WG-Serie

Gießen, Schiffenberger Weg 9, dritter Stock

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Wohngemeinschaften entstanden "nach 68" in ganz Deutschland als neue Form des Zusammenlebens. Auch in Gießen gründeten sich viele "WGs". Wie war das damals? Ein Erfahrungsbericht.

Jürgen (23) und Beate (22, kein Pärchen!!) suchen Mitbewohner/in für schönes Zimmer, 18 qm, Innenstadt!, Tel ..." – So las sich in den späten 70ern, frühen 80ern eine typische WG-Anzeige. Ausgehängt am Schwarzen Brett, in Uni oder Kneipe, oder als Kleinanzeige im "Elefanten-Klo", der selbstverwalteten "Zeitung für Gießen und Umgebung", die alle 14 Tage erschien. Ludwigstraße 45, Goethestraße 19 zum Beispiel waren typische Wohngemeinschaftshäuser – genauso wie der Schiffenberger Weg 9, in dem ich ab 1979 lebte. In einer Fünfer-WG, drei Frauen, zwei Männer, fünf Jahre lang in gleicher Besetzung. So viel Konstanz war damals ungewöhnlich.

Wir waren die WG im dritten Stock – ein wichtiger Hinweis, der in der "Szene" sofort verstanden wurde. Erdgeschoss und erster Stock waren nämlich von Genossen aus DKP und MSB Spartakus belegt, im zweiten Stock lebte eine Frauen-WG. Wir waren "undogmatisch". Das heißt, irgendwie links, alternativ, ganz klar, aber ideologisch unabhängig.

Vier von uns studierten damals, die älteste Mitbewohnerin (bei meinem Einzug greise 26 Jahre!) war bereits wissenschaftliche Mitarbeiterin. Wir genossen die Gemeinschaft und die Vorteile, die uns die Wohngemeinschaft bot: Immer Leute zum Reden da, viele Gäste. Zwar "nur" ein Zimmer, dazu aber Gemeinschaftsräume wie Wohnflur, ein Bad mit Wanne und eine große Küche. Darin stand sogar eine – gebraucht gekaufte – Spülmaschine. Und es gab ein Telefon, was sich allein lebende Studenten damals kaum leisten konnten.

Jeden Tag gekocht

Auch das Alltagsleben war sehr günstig. Wir zahlten jede Woche in die Haushaltskasse ein und gingen gemeinsam zum Großeinkauf. "Deins und meins" gab es zumindest im Kühlschrank nicht. Und das klappte unterm Strich gut. Mein Zimmer-Vorgänger hatte die WG übrigens verlassen müssen, weil er sich "asozial" verhielt. Er hatte in wenigen Tagen alle Gläser mit selbst gemachter Marmelade alleine aufgegessen und sich beim Gruppengespräch in der Küche uneinsichtig gezeigt ...

Natürlich kochten wir auch. Allerdings nicht nur nach "Bockprinzip", also nach Lust und Laune, wir viele andere WGs. Bei uns stand das Essen über Jahre hinweg jeden Mittag um 1 Uhr auf dem Tisch. Fünf Leute, fünf Werktage, jeder war für einen Tag zuständig. Kleiner Aufwand für den Einzelnen, großer Effekt für alle. Die Mensa war für uns von da an kein Thema mehr. Damit sind wir sogar einmal richtig groß rausgekommen, in der Fachzeitschrift "Rationelle Hauswirtschaft", wo die Tante eine Mitbewohnerin als Redakteurin arbeitete. Sie stellte uns auf einer sechs Seiten langen Reportage vor. Resümee: So schön und so günstig ist das Leben in einer Wohngemeinschaft! Das meiste davon würde ich heute noch unterschreiben.

Viel gelernt

Richtig ist: Ich habe in meiner WG-Zeit viel gelernt, beim Kochen angefangen. Vielmehr als Tomatensauce machen konnte ich anfangs nicht. Schnitzel panieren oder Muscheln mit einer Wein-Knoblauch-Sauce zubereiten, das habe ich von meinen Mitbewohnern gelernt (sogar das Spätzle-Selbermachen, dank unserer WG-Schwäbin). Geputzt hatte ich vor meinem Einzug – ehrlich gesagt – noch nie in meinem Leben (nachträglich: Danke, Mama!). Und obwohl ich aus einer großen Familie mit fünf Kindern stamme, habe ich beim Streiten und Kompromisse-Schließen im Schiffenberger Weg Wichtiges erfahren. "WG-Gespräche" waren hier wie in jeder anderen Wohngemeinschaft selbstverständlich. Manchmal ist aus den "Laberrunden", die keiner wirklich mochte, tatsächlich etwas Brauchbares herausgekommen.

Übrigens lebt keiner mehr von uns in einer WG. Wir wohnen allein oder mit Partner/in, drei von uns haben Kinder bekommen, die inzwischen erwachsen sind. Beruflich sind wir Lehrerin, Journalist, selbstständig, Ministerialbeamter und Ministerin. Die gemeinsame Zeit möchten wir nicht missen. Da sind wir uns heute noch einig.

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