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Neues Lernkonzept in Gießen: Eigenverantwortliches Arbeiten nach eigenem Tempo

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Von: Kays Al-Khanak

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Lernen im eigenen Tempo: Das ist Realität in einer Schule in Wieseck. Dort werden Fünftklässler nicht mehr im Klassenverband unterrichtet, sondern im Lernbüro.

Gießen – Die Friedrich-Ebert-Schule (FES) im Gießener Stadtteil Wieseck fliegt in der Wahrnehmung der städtischen Schulen in der Öffentlichkeit immer etwas unter dem Radar. Am Einsatz der Lehrkräfte liegt es nicht, wenn man bedenkt, dass sie die Räume in Haus C passend zum neuen Konzept geplant und selbst eingerichtet sowie die Materialien zusammengestellt und die Unterrichtseinheiten entworfen haben.

Seit dem Ende der Sommerferien werden die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 5 der kooperativen Gesamtschule in den Hauptfächern Deutsch, Mathe und Englisch nicht mehr im Klassenverband unterrichtet. Sie arbeiten im sogenannten Lernbüro. Dort hat jedes Kind einen eigenen Arbeitsplatz und kann dort im individuellen Tempo eigenverantwortlich lernen.

Schulunterricht neu denken: Kinder lernen in eigenem Tempo

Aktuell scheinen die Zeiten günstig zu sein, Schulunterricht nicht nur neu zu denken, sondern die daraus entstandenen Formate auch umzusetzen. Zeit wird’s. Man denke nur an den beeindruckenden Umbau von Räumen und Konzepten an der Gesamtschule Gießen-Ost.

Auch an der FES hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass der lehrerzentrierte Unterricht heute nicht mehr ausreicht, um Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden, betont die stellvertretende Schulleiterin Annegret Roggenkamp.

Deutsch, Mathe und Englisch: Fünftklässler lernen selbstständig

Klassenlehrer Christian Weller konkretisiert: »Als Lehrer orientiert man sich oft am Durchschnitt. Das bedeutet auch, dass die Stärksten nicht so gefördert werden können, wie sie sollten, und diejenigen, die nicht mitkommen, weiter den Anschluss verlieren können.« Die Zauberworte heißen individualisiertes, kompetenzorientiertes Lernen. Um Ideen zu sammeln, wie so ein Unterricht an der FES aussehen könnte, schauten sich Lehrkräfte zum Beispiel eine Gesamtschule in Marburg und eine in Darmstadt an.

In die kooperativen Gesamtschule gehen rund 450 Kinder und Jugendliche. 50 davon in die Jahrgangsstufe fünf. Es gibt einen Gymnasialzweig und zwei Förderstufenklassen, die später in einem Real- und einem Hauptschulzweig aufgehen. Alle Schülerinnen und Schüler der Fünften entscheiden in Deutsch, Mathe und Englisch, wann, wo, wie und was sie lernen.

Bilder und Botschaften: Kinder können ihren Arbeitsplatz selbst gestalten

Dazu stehen ihnen im Lernbüro eigene Arbeitsplätze zu Verfügung, die sie individuell gestalten können. Zum Beispiel mit Bildern oder mit anspornenden Botschaften ihrer Eltern, erzählt Roggenkamp. Im Lernbüro werden sie von drei bis fünf Lehrkräften unterstützt.

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Im Lernbüro lernen die Schülerinnen und Schüler an individuell eingerichteten Arbeitsplätzen. © Oliver Schepp

Wer glaubt, dass es dort laut zugehe, muss sich bei einem Besuch eines Besseren belehren lassen. Die Kinder arbeiten zum Teil mit Tablets konzentriert an ihren Plätzen, Lehrerinnen und Lehrer kommen immer wieder hinzu und unterstützen die Kinder bei Fragen oder Problemen. »Man gibt die Kontrolle ein Stück weit aus der Hand«, sagt Weller, »und das ist man als Lehrer nicht gewohnt.«

Friedrich-Ebert-Schule in Gießen: Schüler können auch zusammen lernen

Wer mit anderen Kindern zusammen lernen will, kann einen der beiden Gruppenräume nutzen. Diese sind unter anderem auch mit einem Sofa oder großen Sitzkissen ausgestattet. Hinzu kommen drei Fachräume, in denen gezielt Mathe, Deutsch und Englisch unterrichtet werden kann.

