Seit Jahren Zankapfel zwischen Stadt und Naturschützern: Das Baugebiet "In der Roos" im Ortskern von Rödgen.
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Seit Jahren Zankapfel zwischen Stadt und Naturschützern: Das Baugebiet »In der Roos« im Ortskern von Rödgen.

Rödgen

Gießen: Streit um Baugebiet in Rödgen - Artenreiche Wiese bedroht

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Ein weiteres Kapitel im Streit um das Rödgener Baugebiet »In der Roos«: In einer an die Stadt gerichteten Petition erheben die Verfasser abermals Vorwürfe. Sie verweisen vor allem auf den Naturschutz.

Die Roos soll für immer blühen!«, lautet der Titel der vergangene Woche gestarteten Petition, die als offener Brief an die Verantwortliche in der Stadt gedacht ist. Die Verfasser wollen die geplante Bebauung auf einer Wiese im Rödgener Ortskern stoppen. »In der Roos ist Rödgens letzte alte Wiese innerorts. Dort leben die nach Naturschutzrecht streng geschützten Schmetterlinge Dunkler und Heller Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Die Wiese wird extensiv, biologisch und gezielt bläulingsgerecht bewirtschaftet und gepflegt«, schreibt Mitinitiator Daniel Witt in dem Begehren. Dahinter steht die kürzlich gegründete »Initiative für die Roos«. Rund ein halbes Dutzend Aktive tauschen sich hier aus. Ortsbewohner, Nachbarn oder beispielsweise der betroffene Biolandwirt Konstantin Becker machen sich jedoch schon länger für den Erhalt der Wiese stark. Becker sitzt seit der Kommunalwahl für die Fraktion »Rödgen gemeinsam gestalten« im Ortsbeirat. Wenn erstmal gebaut wird, hätten im Winter seine Schafe und Kühe keinen Auslauf mehr, sagt er. Außerdem müsste er eine Halle aufgeben.

Gießen: Petition gegen Bebauung auf Wiese in Rödgener Ortskern

Es gehe »bei weitem nicht allein um zwei gefährdete Schmetterlingsarten«, heißt es in der Petition. Artenvielfalt, Grundwasserfilter und Hochwasserschutz sind weitere Schlagworte. Die Initiative fordert von Magistrat, Bauausschuss und Naturschutzbehörde, den Bebauungsplan mit Ein- und Mehrfamilienhäusern fallen zu lassen.

Im Spätsommer 2019 wurde der Bebauungsplan für »In der Roos« fertiggestellt. Der Zwist hat in dem Gießener Stadtteil ein lange Vorgeschichte. In den 70er Jahren erstmals als innerstädtisches Baugebiet diskutiert, kam es erst um die Jahrtausendwende wieder ins Gespräch - als festgestellt wurde, dass das Rödgener Umland wegen seiner fruchtbaren Streuobstwiesen und anderer naturschutzrechlicher Belange größtenteils nicht als Bauland ausgewiesen werden kann.

Gießen: Artenreicher Wiese in Rödgen droht Versiegelung

»Ich halte das für eine falsche Entwicklung, eine artenreiche Wiese mit Häusern zu versiegeln«, sagt Finn Becker, Sohn von Landwirt Becker. »Wir haben in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft gewonnen, und Dürren und aktuell Überschwemmungen zeigen ja, dass viele Baupläne überholt sind«, untermauert der 22-Jährige im Gespräch. Der Wille zum Bau werde hier über andere Interesse gestellt.

In der Petition wird der Vorwurf erhoben, dass die Baugenehmigung aus verschiedenen Gründen rechtswidrig sei. Das vereinfachte Verfahren für den Prozess hätte nicht angewendet werden dürfen, weil das Gebiet zuvor nie bebaut war. Damit sei die Stadt um eine Umweltverträglichkeitsprüfung »herumgekommen«; überdies habe es »rechtliche Mängel« und Falscheinschätzungen bei den Abfang- und Ausgleichsmaßnahmen für den geschützten Schmetterling gegeben; die Population sei beispielsweise größer als vermutet. Aktuell werde die »Zerstörung der Wiese« betrieben. »Die Abwägungs- und Verfahrensfehler sind Grund genug, die Pläne zu stoppen«, betont der angehende Jurist.

Gießen: Magistrat kontert Kritik der Initiative

Der Magistrat der Stadt Gießen nimmt die Petition gegen die Umsetzung des seit 2019 rechtsgültigen Bebauungsplanes »In der Roos« zur Kenntnis. Wie Bürgermeister Peter Neidel auf Anfrage betont, vertrete der Magistrat aber »nach wie vor die Auffassung, dass auf allen Ebenen, sowohl in der Bauleitplanung, beim Artenschutz oder in der Bodenordnung rechtskonform gearbeitet wurde und wird«.

In der Petition werde von falschen Tatsachen ausgegangen. So argumentierten die Verfasser beispielsweise auf der Grundlage eines hier nicht angewandten Verfahrenstyps der Bebauungsplanung, dem vereinfachten Verfahren. »Der Bebauungsplan wurde jedoch im beschleunigten Verfahren aufgestellt, wozu auch Urteile dessen Anwendung in Fällen wie in Rödgen legitimieren«, sagt Neidel. Eine im angewandten Verfahren nicht erforderliche Umweltprüfung hätte zu keinem »wesentlich anderen Planungsergebnis« oder zur Aufgabe der Planungen geführt.

Die Anforderungen beispielsweise an die Kartierung geschützter Falter-Arten unterscheide sich in beiden Verfahren nicht. Dass gegenüber den aktuellen Erkenntnissen beim Abfangen der Ameisenbläulinge eine deutlich geringere Anzahl hochgerechnet wurde, bedauere der Magistrates. Dennoch werde durch weitere Abfangaktionen die artenschutzrechtlichen Anforderungen »vollumfänglich erfüllt«.

Gießen: 400 Personen unterzeichnen Petition

Mit Blick auf die Kritik an einer weiteren Flächenversiegelung verweist Neidel auf die Position des Magistrats, »dass der mitten in der Siedlungslage befindliche Standort In der Roos im besonderen Maße der Vorgabe des Baugesetzbuches entspricht«. Denn anstatt weitere Neubaugebiete am Ortsrand zu erschließen, sollten zunächst die inneren Flächenreserven genutzt

Mit 400 Unterzeichnern hat die Petition rund 20 Prozent ihrer Zielmarke erreicht, die Sammlung läuft noch zwei Monate. »Ich bin überrascht von dem großen Interesse in so kurzer Zeit«, sagt Becker. Er hofft, »dass die Grün-rot-rote Koalition das Vorhaben neu durchdenkt und eine andere Entscheidung trifft.«

Initiative lädt ein

Am morgigen Samstag (31. Juli) lädt die »Initiative für die Roos« ab 11 Uhr Interessierte zum Treffen In der Roos ein, um ihre Sicht der Dinge auf die Thematik zu erläutern und mit den Teilnehmenden zu diskutieren.

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