Viele Gastwirte in Gießen sind frustriert wegen der Sperrstunde.
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Viele Gastwirte in Gießen sind frustriert wegen der Sperrstunde.

Besuch auf der Kneipenmeile

Gießen: Ludwigstraße durch Sperrstunde wie ausgestorben – „23 Uhr ist sehr knapp“

  • vonChristian Schneebeck
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Ab sofort ist Schluss, wenn es eigentlich erst richtig losgeht. Die Corona-Sperrstunde trifft Kneipen und Bars in Gießen. Viele Wirte und Gäste reagieren in der Ludwigstraße mit Unverständnis.

  • In Gießen gilt wegen Corona eine Sperrstunde ab 23 Uhr.
  • Wie sieht es an einem Samstagabend auf der Ludwigstraße aus?
  • Auf Gießens Kneipenmeile herrscht Frust – bei Gästen und Gastronomen.

Gießen – Der neueste Schutz hängt erst einige Stunden. Seit Freitag trennen Plastikfolien die Tische im hinteren Teil des Ritzis. Am Samstagabend um kurz nach 20 Uhr steht Juliane Färber zwischen den Vorhängen in der fast leeren Bar und blickt auf die Reservierungsschilder: 22 Uhr, 22.30 Uhr, 22 Uhr. Die Geschäftsführerin zuckt mit den Schultern. »Ob die Gäste wie geplant kommen, wissen wir nicht«, sagt sie.

Falls sie erscheinen, wird es lediglich eine Stippvisite. Denn um 23 Uhr müssen alle Gaststätten im gesamten Landkreis und damit auch in der Stadt Gießen nach der jüngsten Corona-Verordnung schließen. Sie gilt zunächst bis 1. November. »Extrem bitter« sei das für ihren Betrieb, betont Färber. Normalerweise wäre das Ritzis bis frühmorgens offen. Ein Großteil des Umsatzes wird am Wochenende nachts gemacht. Ab sofort ist damit Schluss.

Gießen: Wenige Besucher in den Kneipen – „Müsste sofort klagen“

Ganz egal, wo man auf Gießens beliebtester Kneipenmeile vorbeischaut, überall bietet sich an diesem Abend das gleiche Bild: Ziemlich wenige Besucher, mehr oder weniger frustrierte Wirte und denkbar wenig Verständnis für die neue Regel. Nun träfen sich die Leute eben zu Hause, ohne dass jemand Sicherheitsabstände kontrolliere, meint zum Beispiel Matthias Mohr. Mit zwei Freunden verarbeitet er im Klimbim gerade die Pokalpleite der 46ers. »Als Gastwirt würde ich sofort klagen«, schimpft der Jurist. »23 Uhr ist halt sehr knapp«, stimmt einer seiner Begleiter zu. Der andere ist in der Uniklinik tätig und sieht dort »bisher kaum schwer kranke Corona-Patienten«.

Kaum Kundschaft sieht Chris Sinn bei seiner Schicht im Apfelbaum. Handgezählte und fein säuberlich dokumentierte fünf Personen hätten den Laden seit der Öffnung um 15 Uhr betreten, berichtet er beinahe sechs Stunden später. »Die Menschen sind verunsichert oder haben einfach keine Lust, so früh wegzugehen«, mutmaßt Sinn, der als Student »auf den Job angewiesen« ist. Dass von einem Tag auf den anderen nun keine Schlange mehr vor der Tür auf Einlass wartet, nimmt er dennoch mit Galgenhumor: »Ich habe meinen Chef heute wohl mehr gekostet, als er verdient hat.«

Schöne Stunden in der Kneipe? Ab 23 Uhr ist in Gießen ab jetzt Schluss.

Gießen: Sperrstunde verschieben?

Sinns Chef sieht die Sperrstunde unterdessen »zweigeteilt«. Zwar glaubt auch Torsten Ströher, die Menschen könnten künftig »unüberwacht« in den eigenen vier Wänden feiern und trinken statt in coronagerecht eingerichteten Kneipen, Clubs oder Bars. Andererseits seien viele Gäste besonders zu fortgeschrittener Stunde auch dort schwer auf Abstand zu halten, räumt der Gastronom ein und unterbreitet einen Vorschlag zur Güte: Verlege die Politik die Sperrstunde nur ein Stückchen weiter nach hinten, auf 24 oder 1 Uhr, könnten etliche Kollegen deutlich besser mit ihr leben.

Dieselbe Rechnung macht Klaus Göttmann vom Ihring’s auf. Um Mitternacht zu schließen habe vielleicht sogar Vorteile, vermutet er. Die Zeit, die dann für seine Kneipe wegfalle, sei nämlich ohnehin nicht sonderlich umsatzstark. Jetzt bedeute die Sperrstunde aber einen Schlag ins Kontor. Göttmann erzählt, dass Gäste »erst seit ein, zwei Wochen« überhaupt wieder bereit seien, in geschlossenen Räumen einzukehren. »Ich dachte eigentlich, das Schlimmste ist überwunden«, sagt er. Ähnlich klingt Peter Tydeman vom Ascot. Während die meisten Tische in dem Pub verwaist sind, bemüht er ein britisches Sprichwort: »There’s not to reason why, there’s just to do or to die.«

Gießen: Um 23.15 ist die Ludwigstraße wie ausgestorben

Nach 21 Uhr füllt sich das Ritzis doch noch relativ gut. Und auch im Klimbim hat Jan Menken hinter dem Tresen am Ende reichlich zu tun. Als der Student John und sein Kumpel den Laden betreten, wird die Zeit aber schon gefährlich knapp.

Bei Jacky Cola und Pils ärgern sich die beiden über eine ihre Meinung nach »völlig sinnlose Idee«, die nur Augenblicke nach dem letzten Schluck dann Realität wird. Die Musik verstummt um 22.58 Uhr. Binnen zwei Minuten verlässt ein Dutzend Gäste die Kneipe. Eine weitere Viertelstunde später wirkt die Ludwigstraße fast wie ausgestorben.

Ein Eilantrag eines Gießener Gastronoms gegen die Sperrstunde war am Freitag vom Verwaltungsgericht abgelehnt worden.

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