Die Bierdeckel gegen Gewalt an Frauen der Soroptimistinnen sollen in den Kneipen und Restaurants der Stadt zu Gesprächen führen.
+
Die Bierdeckel gegen Gewalt an Frauen der Soroptimistinnen sollen in den Kneipen und Restaurants der Stadt zu Gesprächen führen.

„Orange Day“

Auffällige Bierdeckel liegen jetzt in Gießener Gaststätten: Das steckt hinter der Aktion

  • VonSebastian Schmidt
    schließen

Um gegen Gewalt an Frauen zu protestieren, werden in den nächsten Tagen tausende orange Bierdeckel in den Kneipen und Restaurants Gießens ausliegen.

Gießen – 81 188 Frauen wurden von ihren Ehemännern oder Lebenspartnern verprügelt, 2987 missbraucht und 132 ermordet. 2020. Allein in Deutschland. Und das sind nur die offiziellen Zahlen der »Partnerschaftsgewalt«, die das Bundeskriminalamt (BKA) am Dienstag veröffentlicht hat. »Wir gehen von einem großen Dunkelfeld aus«, sagte BKA-Präsident Holger Münch. Die gemeldeten Fälle nehmen indes seit 2015 zu und sind auch vergangenes Jahr wieder leicht gestiegen. Die Präsidentin der Gießener Soroptimistinnen, Mira Sellheim, hatte das bereits erwartet. Um auf Gewalt an Frauen verstärkt aufmerksam zu machen, hat der Club, der sich für die Rechte und Interessen von Mädchen und Frauen einsetzt, 20 000 orangefarbene Bierdeckel bedrucken lassen: Eine lilafarbene Hand signalisiert Stopp, dazu der Satz: »›Nein‹ zu Gewalt gegen Frauen«.

Die Bierdeckel werden an den »Orange Days« vom heutigen 25. November bis zum 10. Dezember in mehr als 20 Kneipen und Restaurants in Stadt und Landkreis ausliegen.

Bierdeckel-Aktion in Gießen: Nachholbedarf bei Gewalt gegen Frauen

»Das ist eine richtig tolle Idee«, sagt Britta Prell, die Inhaberin des »Sowieso« dazu. In ihrer Kneipe würden oft »Mädelsgruppen« sitzen und Prell findet es wichtig, die jungen Frauen unkompliziert über ein Hilfsangebot zu informieren. Auf der Rückseite der Bierdeckel steht die Nummer des »Hilfetelefons Gewalt gegen Frauen«.

Das wirke auf den ersten Blick sehr opferzentriert, sagt Soroptimistin Constanze Schleenbecker-Büttner, aber wenn die Deckel mit den auffälligen Motiven auf dem Tresen liegen, sollen die Gäste mit ihren Tischnachbarn darüber in ein Gespräch kommen.

Bierdeckel-Aktion in Gießen: Mehr über Gewalt an Frauen sprechen

Dass über Gewalt an Frauen mehr gesprochen werden muss, liegt für die Soroptimistinnen auf der Hand. »Wir haben in Deutschland Nachholbedarf«, sagt Hilde Hammermann. Zu oft würden Übergriffe noch als »Kavaliersdelikte« angesehen werden. Zu selten werde der Mord an einer Frau durch einen Mann als »Femizid« bezeichnet. Stattdessen sei weiterhin die Rede von »Beziehungstaten« oder »Familiendramen«.

»Mit den Bierdeckeln wollten wir dabei auch etwas Dauerhaftes schaffen«, sagt Sellheim. Die Deckel können sich Mädchen und Frauen nämlich einfach in die Tasche stecken und haben die Nummer des Hilfetelefons dann dabei: Für sich selbst - oder für eine betroffene Freundin. In den Kneipen trifft die Aktion auf ein möglichst breites Spektrum an Menschen, sagt Schleenbecker-Büttner. Und das sei wichtig, denn Gewalt gegen Frauen gebe es in jeder sozialen Schicht. »Es gibt nur Familien, die es besser verstecken können als andere«, sagt Hammermann.

Bierdeckel-Aktion in Gießen: Gewalt gegen Frauen in allen sozialen Schichten

Von der Akzeptanz durch die Gastronomen waren die Soroptimistinnen derweil positiv überrascht. Hammermann berichtet von einer anfänglichen Hemmschwelle, die überwiegend männlichen Inhaber wegen der Bierdeckel-Aktion anzusprechen. Die Idee sei aber gut angekommen: »Fast alle haben gesagt: ›Da sind wir dabei.‹« Beim Entwerfen der Bierdeckel habe der Club auch Wirte mit ins Boot geholt, um zu erreichen, dass die Bierdeckel in der Kneipe auch praktikabel sind.

Die einzelnen Gastronomen bekommen von den Soroptimistinnen zwischen 200 und 3000 Bierdeckel, je nachdem, welcher Bedarf angemeldet wurde. »Nächstes Jahr werden wir sicher mehr drucken lassen«, meint Hammermann. Dann können die Soroptimistinnen besser abschätzen, wie viele Bierdeckel in Gießens Kneipen während der »Orange Days« tatsächlich gebraucht wurden.

Bierdeckel-Aktion in Gießen: Gewalt gegen Frauen verschwindet nicht einfach

»Spätestens, wenn es um das Bezahlen geht, schaut jeder seinen Bierdeckel mal genauer an. Ich bin mir sicher, dass vielen Gästen der Aufdruck auffällt«, sagt Prell. Die Bierdeckel sollen bis 10. Dezember eingesetzt werden. Dies ist der Tag der Menschenrechte und das Ende der Orange Days, die als Aktionskampagne einst von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen wurden.

Prell hat indes bereits angekündigt, ihren Bestand auch nach dem 10. Dezember weiter zu benutzen: »Die Gewalt gegen Frauen verschwindet dann ja auch nicht.« (Sebastian Schmidt)

Eine andere Nachricht aus der Gießener Gastro-Szene: Das Restaurant „Alt Gießen“ eröffnet nach dem Umbau wieder – und hat sich radikal gewandelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare