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„Total frustrierend“: Schwere Wohnungssuche für Ukraine-Geflüchtete in Gießen

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Von: Kays Al-Khanak

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Auch in Gießen ist der Wohnraum knapp.
Auch in Gießen ist der Wohnraum knapp. © Oliver Schepp

Der Wohnungsmarkt ist auch in Gießen weiterhin angespannt. Nun suchen zusätzlich ukrainische Geflüchtete nach einer Unterkunft.

Gießen – Wer mit seinen Liebsten aus seiner Heimat fliehen musste, weil diese überfallen und zerbombt wird, der sehnt sich nicht nach einem stylisch möbilierten Loft in 1-A-Lage. Der ist glücklich, wenn er weiß, dass er unterkommt in einem Land, in dem er vielleicht nicht die Sprache spricht, aber in dem er sicher ist. Bei vielen ukrainischen Geflüchteten, erzählt Kirsten Menges von der Immobilienfirma Menges, sei das Bedürfnis nach familiärer Nähe größer als der Wunsch nach einer großen Wohnung. Oft seien es eine Mutter mit zwei Kindern oder eine Mutter mit Kind und Großmutter, die am liebsten in einem 30 Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Appartement zusammen sein wollen.

Nur: Überhaupt eine Bleibe auf diesem Wohnungsmarkt zu finden, gleicht einer Herkulesaufgabe. Wobei es aktuell vielleicht sogar einfacher ist, die Rinderställe des Augias auszumisten oder die goldenen Äpfel der Hesperiden zu pflücken, als eine Wohnung für eine kleine Familie zu beziehen. Denn neben den ukrainischen Geflüchteten suchen auch andere Familien, Paare oder Studierende händeringend nach einer Bleibe, die dazu noch bezahlbar ist.

Ukraine-Geflüchtete auf Wohnungssuche in Gießen: Vermittlung schwierig

Menges sagt, dass in den vergangenen zwei Wochen im Schnitt elf Anfragen pro Tag von Ukrainern nach einer Wohnung eingegangen seien. »In der letzten Woche konnten wir drei vermitteln«, sagt sie, macht eine Pause und ergänzt: »Das ist nicht viel.« Zusätzlich stünden täglich ukrainische Geflüchtete in ihrem Büro und seien zunehmend verzweifelt: Viele kämen zwar bei Verwandten oder Bekannten unter. »Aber dort können sie nicht ewig bleiben.«

Diesen Anstieg spürt nicht nur Menges. Ähnliches berichtet auch Kai Bülow, Geschäftsführer vom Bauträger Depant. »Wir verzeichnen einen spürbaren Anteil an Wohnungssuchenden aus der Ukraine«. Gefragt seien überwiegend Zwei -bis Drei-Zimmer-Wohnungen. Auch hier gestaltet sich die Vermittlung ebenfalls alles andere als einfach.

Gießen: Ukraine-Geflüchtete auf Wohnungssuche – Manchmal scheitert es an den Mietkosten

Es ist ja nicht nur die »Konkurrenz« mit anderen Wohnungssuchenden, die die Vermittlung erschwert. So sind alleine am vergangenen Wochenende 240 Wohnungsanfragen bei Menges eingegangen. Manchmal scheitere eine Vermietung an ukrainische Geflüchtete an den Mietkosten. Denn die seien gedeckelt, da das Jobcenter sie bezahle. Dann wird es nichts mit dem Einzug - zum Teil wegen »fünf bis fünfzehn Euro«, wie Menges sagt. Da helfe nur das direkte Gespräch mit den Eigentümern der Wohnungen, ob diese vielleicht doch den Mietpreis passend senken könnten - ist ja für einen guten Zweck. Bei den Energiekosten jedenfalls gibt es keinen Spielraum, die sind meist fix. »Manche Eigentümer machen das«, sagt Menges, »aber nicht alle.«

Vor allem hätten die Probleme nichts mit mangelndem Einsatz der Ukrainer zu tun, betont sie. Im Gegenteil: Die seien sehr gut vorbereitet, wenn sie in ihr Büro kämen, hätten alle Papiere griffbereit. Beim ersten Kontakt jedoch seien die Ratsuchenden zurückhaltend und skeptisch - auch wenn sie mit einer Tasse warmen Kaffee und ebenso warmen Worten begrüßt werden. »Wir beantworten jede Anfrage«, sagt Menges, »aber wir können nicht alle vermitteln.« Auch wenn man die Menschen über Wochen begleite und sie so besser kennenlerne. »Das«, betont Men ges, »ist total frustrierend.«

Wohnungen für Ukrainer in Gießen: Auch unseriöse Angebote

Im Gegensatz zur Immobilienvermittlung bei Menges finden nur wenige Ukrainer den Weg zur Wohnbau GmbH. Dabei könnten sie sich wie andere Interessierte auch auf der Internetseite der GmbH als wohnungssuchend anmelden, sagt Phierry Fimmel. Er ist Bereichsleiter für den Kundenservice der Wohnbau. Kürzlich seien ukrainischen Geflüchteten zwei Wohnungen zu Verfügung gestellt worden - vermittelt von der Stadt. Mit der, betont Fimmel, führe die Wohnbau aktuell Gespräche, welchen Bedarf es gebe - »und wie wir Wohnraum zu Verfügung stellen können«. Er betont aber auch: »Wir haben eine Verantwortung für alle Wohnungssuchenden, und für viele gilt ebenso eine Dringlichkeit.« Hinzu komme: Bei Geflüchteten aus der Ukraine stelle sich die Frage, wo sie ihre Zukunft sehen, weil »viele die Hoffnung haben, irgendwann wieder in die Ukraine zurückkehren zu können«.

Der Landkreis Gießen hat eine Wohnraumbörse ins Leben gerufen, in der privater Wohnraum für Geflüchtete aus der Ukraine angeboten wird. Wie Kreissprecher Dirk Wingender auf Anfrage sagt, habe es mittlerweile 800 Rückmeldungen gegeben - 200 davon aus der Stadt Gießen. Von den 800 Angeboten werden rund 200 genutzt. Teilweise hätten die Prüfungen der Angebote ergeben, dass die Räume nicht als Wohnraum infrage kommen oder Angebote unseriös seien. »Ebenso kommt es vor, dass Angebote nach einer Belegung wieder zurückgenommen werden, weil zwischen Wohnungsgebern und Mietern oder Gästen die Chemie nicht stimmt oder die Verständigungsprobleme zu groß sind.«

Kirsten Menges berichtet, dass die Spendenbereitschaft in ihrem Team und bei deren Bekannten sehr hoch sei und so schnell die Einrichtung einer Wohnung zusammenkomme. »Das Schicksal der Menschen berührt alle, man fühlt sich verantwortlich«, sagt sie. »Jeder versucht, auf seine Weise zu helfen. Aber man kann nicht allen helfen.« (Kays Al-Khanak)

Bis vor kurzem hat Pfarrer Norrmann in der Wohnung in Gießen gelebt, in Kürze werden ukrainische Geflüchtete dort eine neue Bleibe finden. Mit vereinten Kräften hat ein Dutzend Helfer am Wochenende die Räume möbliert - mit Spenden aus einem Nachlass. Die Aktion ist ein Beispiel dafür, wie engagiert die Menschen in den Kirchengemeinden praktische Hilfe leisten.

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