+

Doppeltes Jubiläum

Gießen strahlt im Röntgen-Jahr

  • schließen

Wilhelm Conrad Röntgen wäre in diesem Jahr 175 Jahre alt geworden. "Seine" Strahlen entdeckte er vor 125 Jahren. Die Gießener Universität würdigt dies.

Manchmal entdeckt Dagmar Klein merkwürdige Dinge auf Gießens berühmtestem Grab. "Zum Beispiel niederländische Visitenkarten, die in die Erde gesteckt wurden. Oder welche mit japanischen Schriftzeichen", sagt die Stadtführerin. Solche Hinterlassenschaften, zu denen auch ganz konventionell Blumen und Grabschmuck gehören, findet Klein vor allem dann, wenn Kongresse in der Stadt tagen. Gerade Medizinphysiker und Strahlenmediziner pilgern dann zum Alten Friedhof, um einem der Größten ihrer Zunft die Ehre zu erweisen: Wilhelm Conrad Röntgen.

Röntgen ist in Remscheid geboren und in München gest orben. Die nach ihm benannten Strahlen entdeckte er 1895 an der Universität von Würzburg, wofür er sechs Jahre später den ersten Nobelpreis für Physik im Spiegelsaal des Stockholmer Grand Hotels verliehen bekam. Das Rüstzeug dafür hatte er sich bei seinem Studium in Zürich und Straßburg erworben. Es gibt also viele Städte, mit denen Röntgen in Verbindung gebracht werden kann - und trotzdem ist es ausgerechnet Gießen, wo er seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Physiker Harald Lesch kommt

"Manche Menschen wollen das gar nicht glauben", erzählt Dagmar Klein. Die Kunsthistorikerin erinnert sich zum Beispiel an eine Stadtführung vor einigen Jahren, an der auch eine Gruppe aus dem Fränkischen teilgenommen hat. "Als sie hörten, dass im Theaterpark ein Röntgen-Denkmal steht, waren sie sehr erstaunt. Warum ausgerechnet in Gießen?" Die Gruppe hätte schlichtweg nicht geglaubt, dass "ihr" Nobelpreisträger, der die Strahlen in Würzburg entdeckt hatte, ausgerechnet in Mittelhessen beerdigt worden ist. Dabei war Röntgens Gießener Episode gar nicht mal so kurz.

Röntgen ist 34 Jahre alt, als er mit seiner gesamten Familie von Straßburg nach Gießen zieht. Er übernimmt den Lehrstuhl von Heinrich Buff, der damals einer der profiliertesten Physiker ganz Deutschlands ist. Röntgens erste Arbeitsstätte liegt in der Frankfurter Straße 10. Er forscht und lehrt in einem Anbau eines Hinterhauses, das sein Vorgänger Buff einst errichten ließ. Wenige Monate später findet Röntgen aber einen exklusiveren Arbeitsplatz. In dem neu errichteten Uni-Hauptgebäude in der Ludwigstraße bezieht der Physiker mehrere Räume in einem Seitenflügel. Ein prestigeträchtiger Ort, wie sich später zeigen sollte. Heute findet sich hier das Dienstzimmer des Uni-Präsidenten Joybrato Mukherjee.

Wer mit offenen Augen durch Gießen läuft, wird an der ein oder anderen Ecke Hinweise auf den Nobelpreisträger entdecken. Neben dem Grab auf dem Alten Friedhof erinnert vor allem das imposante Denkmal im Theaterpark an das Schaffen des Physikers. Die den Stein durchbrechenden Stäbe symbolisieren die Strahlen, die außerhalb Deutschlands "X-Ray" genannt werden. Das Denkmal wurde 1962 aufgestellt, geschaffen hat es der Künstler Erich Fritz Reuter. An Röntgens altem Arbeitsplatz im Uni-Hauptgebäude erinnert zudem eine Büste des Künstlers Ernst Kunst an Röntgen. Jetzt, da der 175. Geburtstag des Physikers bevorsteht, hat die Uni, die seit 1960 auch den Röntgen-Preis an Nachwuchswissenschaftler verleiht, noch weitere Pläne. "Die JLU wird im Röntgen-Jahr eine Reproduktion der Nobelpreis-Urkunde von Röntgen im Flur des ehemaligen Physikalischen Instituts im Universitätshauptgebäude aufhängen", teilt die Pressestelle auf Nachfrage mit.

Zudem sei für das Sommersemester eine Veranstaltungsreihe geplant, an der unter anderem der Wissenschaftsjournalist Harald Lesch teilnehmen wird. Nicht zuletzt soll es Spaziergänge auf Röntgens Spuren geben. Der Rundgang dürfte auch an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Südanlage 17 vorbeiführen, wo eine Gedenktafel zu seinen Ehren angebracht ist. Lange wohnte er hier jedoch nicht.

Spaziergänge auf Röntgens Spuren

Nach seinem Umzug von Straßbourg nach Gießen zieht Röntgen in das spätklassizistische Gebäude in der Südanlage, wo er mit seiner Ehefrau Berta im dritten Stock residiert. 1880 verstirbt Mutter Constanca, vier Jahre später Vater Friedrich, die im Nebenhaus Nummer 18 lebten. Ein paar Jahre später wechselt der Physiker in die großzügigere Wohnung des Hauses Südanlage 9. Das Paar lebt hier mit der einzigen Tochter Josephina, die sie von Berta Röntgens Bruder adoptiert haben. 1888, als Röntgen eine Stelle als ordentlicher Professor an der Universität Würzburg angeboten wird, endet Röntgens Gießener Episode. Zumindest zu Lebzeiten.

Am 10. Februar 1923 stirbt Röntgen an Darmkrebs. In seinem Testament hat er verfügt, dass er in Gießen begraben werden will. Am Alten Friedhof im Familiengrab, in dem schon seine Eltern liegen, findet er seine letzte Ruhestätte.

In diesem Jahr, 97 Jahre nach Röntgens Tod, wird Gießens berühmtestes Grab noch ein wenig berühmter werden. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Dagmar Klein in den kommenden Monaten besonders viele Gedenkstücke auf dem Friedhof findet. Vor allem am 27. März. Dann wäre Röntgen 175 Jahre alt geworden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare