Gießen schreibt Literaturgeschichte

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Der 150. Geburtstag des Dichters Stefan George wurde kürzlich groß gewürdigt. Dass es Bezüge Georges zu Gießen gibt, ist wenig bekannt. Die Verbindung besteht durch zwei Studenten der Gießener Universität: Georg Edward und Karl Wolfskehl.

Stefan George (1868–1933) stammte aus einer Weinhändlerfamilie in Bingen-Büdesheim. In seiner Jugend war er Einzelgänger, schrieb Gedichte, lernte mehrere Sprachen. Als Dichter wurde er von vielen verehrt, als Übersetzer von Lyrik geschätzt. Lyrik sollte aber nicht allgemeinverständlich sein, er lehnte erzählende Dichtung ab und entwickelte eine eigene Kunstsprache. Der George-Kreis der 1920er Jahre ist legendär, er war nur für Auserwählte zugänglich, die Jünger scharten sich um den Meister. In frühen Jahren hatte George mit Gleichgesinnten die "Blätter für Kunst" gegründet. Zu dieser Gruppe gehörte auch Karl Wolfskehl.

Karl Wolfskehl im George-Kreis

Karl Wolfskehl (1869–1948) stammt aus Darmstadt. Nach dem Studium in Gießen wurde er Schriftsteller und Übersetzer, lebte in München und Florenz. 1933 verließ er Deutschland, hielt sich zunächst in Italien auf, bevor er 1938 nach Neuseeland ins Exil ging. Wolfskehl war Zionist und Deutscher, beides leidenschaftlich.

Im Oktober 1887 schrieb sich Wolfskehl in Gießen für Germanistik und Geschichte ein. 1893 schloss er mit einer Dissertation über "Germanische Werbungssagen" bei Otto Behaghel ab. Neue Erkenntnisse über den Schriftsteller in seiner Gießener Zeit wurden 1983 öffentlich, in einer Ausstellung am Institut für neuere deutsche Literatur, erarbeitet von Andreas Nentwich.

Wolfskehl war mit den Gedichten von Stefan George in Gießen bekannt geworden, 1892 durch seinen Studienfreund Georg Edward geb. Geilfus. Nach seiner Promovierung ging Wolfskehl nach München und lernte George persönlich kennen. Dessen Sendungsbewusstsein beeindruckte ihn nachhaltig. Für gut zehn Jahre gehörte Wolfskehl zum Münchener Kreis um George. Gestalter ihrer Buchpublikationen war der Maler-Dichter Melchior Lechter. 1898 heiratete Wolfskehl Hanna de Haan, Tochter des niederländischen Dirigenten de Haan in Darmstadt. In deren Münchener Wohnung war immer ein Platz für den wohnsitzlosen Dichter George. Hier traf sich die Kunstwelt Münchens. Man beschäftigte sich nicht nur mit Dichtung, auch mit der heidnischen Antike und veranstaltete mythisch aufgeladene Maskenfeste. George wurde zunehmend eigenwilliger, verlangte unbedingte Folgsamkeit, brach mit den alten Freunden.

Wolfskehl litt unter dem Bruch bis zuletzt, als er nicht zu Georges Sterbebett gelassen wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte er finanzielle Schwierigkeiten, arbeitete als Hauslehrer in Florenz, während seine Frau und beide Töchter in Deutschland lebten. 1934 fand der beinahe Blinde mit Margot Ruben eine neue Stütze, die ihn ins Exil begleitete. Karl Wolfskehl starb in Auckland.

Tagebuch von Georg Edward

Wolfskehls Gießener Kommilitonen Georg Geilfus oder Georg Edward (1869–1969), wie er sich später nannte, stammte aus einer begüterten Familie und fühlte sich zum Schriftsteller berufen. Mit seiner Auswanderung nach Amerika 1893 endete seine Freundschaft zu Wolfskehl. Edward arbeitete als Korrespondent für deutsche Zeitungen und Lehrer für deutsche Literatur, kehrte 1933 in die Heimatstadt zurück. Durch sein über 70 Jahre geführtes Tagebuch erfahren wir vieles über sein Leben und seine Zeit.

Stefan George 1891 in Gießen

Seine Erinnerungen an die Begegnung mit Stefan George in Gießen im Sommer 1891, hat er 1964 in der Hessischen Heimat, der früheren Geschichtsbeilage dieser Zeitung veröffentlicht. Georg Edward hatte einen Brief erhalten, dass George auf Durchreise in Gießen Station machen und ihn treffen wolle. Edward hatte ihm zuvor einen begeisterten Brief zu seinen neuen Gedichten geschrieben. Die beiden trafen sich im "Hotel Victoria" in der Liebigstraße. Stefan George eröffnete dem Gießener seine Theorie der Dichtung, dass sich diese nur an Auserwählte richten dürfe. Auch erzählte er von seinen Treffen mit großen Dichtern wie Mallarmé und von seiner Begeisterung für Baudelaire und Hoffmannsthal.

Als Freunde von Edward dazukamen sei George plötzlich verstummt. Anfangs mühte sich Edward noch ihn ins Gespräch einzubeziehen, bis er erkannte, dass diesem die Anwesenden wohl "nicht gut genug waren". Das war seine erste Begegnung mit dem Hochmut Georges. Dennoch folgte er dem Angebot, in dessen neuer Zeitschrift "Blätter für die Kunst" zu publizieren. Doch, so schreibt Georg Edward im Rückblick, "merkte ich bald, dass ich mit meinem etwas gröberen Geschmack doch nicht exklusiv genug war." Zwar publizierte man Gedichte von ihm, nahm jedoch unautorisierte Änderungen vor. Das kränkte ihn und er unterließ weitere Zusendungen. (Foto: dpa/Repro: dkl)

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