1. Gießener Allgemeine
  2. Gießen

Archäologische Funde in Gießen: Reste der Festungsmauer werden jetzt abgetragen

Erstellt:

Von: Sebastian Schmidt

Kommentare

Die alte Stadtmauer besteht aus unterschiedlichsten Steinen: Manche sind grob und kommen aus einem Steinbruch, andere wurden von Steinmetzen glatt gearbeitet und sind wahrscheinlich Überreste noch älterer Gebäude.
Die alte Stadtmauer besteht aus unterschiedlichsten Steinen: Manche sind grob und kommen aus einem Steinbruch, andere wurden von Steinmetzen glatt gearbeitet und sind wahrscheinlich Überreste noch älterer Gebäude. © Oliver Schepp

Nachdem bei Bauarbeiten in Gießen Reste der Festungsmauer entdeckt wurden, werden die jetzt abgetragen. Die Archäologen wollen die Konstruktion darunter erforschen.

Gießen – Steinerne Bollwerke, ein Wassergraben und dahinter eine riesige Mauer. So hoch, dass nur die Kirchturmspitze darüber hinausragte. Gießen war zur Mitte des 16. Jahrhunderts eine schwer befestigte Stadt. »Nachdem Landgraf Philipp I. seine Residenz hierher verlegt hatte, war Gießen Hauptstadt und Regierungssitz«, erklärt Stadtarchäologe Björn Keiner bei einem Besuch von Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher auf der Baustelle am Reichensand.

Von dem Verlauf der damaligen Mauer gibt es einen recht genauen Plan, weswegen bei Bauvorhaben in der Innenstadt meist schon vorher klar ist, wo man Überreste finden wird. Zuletzt zum Beispiel auf der Haarlem-Baustelle. Trotzdem lohne es sich immer wieder für Archäologen, bei solchen Bauvorhaben die Funde freizulegen und zu dokumentieren. »Nur so ergibt sich ein vollständiges Bild«, sagt Ausgrabungsleiter Kevin Paul. Auf dem Samen-Hahn-Gelände haben die Archäologen zum Beispiel einen Mauerübergang gefunden, der weitere Forschungsfragen aufwirft.

Gießen: Festungsmauer besteht zum Teil aus Überresten eines »beseitigten« Ortes

Auf der Baustelle wurde ein etwa 20 Meter langer Teil der Stadtmauer freigelegt, der rund 1,3 Meter hoch ist. »Das ist das Fundament der Mauer«, sagt Keiner. Die Steine dafür stammen wahrscheinlich zum Teil aus den Überresten eines aufgegebenen Ortes: Selters. Der wurde 1520 im Zuge der Erweiterung der Gießener Festungsbauten »beseitigt«, wie das Landesgeschichtliche Informationssystem schreibt.

Paul zeigt auf die Mauersteine: »Einige davon sind bearbeitet, da sieht man die Meißelschläge des Steinmetzes noch.« Andere wiederum seien grob, »so wie sie gerade aus dem Steinbruch kommen«. Manche bestehen aus rotem Buntsandstein, »vielleicht aus Marburg«, der Rest sei ein kruder Mix. Bei der Materialbeschaffung war man also nicht wählerisch. So könnten auch Steine aus der alten Kirche von Selters dort gefunden werden, vermutet Paul.

Gießen: Festungsmauer steht auf Holzkonstruktion wegen sumpfigem Untergrund

Der Grabungsleiter zeigt dann auf Holzbalken, die aus dem Boden ragen, und erklärt die Baukonstruktion: »In den Boden wurden etwa 1,70 Meter tiefe Pfeiler gerammt, darüber wurde ein Holzrost gelegt und dann die Mauer gebaut.« Diese Bauweise wurde wegen des sumpfige Untergrunds in Gießen gewählt.

Interessanterweise habe man aber auch vor der Mauer, also Richtung Wassergraben, Überreste einer Holzkonstruktion gefunden. »Unsere Idee ist, dass es Überreste eines Gerüsts sind«, sagt Archäologe Keiner. Ein weiterer Fund auf der Seite des Wassergrabens sind Süßwassermuscheln. »Entweder aus der Wieseck oder der Lahn, der Graben wurde aus beiden Flüssen befüllt.« Die könne man aber nicht aus dem Boden nehmen, sie zerfallen zu Staub, wenn man sie anfasse.

Auf dem Laufenden bleiben

Mit dem GAZ-Newsletter Gießen bekommen Sie alle Nachrichten zu Stadt und Kreis Gießen direkt in Ihr Postfach.

Gießen: Architekt der Festungsmauer unbekannt

Ein Fund, der bei den Forschern Fragen aufwirft, ist eine schräge Linie, die im Mauerwerk verläuft und an einer Stelle etwas heraussticht. Paul sagt: »Wir vermuten gerade, dass es entweder die Reste einer Rampe sind, oder dass es eine unsaubere Nahtstelle ist, an der zwei Bautrupps aufeinander getroffen waren.«

Wer der Architekt der Befestigungsanlage war, sei heute übrigens nicht mehr bekannt, aber in der Regel waren es Spezialisten, die mit eigenen Bautrupps durch das Land reisten. Bei der Größe der Mauer sei aber klar, »dass auch von der Bevölkerung Unterstützung erwartet wurde - um das mal freundlich auszudrücken«, sagt Keiner.

Gießen: Die Reste der Festungsmauer kommen jetzt weg

Die Gießener Stadtmauer wurde ab 1530 erbaut, um 1810 abgerissen und das Fundament hat bis 2022 im Boden verweilt. Jetzt werden die Archäologen das nun endgültig abtragen, um die Holzkonstruktion darunter zu erforschen. Besondere Steine werden gesichert, der Rest wiederverwertet. Ein Abtransport und Wiederaufbau der Mauer ist wegen des Zustandes nicht möglich, sagt Paul. (Sebastian Schmidt)

Auch interessant

Kommentare