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Schlammbeiser Peter Meilinger auf dem Alten Friedhof am Grabstein der Familie von Konrad Vogt. Die musste den Tod von gleich zehn Kindern beklagen. Ihre Porträts erkennt man noch heute auf dem Grabstein an der Kapelle. FOTO: SCHEPP

Gießen stank einst fürchterlich

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Seuchen gab es in der Geschichte der Menschheit schon immer. Im Angesicht der aktuellen Corona-Pandemie lohnt sich der Blick in die Vergangenheit. Wie haben Menschen in Gießen früher auf solche Bedrohungen reagiert? Welche Seuchen und Krankheiten rafften sie dahin? Wer wüsste da besser Bescheid als Gießens Schlammbeiser alias Peter Meilinger, der bei seinen Stadtführungen vom Leben und Hygiene im Gießen zwischen 1850 und 1903 erzählt. Wir trafen ihn zum Interview auf dem Alten Friedhof.

Wie sehen Sie als Schlammbeiser, der sich seit dem Mittelalter mit Hygienefragen auskennt, die aktuelle Lage?

Schlammbeiser: So schlimm es auch im Moment ist, solche Seuchen hat es in der Geschichte schon immer gegeben. Wir haben aber ein wahnsinniges Glück, dass wir hier und heute leben. Wir haben eine gut funktionierende Medizin, vernünftige Hygiene und Politiker, die an einem Strang ziehen.

Gießen stank einst zum Himmel, sauberes Trinkwasser war Mangelware. Welche Rolle spielte dabei der Schlammbeiser?

Schlammbeiser: Der Schlammbeiser hat schon mit der Entstehungsgeschichte der Stadt zu tun. Gießen ist in einem Sumpfgebiet gegründet worden. Das ist ungewöhnlich. Städte wie Wetzlar oder Marburg lagen eher auf einem Berg. Da wurde das Nachtgeschirr morgens vom Fenster direkt auf die Gasse entleert. Wenn es regnete, sprachen die Leute dann auch vom "Scheißwetter", denn der Regen hat die Straßen wieder sauber gewaschen und alles ins Tal gespült. Je höher man wohnte, umso reicher waren die Leute. Die Armen mussten den Dreck der Reichen an sich vorbeilaufen lassen. Dieses System hat aber nicht in Gießen funktioniert. Wenn im Sumpf der Pegel stieg, hat es nur noch schlimmer gestunken. Daher bestanden die Ratsherren darauf, dass alle Bürger über zwei Utensilien verfügten: einen Eimer zum Feuerlöschen und das Schlammbeisen. Das war ganz früher nicht das gebogene Eisen, das ich bei mir habe und mit dem ich die Tonnen vorgezogen habe, sondern eine Art Schneeschieber. Mit dem musste jeder vor seinem Haus Dreck weiterschieben. Der landete dann im Bach. Klingelbach und Wieseck brachten den Dreck zur Lahn und von dort floss er die Lahn herunter gen Wetzlar.

Dann war die Lahn damals wohl auch nicht sonderlich sauber?

Schlammbeiser: Auch das Wasser in den Brunnen war verseucht. Wer daraus getrunken hat, ist daran gestorben. Daher haben die Menschen früher Wein und Bier getrunken. Das sieht man auch in Gießen am Brunnen vor dem Museum, der früheren Wasserburg. Alle Menschen, die damals hier Zuflucht suchten, nutzten den. In der Regel waren das Bauern, die Angst vor Überfällen hatten. Die haben Rinder, Schweine und Hühner mitgebracht. Und die liefen herum. Die menschliche Notdurft kam noch dazu. Das konnte das Erdreich gar nicht filtern. Daher waren die Brunnen Brutstätten für Cholera, Pest und alles mögliche.

Und welche Rolle spielte der Schlammbeiser?

Schlammbeiser: Erst um 1850, als Gießen als Garnisons- und Universitätsstadt enorm gewachsen war, verzweifelten die Ratsherren, weil niemand mehr die Hinterlassenschaften entsorgte. Die Stadt hat damals entschieden, mehr Steuern einzufordern und dafür den Dreck selbst wegmachen zu lassen. Dafür wurde die Tonnengesellschaft gegründet. An jedes Haus kamen, wie Nistkästen, Toiletten an die Außenseite. Die Hinterlassenschaften fielen in eine Tonne, die der Schlammbeiser nachts entsorgte. Der hat seinen Karren nicht mehr in das Wasser entleert, sondern zum Rodtberg gefahren, dort wo heute das Sandfeld ist. Das war ein großer Schritt für mehr Hygiene. Und außerdem verkaufte der Schlammbeiser das Material als Düngemittel an die Bauern und hatte damit eine zusätzliche Einnahmequelle.

Es muss wohl sehr gestunken haben in der Stadt?

Schlammbeiser: Es gibt Berichte aus der Zeit, wonach man Gießen schon riechen konnte, bevor man es sehen konnte. Das war aber ein Problem von vielen Städten, wenn auch in Gießen durch den Sumpf wohl noch stärker. Und außerdem gab es auch noch Färber und Gerber. Wenn die montags die Urintonnen aus den Kneipen geholt haben, um den Urin für den Blaudruck zu kochen, dann stank es fürchterlich.

Welche Seuchen haben die Gießener heimgesucht?

