Auch in der Stadt Gießen sorgt das Corona-Virus für einen Anstieg der Sterbefälle. 	FOTO: DPA
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Auch in der Stadt Gießen sorgt das Corona-Virus für einen Anstieg der Sterbefälle. FOTO: DPA

Trauriger Höchststand

Gießen: Erhebungen belegen „Corona-Todeswelle“ im Dezember

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Im Dezember sind fast doppelt so viele Gießener verstorben wie zum gleichen Zeitraum in den Vorjahren. Es liegt auf der Hand, dass Corona eine große Rolle spielt - nicht nur durch die direkte Virus-Infektion.

  • Im Dezember 2020 sind in Gießen fast doppelt so viele Menschen verstorben wie in den Vorjahren.
  • Zwar spielt das Corona-Virus eine große Rolle in dem Anstieg, ist aber nicht alleine dafür verantwortlich.
  • Laut einer Studie von Holger Nef ist auch die Anzahl an kardiovaskulären Todesfällen gestiegen.

Gießen - Hinter jedem Tod steckt eine Geschichte. Von hochbetagten Senioren, die friedlich eingeschlafen sind. Aber auch von jungen Menschen, deren Leben viel zu früh endete. Aus Statistiken lassen sich diese Begleitumstände selten herauslesen, die nackten Zahlen dominieren.

Gießen: Todeszahlen haben sich im Dezember im Vergleich zu Vorjahren verdoppelt

So auch in der Liste, die die Stadt Gießen auf Anfrage dieser Zeitung herausgegeben hat. Trotzdem dürfte die nüchterne Auflistung vielen Menschen Sorgen bereiten. Vor allem mit Blick auf die zwölfte Spalte. Demnach sind im Dezember des vergangenen Jahres 112 Gießener Bürger gestorben. Das sind fast doppelt so viele wie in den Vorjahres-Dezembern.

Kein Wunder, dass Claudia Boje, die Leiterin des Gießener Standesamts, beim Blick auf die Statistik sagt: »Auch wenn wir die genauen Todesursachen nicht kennen, stehen die Gießener Zahlen doch im bundesweiten Trend der Corona-Todeswelle im Dezember. Das ist auch für Gießen ein ganz trauriger Höchststand, der uns zeigt, wie nah und gleichzeitig bedrohlich das Virus für uns alle ist. Und der uns daran erinnert, dass wir sehr vorsichtig sein müssen.«

Landkreis Gießen: Aktutell 129 Corona-Todesfälle seit Pandemie-Beginn

In Deutschland sind seit Ausbruch der Pandemie fast 40 000 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben, in Hessen waren es 3200. Der Landkreis Gießen verzeichnet bisher 129 Todesfälle, wovon alleine 90 auf den Dezember fallen. Auch für die Stadt liefert der Kreis auf Nachfrage Zahlen. Demnach sind seit Ausbruch der Pandemie 33 Personen verstorben, im Dezember waren es 21 positiv getestete Gießener.

Das allein sagt nur bedingt etwas über die tödlichen Folgen des Virus aus. Ein 95-jähriger Greis, der an Covid-19 stirbt, wäre womöglich wenige Tage später auch ohne Infektion gestorben. Daher liefert die Übersterblichkeit Erkenntnisse. Laut Statistischem Bundesamt sind alleine im November in Deutschland 11 Prozent mehr Menschen gestorben als in den Vorjahren. Für Dezember liegen die Werte noch nicht vor.

Gießen: Rekord-Todeszahlen im Dezember

Die Liste mit den in Gießen gemeldeten Verstorbenen zeigt, dass der Dezember mit 112 Todesfällen (2019: 63) einen erheblichen Ausreißer darstellt. Im November waren es »nur« 63 (2019:56), im Oktober 69 (2019:52). Was auffällt: Im Sommer hat sich die Zahl der Todesfälle mit Blick auf die Vorjahre kaum verändert.

Eine weitere von der Stadt bereitgestellte Statistik bestätigt den traurigen Trend. In diesem Dokument werden alle Menschen erfasst, die im Stadtgebiet gestorben sind. Also beispielsweise auch Wetzlarer Bürger, die im Uniklinikum verstarben. Bereits die November-Werte haben sich erhöht, und zwar von 167 in 2019 auf 185. Vor allem aber im Dezember ist der Anstieg deutlich: Während es 2019 202 Tote waren, gibt die Statistik für 2020 260 Verstorbene an.

Todesursachen enthalten die Gießener Listen nicht. Aber die Zahlen des Landkreises belegen den Einfluss von Corona. Patric Stromberg, der bundesweit elf Bestattungshäuser betreibt, sieben davon in und um Gießen, kann diesen Trend zudem mit seinen eigenen Erfahrungen belegen. »Der Dezember war der Wahnsinn, die Zahl der Todesfälle ist spürbar nach oben gegangen.« Allein seine Bestatter hätten sich im Dezember um 70 Verstorbene gekümmert, 26 davon seien mit dem Coronavirus infiziert gewesen. Das sind 37 Prozent.

Gießen: Verdopplung der Todeszahlen liegt nicht allein an Corona-positiven

Die Verdopplung der Todeszahl in Gießen lässt sich aber nicht alleine mit den 21 positiv getesteten verstorbenen Stadtbürgern erklären. Eine Antwort könnte eine Studie von Holger Nef liefern, dem stellvertretenden Direktor der Medizinischen Klinik I Kardiologie und Angiologie am UKGM. Die kürzlich veröffentlichte Studie vergleicht die Zahl der kardiovaskulären Todesfälle zwischen dem 23. März und dem 26. April 2020, also während des ersten Lockdowns, mit dem gleichen Zeitraum in 2019.

Ergebnis: Während des Lockdowns starben knapp zwölf Prozent mehr Menschen in Hessen wegen eines Herzversagens als im Vergleichszeitraum 2019. Als mögliche Gründe nannte Nef die Sorge der Menschen, sich im Krankenhaus oder beim Arzt mit Corona anzustecken, andere wollten womöglich das Gesundheitssystem nicht zusätzlich belasten und blieben daher auch bei Warnsignalen zu Hause. Einige der Patienten haben ihre Zurückhaltung offenbar mit dem Leben bezahlt.

Gießen: Neben Corona-Todesfällen auch viele Herz-Tote

Mit Blick auf die aktuellen Zahlen der Stadt Gießen sagt Nef: »Die Verdopplung der Todesrate beunruhigt, da dies einmal mehr zeigt, dass neben den Todesfällen durch Covid wahrscheinlich auch kardiovaskuläre Todesfälle zugenommen haben. Wenn man dies mit den erhobenen Daten aus der ersten Welle der Pandemie vergleicht, dann muss man einmal mehr dazu aufrufen, Warnsignale des Herzinfarktes nicht zu missachten und entsprechend bei Symptomen den Arzt aufzusuchen.«

Nefs Ergebnisse zeigen: Die Zahl derer, die wegen Corona ihr Leben verloren haben, könnte weitaus höher liegen. Am Uniklinikum wurden am Mittwoch 107 Patienten mit Covid-19 behandelt. Davon lagen 47 auf einer Intensivstation. Insgesamt gab es in der Stadt 856 aktive Corona-Fälle, 30 mehr als am Vortag. Auch die 7-Tage-Inzidenz stieg, von 218 auf 245.

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