Die Ausbeute von einer Stunde Müllsammeln in der Alicenstraße: eine Tüte voll Abfall, drei Farbeimer und ein Koffer.	FOTO: SEG
+
Die Ausbeute von einer Stunde Müllsammeln in der Alicenstraße: eine Tüte voll Abfall, drei Farbeimer und ein Koffer.

Müll und Dreck

Gießen verdreckt zunehmend: Die Alicenstraße als unschönes Anschauungsbeispiel

  • vonSebastian Schmidt
    schließen

Achtlos weggeworfene Verpackungen, illegal entsorgter Hausmüll: Dass die Verschmutzung in Gießen zunimmt, zeigt ein Saubermach-Spaziergang in der Alicenstraße.

Gießen – Überall in der Stadt liegt Dreck: Zigarettenstummel an der Bushaltestelle, Scherben neben der Parkbank und Kaffeebecher in der Hecke. Mitarbeiter der Stadtreinigung und des Gartenamtes sammeln den Abfall ein und entsorgen ihn. Es gibt aber auch Menschen, die das in ihrer Freizeit machen. Es nennt sich »Cleanup-Walk«, auf Deutsch Saubermach-Spaziergang, wenn Freiwillige losziehen, um Müll aufzusammeln. Bei einem Selbstversuch in der Alicenstraße ist ein weggeworfener Koffer nur die Spitze des Müllberges.

Neuer Abfalltrend in Gießen : Einweg-Masken

Mit Abfallpicker, Handschuhen und Tüte bewaffnet startet der Saubermach-Spaziergang an der Kreuzung Frankfurter Straße/Alicenstraße. Gleich der erste Fund mitten auf dem Bürgersteig ist ein Zeugnis unserer Zeit: ein blauer Einweg-Mund-Nasen-Schutz. Noch vor einem Jahr hätte man sich bei dem Anblick gefragt: »Wo kommt der denn her?« Heute verwundert selbst der fünfte nicht mehr. Der Munde-Nase-Schutz lässt sich leicht mit dem Picker greifen und wandert in die Tüte. Ihm folgen in kurzer Zeit transparentes Zellophanpapier von Zigaretten, eine Frittenschachtel und ein Kaffeebecher.

Neben der Alicenstraße verläuft die Wieseck, und dazwischen befindet sich ein wenige Meter kurzer Abhang mit Grünfläche; etwas Gras und viel Hecke. Jeder, der dort vorbeigeht, sieht, dass die Hecken voller Abfall sind. Diesen Uferbereich reinige nicht das Gartenamt, sondern ein privates Unternehmen, sagt Claudia Boje, die Pressesprecherin der Stadt. Fünfmal im Jahr.

Vormittags sind dort nur wenige Menschen unterwegs, die einen beim Müllsammeln beobachten können. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Manche Fußgänger werfen argwöhnende Blicke, als sei der Müllsammler ein Verurteilter aus einer US-Fernsehserie. Es gibt aber auch lobende Worte. »Danke, dass sie das machen«, sagt eine junge Frau, die mit zwei Kindern vorbeispaziert.

Verschmutzung in Gießen: „to-go-Essen“, Binden und Zigarettenstummel

Die Verschmutzung des öffentlichen Raums durch den achtlosen Umgang mit Abfall habe bundesweit zugenommen, erklärt Ralf Pausch, Leiter des Stadtreinigungs- und Fuhramtes. »Gießen bildet da leider keine Ausnahme.« Pausch nennt ein konkretes Problem: der Trend zum »to-go-Essen«. Tatsächlich landen in der Alicenstraße immer wieder Essensverpackungen im Müllsack: Burger- und Pommes-Schachteln, Asia-Boxen und Kaffeebecher. Es gibt aber auch merkwürdige Funde wie eine Binde oder Dutzende Wein-Korken auf einem Haufen. Was fast nicht zu finden ist, sind Zigarettenstummel. Das liege wahrscheinlich am Sammelgebiet, sagt Pausch. Die Fußgängerzone sei nämlich voll von ihnen.

Laut Verband kommunaler Unternehmen (VKU) betragen die Kosten für die Beseitigung von Einwegkunststoff und Zigarettenkippen bundesweit jährlich 700 Millionen Euro. »Davon entfallen allein auf die Entsorgung von Zigarettenkippen 225 Millionen Euro«, sagt Pausch.

Gießen: Hausmüll hinter Hecken versteckt

Um eine ganz andere Art der Verschmutzung handelt es sich bei drei halbvollen Farbeimern, die jemand hinter einem Baum entsorgt hat. Und gleich dahinter liegt ein alter, nasser, schwarz-brauner Koffer - leer. Auch die illegale Entsorgung von Hausmüll in der Landschaft habe zugenommen, sagt Pausch.

Der jährliche Aufwand für die Entsorgung durch das Stadtreinigungsamt liege bei 70 000 Euro. Wer so etwas entdeckt, muss den Müll nicht selbst entsorgen. Pausch rät, den Fundort im Mängelmelder (giessen-direkt.de) einzutragen. »Meine Kollegen rücken dann aus und kümmern sich darum.«

Das hat auch bei den Farbeimern und dem Koffer funktioniert. Donnerstags im Mängelmelder eingetragen, ist am Montag die E-Mail-Bestätigung gekommen, dass der Abfall abtransportiert worden ist. Klasse!

Nach einer Stunde Müllsammeln endet der Selbstversuch an der Sitzbank auf dem Fußweg Richtung Bleichstraße. Keine 150 Meter vom Ausgangspunkt entfernt. Das Ergebnis: eine volle blaue Mülltüte, drei Farbeimer und ein Koffer.

Sich ständig mit dem Picker bücken zu müssen, ist anstrengend. Und wenn ein paar Tage später der Weg und die Hecken wieder voller Abfall liegen, wird einem klar, wie undankbar das Aufsammeln von Müll ist. (Von Sebastian Schmidt)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare