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Die Müllscouts halten Angelika Nailor (l.) vom Verein Ehrenamt und Mechthild Sörries vom Klimaschutzmanagement der Stadt einen Müllsack auf, um Flaschen einzusammeln, die auf der Lahnwiese herumlagen.

Aufklären auf Augenhöhe

Gießen setzt „Müllscouts“ gegen Stadtvermüllung ein

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Das Produktionsverbot für Einwegverpackungen ist da. Aber das Problem mit vermüllten Parks und Plätzen werden die Städte wohl nicht so schnell los. Gießen setzt ab sofort junge »Müllscouts« ein.

Gießen –Der Weg zum Pressetermin an den Lahnwiesen ist am verregneten Mittwochnachmittag mit Verpackungsmüll gepflastert. Fast neben jedem Müllbehälter, der zwischen der Sachsenhäuser Brücke und der Wieseckmündung am fast menschenleeren Lahnuferweg steht, liegen die Hinterlassenschaften des warmen Vorabends: Pizzakartons, Wein- und Bierflaschen oder Plastikbehälter für Salat.

Auf die jungen Männer mit ihren schicken roten Westen und grauen Umhängetaschen aus Filzstoff kommt einiges zu, wenn sie ab dem kommenden Wochenende an den Gießener Sommer-Hotspots zwischen dem Stadtpark Wieseckaue und den Lahnwiesen als Müllscouts unterwegs sein werden. »Ich habe Verwandte in Costa Rica. Es ist unvorstellbar, welche Müllmassen dort am Strand liegen. Ich will nicht, dass es bei uns eines Tages so schlimm sein wird«, sagt Müllscout Lukas Rawer aus Kleinlinden.

Gießener Müllscouts vertreten „antiautoritäres Konzept“

Vier Scouts hat Stefan Degreif, Geschäftsführer der dreivorzwölf GmbH aus Mainz, zum Termin an die Lahnwiesen mitgebracht. Dem Ort also, der sich nach den Vorfällen auf dem Univorplatz zum nächsten sommerlichen Partyhotspot Gießens entwickelt hat. Leider mit den üblichen Begleiterscheinungen wie Müll und vor allem Scherben, die die Nutzung der Lahnwiese für den Breitensport vorerst unmöglich machen. »Ich war auch schon abends hier, aber es stört mich, was hier passiert. Wir sind schließlich die Fridays-for-Future-Generation«, sagt Kacper Wasik aus Staufenberg, der ebenfalls als Müllscout bei dreivorzwölf angeheuert hat.

Aufgabe der durchweg jungen Helfer ist es nicht, mit der Müllzange aufzuräumen, sondern die Ansprache derjenigen, die es sich in den Grünanlagen mit Essen und Getränken gemütlich machen. »Es ist ein antiautoritäres Konzept. Wir wollen mit den Menschen agieren und nicht die Polizei oder das Ordnungsamt ersetzen«, erläutert Geschäftsführer Degreif das Konzept, das bereits in mehreren Städten, darunter Mainz und Trier, erfolgreich laufe. Degreif: »Die Scouts sollen auf die Leute zugehen und den Gedanken vermitteln: Das ist eure Stadt, das ist euer Wohnzimmer. Sorgt dafür, dass es sauber bleibt.« Eine weggeworfene Zigarettenkippe könne 1000 Liter Grundwasser verseuchen; das müsse in die Köpfe, fügt Degreif hinzu.

Gießen: „Messbarer“ Erfolg durch Müllscouts erhofft

In Gießen läuft zunächst eine Testphase mit der Streifengängen an den Wochenenden. Der Einsatz der Müllscouts wird komplett von der Marketingagentur Dreivorzwölf gesteuert, inklusive Dokumentation ihrer Streifengänge. Degreif spricht von »messbaren Größen« des Projekts. In Mainz und Trier habe der Personaleinsatz der Müllabfuhr an den Ufern von Rhein und Mosel durch den Einsatz der Müllscouts deutlich reduziert werden können.

In Gießen ist das Gartenamt im Theaterpark, an der Lahn oder im Stadtpark regelmäßig mit drei Leuten sechs bis acht Stunden unterwegs, um die Hinterlassenschaften eines warmen Sommerabends einzusammeln, berichtet der stellvertretende Amtsleiter Richard Schnecking, der die Idee mit den Müllscouts hatte.

Für Umweltdezernentin Gerda Weigel-Greilich sind die Müllscouts ein Baustein im Rahmen eines »Clean-up«-Konzepts für Gießen, dessen Maßnahmen im Klimaschutzmanagement zusammengeführt werden sollen. Die aufklärende Ansprache auf Augenhöhe hält die Grünen-Politikerin für den richtigen Weg. »Die alte Blockwart-Mentalität funktioniert nicht mehr«, weiß die Stadträtin.

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