Stadtbach um 1892 zwischen Linden- und Brandplatz.
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Stadtbach um 1892 zwischen Linden- und Brandplatz.

Gießen und seine Gewässer

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Gießens Siedlungsraum wird geprägt von Lahn, Wieseck und Klingelbach. Diese Gewässer haben in den letzten Jahrhunderten manche Veränderungen in Lage und Struktur erfahren - durch natürliche Erosion und Sedimentation, aber auch durch den Menschen. Der wollte die Talaue nutzen oder Hochwasser schnell loswerden.

Die Lahn hat insbesondere im Bereich zwischen Gießen und Launsbach/Wißmar jahrhundertelang jedes Jahr bei Hochwasser ihr Bett verändert. Sie war aber auch über viele Jahrhunderte der Energielieferant für die Stadtmühlen und weitere Mühlen am oberen Wehr (Klinkel’sches Wehr). Der Fluss rückte erst ins Blickfeld der Stadtgesellschaft, als die Siedlungsflächen in der Weststadt im 20. Jahrhundert größere Flächen einnahmen, die aber natürliches Überschwemmungsgebiet der Lahn waren. Um Konflikte aus Hochwasserereignissen und Siedlungsnutzung der Talaue zu stoppen, startete der Magistrat das Projekt "Ausbau der Lahn". Ziel war es, im Hochwasserfall die Höhenlage des Wasserspiegels abzusenken. Das alte Klinkel’sche Wehr wurde abgebrochen und 1976 durch ein bewegliches Klappenwehr ersetzt. Das Stadtwerke-Wehr wurde gleichfalls um 1974 durch einen Wehrneubau ersetzt.

Flusslauf der Lahn begradigt

Zusätzlich wurden Flusslaufbegradigungen realisiert: Oberhalb des Klinkel’schen Wehres wurde das Westufer beim Ruderclub Hassia abgegraben und gegenüber bei der Gießener Rudergesellschaft wieder angeschüttet. Auch im Bereich der Gaststätte Pulvermühle und in der Schlachthofstraße wurde die Uferlinie nach Westen zurückgesetzt.

Unterhalb des Güterbahnhofes wurde die markante Lahnschleife beseitigt und die Wieseckmündung nach Norden verlegt. Letzte Maßnahme war die Beseitigung einer Lahnschleife im Bereich der "Sohlschwelle Heuchelheim". Alle Maßnahmen führten zu einer drastischen Reduzierung der Wasserspiegellage bei Lahnhochwasser. 2009 wurde dann noch der Deichbau in der Weststadt realisiert, der ebenfalls schon für die 1980 Jahr vorgesehen war.

Keimzelle der Stadt lag an der Wieseck

Die Wieseck war für Gießens Geschichte und Entwicklung noch prägender als die Lahn. Schließlich lag die Keimzelle der Stadtentwicklung auf einem Schwemmlandbereich an der Wieseck. Die Urwieseck aus der Zeit der Stadtgründung ist seinerzeit noch, aufgeteilt auf zwei Gewässerarme, dicht an diesem Schwemmlandbereich vorbeigeflossen und hat so eine Insel erzeugt. Um 1250 war diese Wieseckinsel schon im Bereich des heutigen Marktplatzes/Marktstraße besiedelt. Die vergleichsweise kleine Siedlungsfläche war bald nicht mehr ausreichend. Es kam zu den ersten Siedlungserweiterungen am Weg nach Gleiberg. Um dorthin zu gelangen, musste man die Lahnfurt benutzen, die im Bereich der heutigen Sachsenhäuser Brücke lag. An dieser Stelle muss man anmerken, dass die umfangreichen Ausgrabungen von Mauerfundamenten 2020 im Bereich der Straße Neustadt eine Neufassung dieses Teils der Siedlungsentwicklungsgeschichte notwendig machen könnten. Auch im Norden an dem Weg nach Marburg bzw. Achstatt entstanden Siedlungsflächen.

Die Landgrafen von Hessen hatten 1264/1265 die Herrschaft Gießen vom Grafen von Tübingen erworben. Sie bauten um 1300 dort diesen Wohn- und Regierungssitz.

Anfang des 16. Jahrhunderts war Landgraf Philipp der Großmütige einer der ersten Regenten, der die Luther’schen Veränderungen im Kirchenwesen aufgriff. Er setzte sich dadurch in Opposition zum Kaiser und wurde Mitglied im Schmalkaldischen Bund. Ihm war bewusst, dass er sein Territorium fortan gegen militärische Aktionen seiner Gegner befestigen musste. 1530 wurde mit dem Bau der Festung Gießen begonnen.

Hätte man die Wieseck durch die Festung geführt, wären zwei zusätzliche Bauwerke in der Befestigungslinie erforderlich geworden: ein Einlaufbauwerk und ein Auslaufbauwerk. Diese hätten so gestaltet sein müssen, dass die wechselnden Wassermengen der Wieseck passieren konnten. Hochwasserschutz und eine Verschlussmöglichkeit der Öffnungen für den Verteidigungsfall wären nötig geworden.

