Wenn das Leben im großen Haus mit Treppen zu beschwerlich wird, steht für viele Senioren ein Umzug an. In welchen Fällen ist eine Seniorenwohnung sinnvoll, wann ein Heimplatz? Das gilt es realistisch auszuloten. ARCHIVFOTO: DPA
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Wenn das Leben im großen Haus mit Treppen zu beschwerlich wird, steht für viele Senioren ein Umzug an. In welchen Fällen ist eine Seniorenwohnung sinnvoll, wann ein Heimplatz? Das gilt es realistisch auszuloten. ARCHIVFOTO: DPA

Wohnen

Ist man in Gießen zu alt für Seniorenwohnungen?

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Sie sind über 90 Jahre alt, aber noch völlig selbstständig. Haben solche Menschen in Gießen geringere Chance als Jüngere, eine Seniorenwohnung zu ergattern?

Sie spielen Golf, kochen und brauchen keine Unterstützung bis auf eine Putzhilfe, die alle zwei Wochen kommt. Doch weil sie 94 und 92 Jahre alt sind, treffen sie bei ihrer Suche nach einer Seniorenwohnung auf Skepsis. In diesem Alter sei ein Neubezug nicht immer sinnvoll, erklärte eine Vertreterin der Arbeiterwohlfahrt Gießen. "Dass man fürs seniorengerechte Wohnen zu alt sein kann, war mir neu", ärgert sich Katja Gröninger, Tochter des Paars. Sie fragt: "Wie kann man Alter, einen sicherlich zu erwartenden Pflegebedarf, aber noch weitgehende Selbständigkeit unter einen Hut bringen?" Nicht mit starren Altersgrenzen, sagen Vertreter der Awo wie auch der anderen Anbieter in Gießen. Doch grundsätzlich sei nicht jeder, der sich eine betreute Wohnung wünscht, dafür geeignet.

Katja Gröninger weiß, dass ihre Eltern eher Ausnahmen sind. Doch als Physiotherapeutin begegneten ihr immer wieder betagte Menschen, die "fitter sind als manche 40-Jährige", sagt sie im GAZ-Gespräch. Ihre Eltern wären in einem Pflegeheim derzeit "total verkehrt". Sie meint, die Anbieter müssten "eingefahrene Dinge neu überdenken".

Mit kleiner Rente kaum finanzierbar

"Wir versuchen in unseren Bewerbergesprächen auszuloten, ob Interessenten in unseren 35 Wohnungen ihren Bedürfnissen entsprechend wohnen können", sagt Awo-Geschäftsführer Jens Dapper. Eventuell sei in diesem Fall "unser Anspruch an unsere Kommunikation" nicht ideal erfüllt worden. "Das schauen wir uns nochmals an." Zu alt für das Seniorenwohnen sei man dem Grunde nach nie, sagt Dapper. Doch intensive Gespräche seien nötig. Für manche Interessenten oder Angehörige sei es eine schwierige Herausforderung, den Bedarf realistisch einzuschätzen.

"Es gibt kein ›Zu alt‹, aber es gibt ein ›Zu gesundheitlich eingeschränkt‹", weiß Christa Hofmann-Bremer, Leiterin des Johannesstifts mit Pflegeheim, drei Seniorenwohnungen und zwölf betreuten Appartements. Vor allem Demenz, manche psychiatrische oder neurologische Erkrankungen machten eine selbstständige Lebensführung oft unmöglich. Zugleich hingen die Menschen an Möbeln, Büchern und ihrem eigenständigen Tagesrhythmus.

In der Beratung "signalisiere ich Verständnis", betont Hofmann-Bremer gegenüber dieser Zeitung. Aber schon Hermann Hesse schrieb: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben." Tatsächlich berichteten viele Mieter oder Bewohner des Johannesstifts, dass der gefürchtete Umzug letztlich eine "Befreiung von Lasten" gewesen sei.

Wie häufig kommt es vor, dass Betroffene wider besseres Wissen hoffen, dass betreutes Wohnen möglich ist? "Glücklicherweise nur selten", sagt eine Sprecherin des Vitanas-Zentrums an der Lahn. Das Heim sei die bessere Lösung, wenn jemand kaum noch selbstständig den Alltag bewältigen kann und vereinsamt.

In einigen Grenzfällen plädierten gerade die Kinder für das Heim, weil sie sich um die Sicherheit vor allem in der Nacht sorgten, so die Erfahrung von Lucia Bühler, Bereichsleiterin für Alten- und Behindertenhilfe beim Caritasverband Gießen. Sie wünscht sich eine frühzeitige Kontaktaufnahme. Oft komme eine Nachfrage erst dann, wenn das Leben wie bisher nicht mehr möglich ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass genau zu diesem Zeitpunkt die passende Wohnung frei ist, sei "verschwindend gering".

Betreutes Wohnen ist "kein geschützter Begriff", betont Daniela Poppe von der Beratungs- und Koordinierungsstelle für ältere und pflegebedürftige Menschen in der Stadt und im Landkreis Gießen (BeKo). Interessenten müssten immer prüfen: "Was brauche ich, was wird mir im konkreten Fall angeboten und was kostet es?" Die Antwort auf die letzte Frage könne bitter sein, weiß Poppe: "Für Betroffene mit geringer Rente oder Grundsicherung sind betreute Wohnungen in der Regel nicht finanzierbar." Manchmal stelle sich heraus, dass die Selbständigkeit in der aktuellen Wohnung wiederhergestellt werden kann; beispielsweise durch Hilfsmittel oder einen Umbau.

Die Gröningers hoffen indes, dass die Awo ihre Bewerbung noch einmal prüft. Derzeit sei allerdings keine Wohnung frei, sagt Dapper.

Begriffe wie Seniorenwohnanlage oder Servicewohnen sind nicht klar definiert. Welche Angebote damit verbunden sind, ist sehr unterschiedlich. Normalerweise ist die Wohnung barrierefrei, das heißt, das Haus hat einen Aufzug, Türschwellen und Badezimmereinrichtung sind für Rollator oder Rollstuhl geeignet. Oft kann man Hilfsdienste des Betreibers dazubuchen. Das breite Spektrum reicht vom Notrufsystem über die Teilnahme an Freizeitangeboten im benachbarten Pflegeheim bis zum Haustechniker vor Ort. Die meisten Einrichtungen haben Wartelisten und empfehlen, das Interesse frühzeitig anzumelden. Einen Überblick über alle Möglichkeiten in Gießen gibt die trägerübergreifende Beratungs- und Koordinierungsstelle BeKo. (www.beko-giessen.de, Tel. 0641/979009-0).

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