Roggenkamp erklärt, dass das von den Lehrkräften für das gesamte Schuljahr zusammengestellte Lernmaterial in unterschiedliche Schwierigkeitsstufen eingeteilt ist. Die Niveaustufen entsprechen dem Gymnasial- oder Förderstufenmaterial. Die Aufgabenhefte sind selbsterklärend aufgebaut und beinhalten auch QR-Codes, damit die Schülerinnen und Schüler auf Lernvideos zurückgreifen können.

Regelmäßige Prüfungen: Tests dauern zwischen 10 und 20 Minuten

Um zu prüfen, ob sie den Lernstoff verstanden haben, absolvieren die Kinder regelmäßig einen Lernbeweis. Dabei handelt es sich um einen Test, der zwischen zehn und 20 Minuten dauern kann. Bestehen sie ihn nicht, wird dies nicht benotet. Dafür können sie den Lernstoff wiederholen oder vertiefen und den Lernbeweis später erneut versuchen.

Wer den besteht, kann weitermachen. Für Weller ist dies eine gute Möglichkeit, dass Kinder in ihrem individuellen Tempo lernen und Lernstoff wirklich verinnerlichen. Zudem biete dieses Modell eine Durchlässigkeit, die einer Schule wie der FES gut tut: Kinder aus einer Förderstufenklassen können sich so auch an Aufgaben aus dem Gymnasialzweig versuchen. Die Eltern sollen regelmäßige Rückmeldungen zum Lernstand ihres Kindes erhalten

Selbstständiges Lernen in Gießen: Schüler werden immer beaufsichtigt

Natürlich haben die Kinder bei diesem Konzept keine Narrenfreiheit. Die Lehrkräfte, erzählt Weller, stellten sicher, dass alle geforderten Inhalte in den Schulfächern auch erlangt werden - durchaus auch mit sanftem Druck. Außerdem werden Schüler, die die Lernzeit gut nutzen, belohnt: Sie dürfen sich zum Beispiel im Haus C, im Schulgarten, auf dem Schulhof oder in der Bücherei frei bewegen.

Weitere Bestandteile des Konzepts sind das Ganztagsangebot sowie der Projektunterricht, der einmal in der Woche fünf Stunden lang stattfindet. Dort stehen diverse Unterrichtsthemen auf dem Plan, für die im Regelunterricht häufig keine Zeit bleibt und die außerschulische Lernorte etabliert. Die Themen lauten Natur und Umwelt, Gießen-Wieseck, Streetstyle sowie Anstrengen und entspannen.

Gemeinsames Projekt: Schule arbeitet mit Justus-Liebig-Universität zusammen

Um zu evaluieren, wie das Konzept umgesetzt wird, arbeitet die FES mit der Justus-Liebig-Universität zusammen. Für einen langfristigen Erfolg braucht es aber Investitionen in die Räumlichkeiten. Denn viele Gebäudetrakte sind in die Jahre gekommen und müssen saniert werden. Wie Roggenkamp sagt, gebe es dazu erste Ideen des Hochbauamts. Noch diesen Herbst soll der Gesamtsanierungsplan stehen. 

Steffen Weber, Leiter der Förderstufe und des Hauptschulzweigs, berichtet, dass die Kinder kürzlich Äpfel gepflückt, gesammelt, geschnitten und gepresst hätten. Dann sei der selbst hergestellte Saft mit Nektar aus dem Supermarkt verglichen worden. (Kays Al-Khanak)

In Gießen wurde ein Schüler von einem Lehrer körperlich angegangen. Die Mutter des Jungen ist schockiert, der Lehrer hält derweil weiter Unterricht ab.

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