Diese Risiken und Investitions- und Betriebskosten wollte der Landgraf nicht eingehen. Daher wurde die Wieseck, etwa ab dem heutigen Waldbrunnenweg, nach Osten verlegt. Wo diese neue Trasse die heutige Bleichstraße erreichte, nutzte man das Gewässerbett des Klingelbaches. Zur Entwässerung der Festungsbinnenfläche bot es sich an, den jetzt trockengefallenen Teil der Wieseckarme zu nutzen. Diese Gewässerteile der Urwieseck nannte man nun Stadtbach.

Eingerinne ergänzt die Urwieseck

Das Trockenfallen des Stadtbaches musste aber vermieden werden - um Wasser für den Brandfall oder die im Bereich Bahnhofstraße/Tiefenweg arbeitenden Gerber zu haben. Daher ergänzte man Gewässerteile der Urwieseck um das Eingerinne. Über einen Kanal floss Lahnwasser in die Festung hinein und versorgte den Festungsgraben mit Wasser. Den Stadtbachbereich im Süden der Festung nannte man Ausgerinne.

Nach 1530 änderte sich die Situation der Gewässer in und um Gießen nur wenig. Erst mit Auflassung der Festung waren umfassende Anpassungsarbeiten erforderlich.

Anfang des 19. Jahrhunderts war die Festung wehrtechnisch überholt. Der Landgraf gab die Wallflächen ab 1806 an jene kostenlos ab, mit der Verpflichtung, die Wallanlagen abzutragen. Es hat aber wohl rund drei Jahrzehnte gedauert, bis das vollzogen war.

Zur Entwässerung wurde im Bereich des ehemaligen Festungsgrabens ein Volumen offen gehalten. In diesen Graben mündeten die Wegseitengräben des Stadtumfelds. Der neue Graben wurde Schoorgraben genannt. Die Schoor ist der dort im 19. Jahrhundert gebaute und auch heute noch vorhandene Fußweg.

Nach dem Fortfall der Wallanlagen begann die Stadtregierung die anschließenden Stadtquartiere zu überplanen. Die Wieseck wurde zwischen 1816 bis 1819 in der Form ausgebaut, die wir heute noch kennen. Die Brücke in der Frankfurter Straße wurde 1818 errichtet und 1909 verbreitert. Auch die Alicenstraße wurde konzipiert.

Der heute bestehende Trassenverlauf der Wieseck unterhalb der Main-Weser-Bahn wurde in den 1970er Jahren hergestellt als die Lahn gradliniger ausgebaut und die Wieseckmündung verlegt wurde.

Das dritte Gewässer ist der Klingelbach, manchmal auch Bruchgraben genannt. Ursprünglich floss er südlich der Innenstadt am Fuße des Seltersbergs nach Westen und mündete in die Lahn. Ab 1530 wurde dann, ab der heutigen Bleichstraße, das Klingelbachtal zum Wiesecktal.

Die Gewässergeschichte des Klingelbachs ist gut mit den Stadtplänen zu dokumentieren: Um 1880 waren nur die Ludwigstraße und Schiffenberger Weg schon dargestellt. Im Stadtplan von 1890 kann man den Fortgang der Besiedlung der Stephansmark erkennen: Zwischen Löberstraße und Ludwigstraße hat der Klingelbach ein neues Bachbett erhalten. Der übrige Gewässerverlauf ist unverändert. Im Stadtplan von 1900 sind Stephan- und Bruchstraße dargestellt. Zwischen Ludwigstraße und Bruchstraße hatte der Klingelbach ein neues Bachbett erhalten - aus Hochwasserschutzgründen deutlich tiefer als die angrenzenden Grundstücke.

Verrohrung des Klingelbachs

Elf Jahre später war die Besiedlung der Stephansmark weitgehend zum Abschluss gekommen. Zwischen 1901 und 1906 hatte man für den Klingelbach in dem Straßenzug Bismarckstraße und Keplerstraße eine Bachverrohrung realisiert. Der Stadtplan von 1911 zeigt nur noch eine kurze Trasse eines offen geführten Klingelbaches in der Stephansmark. Im Stadtplan von 1912 ist erkennbar, dass im damaligen Schiffenberger Weg, heute Am Nahrungsberg, die Bachverrohrung verlängert wurde.

In der Folgezeit wurde auch der letzte frei fließende Bachbereich bis zur Bahntrasse in eine Verrohrung gepresst. Dazu eine Anekdote: Die dort tätigen Mitarbeiter der Baufirma haben in den Wandbeton ihre Namen mit Datum eingeritzt.

Mit dem Bau der neuen Straße Altenfeldsweg wurde dann noch mal vor ein paar Jahren eine Verlängerung der Bachverrohrung erforderlich. Bei der davor liegenden Bachstrecke wird derzeit eine naturnähere Laufgestaltung geplant. Auch hinsichtlich der Rückhaltung von Niederschlagsmengen aus der Oststadt sind Verbesserungen geplant.

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