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Was passiert mit Rückkehrern von mutmaßlichen IS-Sympathisanten wie der jungen Gießenerin, die im November zurück in ihre alte Heimat gekommen ist? Diese Frage stellen sich nicht nur die heimischen Jesiden. FOTO: SCHEPP

Islamischer Staat

Gießen: Die Sorgen der Jesiden

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Erstmals ist eine erwachsene IS-Anhängerin nach Deutschland zurückgeholt worden: die aus Gießen stammende Laura H. In der hiesigen jesidischen Gemeinschaft gibt es deshalb viele Fragen.

Als Irfan Ortac damit anfing, sich in der jesidischen Gemeinde zu engagieren, ging es bei den Treffen vor allem darum, wann sich die Mitglieder zum Grillen treffen. Seit fünf Jahren jedoch ist der ehrenamtliche Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland Krisenmanager: Trotz seines Berufs als Lehrer pendelt der Staufenberger zwischen Deutschland und dem Nahen Osten hin und her, führt an einem Tag Gespräche mit Politikern in Berlin, um am nächsten Tag in Stuttgart für die Sache seiner Glaubensbrüder zu sensibilisieren. Seitdem der Islamische Staat (IS) im Nordirak Jesiden verfolgt, versklavt und ermordet hat, ist die Welt der Glaubensgemeinschaft eine andere. Die Rückkehr einer mutmaßlichen Anhängerin des IS mit Gießener Wurzeln in ihre alte Heimat sorgt nun für Verunsicherung und Ängste bei den heimischen Jesiden.

Die Rückkehr der 30 Jahre alte Frau aus dem Gießener Raum war Ende November bundesweit den großen Medienhäusern eine Meldung wert. Sie war die erste erwachsene Anhängerin des IS, die die Bundesregierung aus einem kurdischen Gefangenenlager in Syrien nach Deutschland zurückgeholt hat; bisher war das nur bei Minderjährigen geschehen. Zusammen mit drei Kindern war sie in Frankfurt gelandet. Wie der "Spiegel" berichtete, hatte sie sich 2016 mit ihren Kindern und ihrem Mann - einem aus Somalia stammenden US-Bürger - über Ägypten und die Türkei auf den Weg nach Syrien gemacht. Gegen die Frau wird wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung ermittelt sowie wegen Verletzung der Fürsorgepflicht, teilte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt mit. Es besteht jedoch kein Haftbefehl.

Laura H. soll in kurdischer Haft konkrete Angaben gemacht haben, in welchen Strukturen sie sich in Syrien bewegt habe, sagt Ortac. Der Zentralrat der Jesiden versuche derweil über seine Netzwerke in Syrien, Türkei und Irak, mehr über die Frau und ihre Rolle vor Ort zu erfahren. Eine mühsame Arbeit, betont Ortac, weil alles auf ehrenamtlicher Basis geschehe. "Wir hören, dass die Dschihadistinnen entweder fanatisch waren oder als besonders grausam aufgefallen sind, weil sie dem IS zeigen mussten, dass sie loyal sind und keine Spione des Westens", sagt Ortac. Außerdem seien sie oft mit Dschihadisten verheiratet gewesen, die Verantwortung getragen hätten. "Weil diese sich gerne mit diesen Frauen geschmückt haben und sie gleichzeitig unter Kontrolle hatten." Wären die Männer an der Front gewesen, hätten die Frauen Aufgaben ihrer Männer übernommen. "Sie waren also mitverantwortlich für die Terrorherrschaft", sagt Ortac.

Geduld für den Staat

Die Sorge der Jesiden ist groß, dass die Rückkehrerinnen in ihrer alten Heimat nicht nur straffrei davonkommen, sondern auch weiter für die Sache des IS werben. "Sie haben eine hohe Glaubwürdigkeit unter den Islamisten, weil sie damals freiwillig aus einem sicheren Land in ein Krisengebiet gegangen sind, Gefangenschaft erlebt haben, aber trotzdem noch immer für diese Ideologie werben", betont Ortac. Gemeindemitglieder aus Gießen, sagt er, hätten Angst, hier nicht mehr sicher zu sein. Denn kaum eine jesidische Familie mit Wurzeln im Irak oder Syrien sei nicht betroffen von dem Genozid. "Wir sagen ihnen dann, sie müssen an den deutschen Staat glauben, und bitten um Geduld."

Ortac und seine Mitstreiter versuchen, Politik, Sicherheitsbehörden und Öffentlichkeit zu diesem Thema zu sensibilisieren. So war der Zentralratsvorsitzende kürzlich beim ersten Migrationsforum im Polizeipräsidium Mittelhessen in Gießen zu Gast und informierte dort über den Genozid an den Jesiden. Generell zeigten sich die betreffenden Akteure in Hessen bemüht, betont Ortac. Nur erinnert er die Politik an ihre Pflicht, gegen dschihadistische Tendenzen vorzugehen und Kriegsverbrechen nicht ungesühnt zu lassen. Helfen könnten dabei die Jesiden, betont er. "Die Quellen sind da, warum werden sie nicht genutzt?"

Zusatzinfo: Die jesidische Gemeinde

Die jesidische Gemeinde mit Sitz in Lollar ist Anlaufpunkt für Gläubige aus Stadt und Landkreis Gießen, aber auch aus Friedberg oder Marburg. Sie hat 3000 Mitglieder; hessenweit sind es 8000. Vor 2015 lebten in Deutschland 80 000 Jesiden. Nach der Verfolgung durch den sogenannten Islamischen Staat ist die Zahl auf 230 000 angewachsen.

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