Die Tage des "Aspendos" im Alten Steinbacher Weg sind gezählt. Reyhan und Kurtulus Vural übergeben die Gaststätte im Alten Steinbacher Weg im Februar in neue Hände. Dann wird sie "Rosmarin" heißen.	FOTO: SCHEPP
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Die Tage des »Aspendos« im Alten Steinbacher Weg sind gezählt. Reyhan und Kurtulus Vural übergeben die Gaststätte im Alten Steinbacher Weg im Februar in neue Hände. Dann wird sie »Rosmarin« heißen.

Gastronomie in Gießen

Gießen: Aus „Aspendos“ wird „Rosmarin“ – nach 27 Jahren hören die Vurals auf

  • Burkhard Möller
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Rund 35 Jahre haben die Wirtsleute des „Aspendos“ im Alten Steinbacher Weg in Gießen in der Gastronomie gearbeitet. Im kommenden Februar ist für das Ehepaar Schluss.

Gießen - Die Lammkoteletts standen schon auf der Karte, da hieß das Gasthaus an der Ecke Alter Steinbacher Weg/Graudenzer Straße noch »Schinderhannes«. 15,50 Mark kosteten sie damals, aber ob sie so lecker waren wie heute und es zu dem Fleisch dieses herrlich cremige Zaziki gab, könnten wahrscheinlich nur ein paar ältere Gießener beurteilen.

Reyhan Kurtulus hat die alte Speisekarte ihrer Vorvorgänger aufbewahrt. Demnächst kommt auch ihre Speisekarte ins Archiv, denn die Tage des Restaurants »Aspendos«, das Reyhan und Kurtulus Vural seit 1993 betreiben, sind gezählt. Ab Februar kocht dort die Familie Kazan aus Linden, die ihr Restaurant »Rosmarin« an den Traditions-Standort im Gießener Ostviertel verlegt. Vor einigen Tagen wurde der Pachtvertrag unterschrieben.

Gießen: Im „Aspendos“ gehen rund 35 Jahre Gastronomie-Geschichte zu Ende

Für die beiden Noch-Inhaber werden damit rund 35 gemeinsame Jahre in der Gießener Gastronomie zu Ende gehen. Kurtulus Vural, der 1973 mit seinen Eltern aus der Türkei nach Gießen gekommen ist, fing Anfang der 1980er Jahre als Küchenhelfer beim legendären »Da Michele« in der Grünberger Straße an, lernte Kochen und arbeitete fünf Jahre in dem Promi-Restaurant. »Einmal rief der Chef in die Küche, ob ich ein Autogramm haben will. Ich habe um die Ecke in den Gastraum geguckt und geantwortet. Nö, die kenne ich nicht«, erzählt Vural und lacht. Es war die weltberühmte Band »Scorpions« (»Wind of Change«).

1986 machte sich Vural selbstständig und übernahm als Pächter das in einem Kellergeschoss liegende »Rhodopi« in der Grünberger Straße. »Erst kam keiner«, erinnert er sich an den Start. Nachdem er die Karte auf die bis heute bewährte italienisch-türkisch-griechisch-deutsche Mischung umgestellt hatte, lief der Laden. Da war seine Frau Reyhan bereits an seiner Seite. »Ohne Vorbestellung hat man bei uns keinen Platz gekriegt«, erinnert sie sich. Den Biergarten oben an Straße belebten die Vurals. Auch US-Soldaten waren oft Gäste, sehr durstig und auf Souvenirs aus. »Die haben massenweise Weizenbier getrunken, aber leider auch die Gläser mitgenommen«, sagt Kurtulus Vural.

1993 kauften die Vurals dann das Eckhaus im Alten Steinbacher Weg, das zu diesem Zeitpunkt als »Café Nizza«, »Schinderhannes« und »Alpatra« bereits eine lange gastronomische Tradition hatte. Die erfuhr fortan unter dem Namen »Aspendos«, der an eine antike Metropole in der Türkei erinnert, eine Fortsetzung.

Gießen: „Aspendos“-Gäste sind „ein bunter Haufen“

Viele Stammgäste zogen mit um, durch die Nähe zur Universität hatten die Vurals ein neues Publikum. »Mittags war plötzlich der Biergarten rappelvoll, weil die Mensa-Belegschaft auf einem Betriebsausflug war«, sagt Kurtulus Vural. Zu den Stammgästen gesellten sich Gastwissenschaftler aus aller Welt, Studenten, Besucher der Abendschule, Basketball-Fans, Vereins-Stammtische, Seniorenrunden. »Unsere Gäste sind ein bunter Haufen, so wie Gießen halt auch ist«, sagt die Wirtin.

Die Vurals haben sich nie nur in ihrem gastronomischen Mikrokosmos bewegt. Als Stammgast hatte man immer anregende Gespräche über alles, was Gießen bewegt, gesellschaftspolitische Entwicklungen und natürlich die Fußballer-Karrieren der beiden Söhne Deniz und Volkan. Nach Wanderjahren durch die türkischen Profiligen ist Deniz, der mit seiner Frau Dilara Nachwuchs erwartet, in Gießen zurück und hat beim FSV Fernwald angeheuert, Volkan kickt in Kinzenbach. Von Schwester Selin, die an der JLU Rechtswissenschaften studiert, konnte man sich als Gast juristischen Rat holen.

Gießen: Restaurant „Aspendos“ ist kein Corona-Opfer

Das »Aspendos« ist kein Corona-Opfer. Die Vurals spielten schon länger mit dem Gedanken Schluss zu machen. Das Hin und Her der letzten Monate mit Schließung, Wiederöffnung und Schließung gab nun den letzten Anstoß, Nägel mit Köpfen zu machen. »Fast 40 Jahre in dieser Branche, das geht schon auf die Knochen«, sagt Kurtulus Vural. Da die drei Kinder, die bis zuletzt im Restaurant mitgeholfen haben, eigene berufliche und familiäre Wege gehen, war der richtige Zeitpunkt gekommen.

Die Vurals hoffen, dass sie vor dem geplanten Umbau die Möglichkeit haben, das »Aspendos« noch einmal für ein paar Tage zu öffnen, um sich von ihren Stammgästen zu verabschieden. Doch das liegt nicht in ihrer Hand. »Natürlich wird uns das Restaurant fehlen. Viele unserer Gäste sind zu Freunden geworden«, sagt Reyhan Vural.

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