Mobbing in der Chatgruppe erleben viele Jugendliche.	SYMBOLFOTO: DPA
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Mobbing in der Chatgruppe erleben viele Jugendliche. SYMBOLFOTO: DPA

Digitaler Terror

„Hater-Gruppen“ sind Schulalltag in Gießen: „Digitale Gewalt“ trifft Kinder und Lehrkräfte

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Was früher die Schulhof-Gang war, ist heute die „Hater-Gruppe“. Ein Bericht der Schuldezernentin gibt einen Eindruck vom digitalen Alltagsterror an Gießener Schulen.

  • Digitale Gewalt gehört auch an den vielen Gießener Schulen zum Alltag dazu.
  • Laut einer Umfrage kennen 37 Prozent der 12-19-Jährigen jemanden, der schon mal per Internet gemobbt wurde.
  • Gießens Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser gibt in ihrer Antwort an eine FDP-Anfrage einen Einblick.

Gießen - Morddrohungen gegen Mutter und Geschwister, Penisbilder auf den Smartphones von Grundschülern oder ein Hitler, der in der Sprechblase sagt: »Du bis witzig. Dich vergase ich später.« Das Cyber-Mobbing hat viele schreckliche Gesichter und ist längst zu einem flächendeckenden Problem an den Schulen geworden. Wie ernst diese Entwicklung von Pädagogen, Polizei und den für die Schulen verantwortlichen Politikern genommen wird, zeigt schon die Ausführlichkeit, in der Gießens Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser eine parlamentarische Anfrage der FDP-Stadtverordneten Manuela Giorgis zum Thema »digitale Gewalt« beantwortet hat.

Digitale Gewalt an Gießener Schulen finde sich in Chatverläufen und Bildern wieder, in denen Betroffene bedroht, beschimpft, belästigt oder beleidigt würden, erklärt die SPD-Stadträtin. Filme würden widerrechtlich produziert und veröffentlicht. »Darunter befinden sich auch gewaltverherrlichende Videos und sexualisierte Bilder, die von Schülern konsumiert und verbreitet werden«, schreibt Eibelshäuser.

Digitale Gewalt: Zunahme an Gießener Schulen während Corona-Pandemie

Als Medium würden unter anderem auch Klassen- und Gruppenchats sowie sogenannte »Hater-Gruppen« genutzt. Manche von Schülern genutzte Apps dienten ausschließlich dem Zweck, andere zu beleidigen und zu »dissen«. Darüber hinaus würden Telefonnummern ohne Rücksprache mit den Besitzern weitergegeben, was dazu führe, dass Betroffene anonyme Nachrichten erhielten. Eibelshäuser: »Betroffen sind häufiger Schüler, aber auch Lehrkräfte waren Opfer von digitalen Übergriffen.«

Verlässliche Zahlen kann die Stadt nicht nennen, es sei aber davon auszugehen, dass es eine hohe Dunkelziffer gebe. Insbesondere die Unsicherheit bei Betroffenen, ab wann es sich bei einem Post um Gewalt handele, spiele eine Rolle. »Es ist sehr wahrscheinlich, dass mit zunehmender Nutzung von digitalen Medien, insbesondere auch in Zeiten der Corona-Pandemie, die digitale Gewalt weiter zunimmt. Was bisher im persönlichen Kontakt verankert war, verlagert sich zum Teil in die digitale Welt«, heißt es in einer Antwort auf die FDP-Anfrage.

Dokumentiert werden können nur Fälle, die zur Anzeige gebracht oder bei Beratungen angesprochen wurden. Von der Jugendkoordinatorin der Gießener Polizei, Antje Suppmann, sei dem Schulamt rückgemeldet worden, dass diejenigen Fälle, die zur Anzeige gebracht würden, in verschiedene Deliktbereiche unterteilt seien. Den Straftatbestand »Digitale Gewalt« gebe es nicht. Die Taten liefen unter Bedrohung, Beleidigung sowie Beleidigung auf sexueller Basis.

Digitale Gewalt: Handyverbot an Gießener Schulen führt zu Verlagerung

Dass mehr Fälle bekannt werden, hängt laut Eibelshäuser mit dem geänderten Anzeigeverhalten zusammen. Schüler, Lehrer und weitere pädagogische Fachkräfte seien schneller bereit, Cyber-Mobbing als solches zu benennen. Gießener Schulen hätten mit verschiedenen Maßnahmen reagiert, die unterschiedliche Wirkungen zeigten. Unter anderem sei ein Handyverbot während der Unterrichtszeit eingeführt worden. Bilanz laut Schuldezernentin: »An einer Schule hat das Verbot zumindest nach Eindruck aller Beteiligten zur Eindämmung digitaler Gewalt geführt hat, in anderen Fällen wurden diese dadurch eher in den Freizeitbereich verlagert.«

Auf die Frage nach Gegenmaßnahmen verweist Eibelshäuser zunächst auf lange erprobte Instrumente wie die Schulsozialarbeit, den Einsatz unterrichtsbegleitender sozialpädagogischer Fachkräfte oder auf die Verbindungs- und Klassenlehrer als Ansprechpartner. Einige Schulen böten darüber hinaus Arbeitsgruppen an, in denen ältere Schüler zu »Digitale Helden« oder Mediationslotsen ausgebildet würden. Schulseelsorger und Medienschutzbeauftragte ergänzten die Angebote.

Digitale Gewalt: So gehen Gießener Schulen mit dem Thema um

Projekte zur Vorbeugung begännen in der Regel in Klasse fünf, um die Kinder frühzeitig im Umgang mit dem Internet zu sensibilisieren. Als Beispiele werden genannt:

  • Zu Beginn der Schulzeit lässt die Ricarda-Huch-Schule eine Mediennutzungsvereinbarung von den Schülern unterschreiben. Informiert über digitale Gewalt wird zudem auf Infowänden und bei Elternabenden.
  • Die Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten hat einen Digitalkodex verfasst, der fächerübergreifend thematisiert wird und dem sich jeder Schüler verpflichten muss.
  • Schulen führen Netzwerktreffen durch, an denen das Kommissariat für Kinder- und Jugendkriminalität der Polizei, der Verein Wildwasser, Violence Prevention Network, die Bildungsstätte Anne Frank aus Frankfurt, Schulpsychologen und die Jugendförderung der Stadt teilnehmen.
  • Auf bekannte Präventionsprojekte wie No Blame Approach (Ansatz ohne Schuldzuweisung) greift die Aliceschule zurück.

Zentral indes bleibt laut Eibelshäuser das Einzelgespräch mit dem betroffenen Jugendlichen und bei minderjährigen Schülern das Gespräch mit ihren Eltern.

Digitale Gewalt: Mädchen häufiger betroffen als Jungen

In der Altersgruppe der Zwölf- bis 19-Jährigen geben in einer Umfrage 37 Prozent an, dass in seinem Bekanntenkreis schon einmal jemand im Internet oder per Handy fertig gemacht wurde. Mädchen haben dies mit 42 Prozent schon häufiger erlebt als Jungen (31 Prozent). An Gymnasien sind mit 33 Prozent weniger Jugendliche von digitaler Gewalt betroffen als bei den Schultypen Real-/Hauptschule (45 Prozent). www.klicksafe.de

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