Frauennachttaxi Deutschlands eingeführt worden. "Es gibt bei uns Gebiete, die sind bei Nacht von Frauen tatsächlich nicht mehr zu begehen", zitierte der Spiegel 1985 den damaligen SPD-Vorsitzenden Burkhard Schirmer. Dass in Gießen die Situation tatsächlich anders war als in vergleichbar großen Städten, lag unter anderem daran, dass Gießen nicht nur eine Universitäts- sondern auch eine Garnisonsstadt war. "Die Präsenz der US-Soldaten spielte eine Rolle, aber vieles kam damals nicht in die Öffentlichkeit", erinnert sich Maier.

Der Mord an Nadja S. sei ein Fanal gewesen, sagt Maier. Ein brutales Verbrechen wurde zur Initialzündung für ein neues Bewusstsein.

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