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Der Chef des Späti in der Dammstraße, Michael Dayan, lugt aus seinem Fensterverkauf.

Reportage

Zwischen Dönerdunst und Nordanlage: Eine kleine Ode an den Späti in der Gießener Dammstraße

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Heute wie damals ist der Spätkauf in der Dammstraße für unseren Autor ein unverzichtbarer Teil seines Gießens. 

Gießen – Vergangenen Mittwochnachmittag. Windig, regnerisch. Wie so oft in der letzten Zeit. Dann endlich durchbricht die Sonne mal für einen Moment die graue Suppe. Ich mache mich auf Richtung Späti, über die Nordanlage in die überwiegend triste Dammstraße. Dieser würzig-fleischige Geruch wird immer intensiver. Dönerdreieck - man kennt’s. Das farbenfrohste Gebäude der Straße rückt näher. Es dominiert die anderen, grauen Fassaden.

Ein junger Typ steht etwas ungeduldig vor Hausnummer 15. Noch kein Licht in Gießens erstem Spätkauf. Ein hochgewachsener, mittelalter Mann in Bootcut-Jeans und mit altmodischem, aber lässigem Hut läuft vorbei. An der Straße erinnert ein großes Werbebanner für Nüsse witzelnd an jene, die immer gute Späti-Kunden sind: »Schmeckt auch noch im 38. Semester.« Der junge Typ schlendert inzwischen samt Bier wieder weg.

Gießen: Der Späti war unsere Rettung

Erst nachdem ich im Späti bin, um mit dem Chef ein kurzes Pläuschchen zu halten, merke ich, dass er gerade eigentlich nur am Fenster verkauft. Corona nervt. »Früher waren wir gute Bier- und Tabakkunden bei dir«, sage ich zum Chef. Man duzt sich hier.

Früher - das war 2014/15. Ich - wohnend in der Steinstraße mit zwei meiner besten Kumpels, Studium gerade beendet, auf der Suche nach einem Volontariat, zwei Nebenjobs, darunter als freier Schreiber für diese Zeitung. Wir haben ausgiebig gefeiert in unserer großen WG. Immer Leute da, alle hatten noch viel Zeit. Nicht selten war der Späti zu unmöglichen Zeiten unsere Rettung, wenn mal wieder Bierarmut herrschte. Heute sind die meisten, die bei uns rumhingen, zockten, Musik hörten, quatschten, immer noch beste Freunde - eine Clique aus Schulzeiten.

Gießen: Späti ist Soziokultur

»Fass nicht alles an!«, keift eine vorbeilaufende Mutter einen ihrer drei Sprösslinge für meinen Geschmack etwas zu giftig an. Und schon wieder dieser nervige, elektrische Impuls im Oberstübchen: Corona! - Geh weg! Ich will nicht mehr an dich denken müssen! Auch Michael Dayan, der Geschäftsführer des Späti, ist sichtlich ermüdet von der Krise. »Während der Ausgangssperre und des Alkoholverbots auf der Straße lief es sehr schlecht«, erzählt er. »Nun ist es wieder etwas besser.« Doch es mache sich schon bemerkbar, dass derzeit auch niemand nach einer Kneipenrunde noch mal bei ihm vorbeiwankt.

Ich bin sicher einer der vielen, die hoffen, dass uns dieses buntige Eckchen mit dem großen Graffiti des Gießener Street-Art-Kollektivs 3Steps erhalten bleibt. Denn Späti ist mehr als nur die nächtliche Bierrettung. Späti ist Soziokultur - immer gut für einen späten, beschwipsten Schnack mit Fremden. Und so schnapp ich mir noch zwei Tegernseer für den Feierabend und sage: Ciao, bis bald! (bei)

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