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Der Spazierweg im Schiffenberger Wald. Im Hintergrund die Autobahnunterführung, die genutzt würde, um den Verkehr zur Licher Straße zu führen.

Verkehrsgutachten

Baut die Stadt Gießen neue Straße durch Schiffenberger Wald?

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Der Bau einer Straße durch den unteren Schiffenberger Wald bleibt für die Stadt Gießen eine Option. Sie könnte den Autoverkehr rund um die Universität anders verteilen. Ein Beitrag zur Verkehrsvermeidung wäre das nicht.

Gießen - Als die Stadt vor Jahresfrist den Spazierweg zum Schiffenberg in Verlängerung des Alten Steinberger Wegs etwas verbreiterte und mit einer Asphaltdecke versah, raunte der ein oder andere Naherholungssuchende: »Das hat bestimmt was mit der Straße zu tun, die hier gebaut werden soll.« Ganz so abseitig war diese Vermutung offensichtlich nicht. Wie sich jetzt zeigt, hat die Stadt auf die Option, eine Straße durch den unteren Schiffenberger Wald zur Licher Straße zu bauen, um den Schiffenberger Weg und die Rathenaustraße zu entlasten, keineswegs aufgegeben.

Der soeben vom Stadtplanungsamt offengelegte Vorentwurf des Bebauungsplans »Philosophikum II« beinhaltet ein Verkehrsgutachten, in dem vier »Planfälle« untersucht wurden, um den Autoverkehr rund um den neuen Campus Philosophikum der Universität anders zu verteilen. In drei dieser Planfälle wurde der Bau neuer Straßen simuliert. In zwei Fällen führt sie vom Parkplatz des Phil. II unter der Autobahn hindurch auf bestehenden Waldwegen in die Rivers Automeile und weiter zur Licher Straße. In einem Fall führt die Entlastungsstraße vom Alten Steinbacher Weg durch das Gelände der Vitos-Klinik zur Licher Straße. »Planfall 4«, in dem die Folgen einer Reduzierung um 220 Parkplätze im Bereich des Campus Philosophikum untersucht wurden, wurde als zu wenig verkehrsentlastend verworfen.

Zur Diskussion stehen mithin die drei Varianten mit dem Neubau von Straßen zur Licher Straße. Wobei die Gutachter darauf hinweisen, dass die Unterführung der Autobahn 485 im Zuge des Alten Steinbachers Wegs im jetzigen Zustand zu schmal ist für eine zweispurige Straße mit Gehwegen. Die Variante mir einer Straße durch die Vitos-Klinik sei »zu klären«. Bislang lehnt die psychiatrische Landesklinik Durchgangsverkehr durch ihr Gelände ab und hat eigne Ausbaupläne für das Areal.

Neue Straße in Gießen? Disput zwischen OB und Bügermeister

Überlegungen, eine weitere Straßenverbindung zwischen dem Schiffenberger Weg und der Licher Straße zu schaffen, waren erstmals im Frühjahr 2018 öffentlich geworden, als Planungsdezernent Peter Neidel (CDU) die Idee in einer Bürgerinformationsveranstaltung von Stadt und Uni zum »Campus der Zukunft« erwähnte. Ein halbes Jahr später sorgte diese Überlegung in der Pressekonferenz des Magistrats für einen Disput zwischen Neidel und Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD). »Mit dieser Idee kann ich mich überhaupt nicht anfreunden«, sagte die Rathauschefin damals.

Die Überlegung mit der Waldstraße ist mit dem Ende September abgewählten CDU-Bürgermeister aber nicht verschwunden. Das Verkehrsgutachten stammt aus dem März, als Neidel noch im Amt war, und wurde nun in die Begründung des Vorentwurfs übernommen, der den aktuellen Planungsstand wiedergibt. Zuständige Dezernentin seit Oktober ist Grünen-Stadträtin Gerda Weigel-Greilich.

Irritierend vor dem Hintergrund der von der Stadtpolitik allenthalben propagierten Verkehrswende mutet der Umstand an, dass die Gutachter gemäß der von der Stadt vorgegebenen »Aufgabenstellung« nur verkehrsverlagernde-, aber - bis auf den Planfall mit dem Wegfall von 220 Parkplätzen - keine verkehrsvermeidenden Ansätze verfolgten.

Im Fokus der Untersuchung stand die Entlastung der beiden hoch belasteten Knotenpunkte Schiffenberger Weg/Rathenaustraße/Ferniestraße und Schiffenberger Weg/Karl Glöckner Straße/Steinberger Weg. Dies auch unter Berücksichtigung der geplanten neuen Straße, die unter der Bahnlinie Gießen-Gelnhausen hindurch zur Ferniestraße und dem Schiffenberger Weg führen soll. Dies wird nach Überzeugung der Gutachter zu einer »Verschlechterung des Verkehrsablaufs gegenüber dem Bestand« führen. Allerdings hat dieses Vorhaben für den Magistrat im Moment keine Priorität.

Neue Straße am Schiffenberg in Gießen? Parkpalette am Philosophikum II

Das Gutachten enthält Verkehrsmengenprognosen für die beiden neuen Straßen, die insgesamt rund 1800 bestehenden Uniparkplätze werden in den Planfällen unterschiedlich auf Phil. I und II verteilt. Im Kapitel »verkehrliche Erschließung« der Bebauungsplanbegründung ist sogar von einer Erweiterung des Parkplatzangebots die Rede, obwohl die Uniangehörigen den öffentlichen Personennahverkehr mit dem Semesterticket (Studierende) und dem Landesticket (Mitarbeiter) vergünstigt bzw. kostenlos nutzen können. »Perspektivisch« sei auf dem Parkplatz des Phil. II der Bau einer Parkpalette denkbar. So könne »das Volumen der zu Verfügung stehenden Stellplätze vergrößert werden ohne weitere Flächen in Anspruch zu nehmen«, heißt es da.

Wie das mit dem Anspruch zusammenpasst, der an anderer Stelle der Planbegründung formuliert wird, wird die Beratung des Bebauungsplans zeigen. Mit dem »Leuchtturmprojekt« der Justus-Liebig-Universität, dem »Campus der Zukunft«, verbindet die Stadt eigene Planungsziele. Zitat: »Umsetzung eines dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichteten Stadtbausteins sowie zukunftsorientierter Erschließungs- und Mobilitätskonzepte im Kontext des Gießener Verkehrssystems.«

Der Bebauungsplanvorentwurf »Philosophikum I« ist inklusive Umweltbericht, Verkehrs- und Klimagutachten noch bis Mitte Dezember öffentlich ausgelegt. Das Stadtparlament wird sich mit der Planung wohl Anfang nächsten Jahres befassen.

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