Schlammbeiser: Cholera, Pest, Typhus. Danach haben Soldaten die Ruhr verbreitet und dann gab es noch die Spanische Grippe am Anfang des letzten Jahrhunderts. In Gießen soll damals eine Schaffnerin während der Fahrt tot umgefallen sein. Die starb an der Spanischen Grippe. Wer krank war, hat oft bis zum letzten Atemzug gearbeitet - und dabei natürlich auch wieder viele andere angesteckt.

Wie sah es damals mit der Kindersterblichkeit aus?

Schlammbeiser: Professor Winkelmann (zeigt auf dessen Grabstein am Eingang des Friedhofs) war im 19. Jahrhundert einer von drei Theologen, die die Universität von Marburg nach Gießen gebracht haben. Er hatte ein Dutzend Kinder mit drei verschiedenen Frauen. Da denkt man nun, was das wohl für ein wilder Bursche gewesen sein muss. Doch weit gefehlt: Seine Ehefrauen sind alle im Kindbett gestorben, wegen mangelnder Hygiene. Und als Professor konnte er nicht bei seinen Kindern daheim bleiben. Also hat die Universität ihm immer schnell wieder eine Frau besorgt, die sich um seinen Haushalt kümmerte - und dann prompt schwanger wurde. Es haben übrigens nur vier seiner Kinder die Eltern überlebt. Die meisten seiner Kinder sind ihm weggestorben. Pest, Cholera, Thyphus waren damals ständige Begleiter in der Stadt.

Das hat auch mit dem Alten Friedhof zu tun, oder?

Schlammbeiser: Früher gab es den Pestacker. Nach den großen Pestepidemien, etwa zu Beginn des 16. Jahrhunderts, brauchte man Platz für die Toten. Man geht heute davon aus, dass der erste Friedhof von Gießen dort lag, wo das Dorf Selters war, also nahe der heutigen Unikliniken. Doch die Leichen den Berg hoch zu schleppen, war kaum zu schaffen. So kam man auf die Idee, ein großes Feld hier, wo sich heute der Alte Friedhof befindet, zu nutzen. Der Anfang waren wohl Massengräber.

Wo heute das Gärtnerhäuschen steht, da hatte der damalige Arzt Wortmann das Wortmann-Haus errichten lassen. Es war eine riesige Halle, in der die Toten erst einmal gelagert wurden. Der Friedhofswärter wohnte darin in einer Wohnung und man erzählt sich die Geschichte, dass er dort bei den Leichen wohnen musste, um zu hören, wenn eines der Glöckchen an deren Zehen geklingelt hätte, falls derjenige nicht tatsächlich tot gewesen wäre.

Es sind noch im 19. Jahrhundert Menschen in Gießen an Pest und Cholera gestorben. Das kann man sich kaum vorstellen.

Schlammbeiser: Das hatte auch mit den hygienischen Verhältnissen in der Stadt zu tun. Gießen bekam erst 1903 eine Kanalisation und sauberes Trinkwasser. Danach ging in der Stadt schlagartig die Kindersterblichkeit um 75 Prozent zurück.

Aber warum war Gießen so spät dran mit dem Ausbau einer Kanalisation?

Schlammbeiser: Es gab Städte, die waren noch später. In Gießen hat man aber immer gejammert, dass nicht genug Geld vorhanden wäre. Und dann gab es Professor Gaffky, einen Bakteriologen. Der war hoch angesehen und hat darauf bestanden, dass endlich auch in Gießen per Kanalisation sauberes Trinkwasser gebracht werden kann. Er drohte Gießen zu verlassen, wenn die Ratsherren dies nicht beschließen würden. Er hat auch dafür gesorgt, dass in Gießen das ehemalige Volksbad gebaut wurde. Alles hing mit dieser Hygienegeschichte zusammen. Schade, dass Gaffkys Name in Gießen, bis auf die nach ihm benannte Straße, heute so wenig bekannt ist. Er hat noch nicht einmal ein Denkmal.

Gießen war doch damals schon Universitätsstadt. Warum waren die hygienischen Verhältnisse lange noch so schlecht?

Schlammbeiser: Es hat schon mal lange gedauert, bis man den Zusammenhang von Seuchen und mangelnder Hygiene erkannt hat, etwa, dass die Pest von Ratten übertragen wird. Seuchen wurden außerdem lange als Strafen Gottes für die Menschheit angesehen. Man hat es hingenommen.

Und wie war das mit der Cholera in Gießen?

Schlammbeiser: Die bedrohte die Stadt, als viele Menschen nach Amerika auswandern wollten. Hamburg war damals so voller Menschen, die per Schiff auswandern wollten, dass sämtliche Hygiene nicht funktionierte. Jeder Hühnerstall war vollbesetzt mit Menschen, die auf ein Schiff gewartet haben. Kot, Unrat und Müll lagen meterhoch auf den Straßen. Und das löste letztendlich auch die Cholera aus. Als diese Welle auf Gießen zurollte, hat man erkannt, dass etwas passieren musste. Gießen hatte, dank Hygiene-Professor Georg Gaffky, der auch 1896 Leiter der Pestexpedition des Deutschen Reiches nach Bombay war und das Institut für Medizinische Mikrobiologie in Gießen gründete, eine der ersten Cholera-Baracken. Gießen ist so damals von der Cholera verschont geblieben.

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