Der Tatort heute: ein Hinterhof an der Frankfurter Straße.
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Der Tatort heute: ein Hinterhof an der Frankfurter Straße. 

Mord verjährt nicht

Mordserie: Racheakt im Morgengrauen in Gießen

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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In einem Hinterhof an der Frankfurter Straße in Gießen liegen zwei Männer - erschossen. Ein Doppelmord? Wir blicken in der Serie "Mord verjährt nicht" auf den Fall aus dem Jahr 1953 zurück.

Gießen - Am Vorabend des 5. Januars 1953 will Ludwig H. in seinem Haus in Garbenteich früh ins Bett. Seine Ehefrau, seine Tochter und der Schwiegersohn wollen noch Radio hören. Am Morgen, erzählt er, müsse er einem Betriebselektriker beim Aufstellen von Maschinen helfen. Ihn führt sein Weg an jenem Montagmorgen aber nicht zu seiner Arbeitsstelle, sondern in die Frankfurter Straße nach Gießen. Dort kommt es zwischen ihm und Willmar K. zum Streit. Anschließend schießt Ludwig H. mit seiner Waffe auf den vierfachen Familienvater. Der 49 Jahre alte Mann stirbt sofort. Danach nimmt sich der 58 Jahre alte Ludwig H. das Leben.

Zwei Männer, eine Vergangenheit

Gießen in den 50er Jahren: Spuren des Krieges sind noch immer zu sehen: 90 Prozent der Innenstadt und 70 Prozent der gesamten Stadt waren am 6. Dezember 1944 durch britische Bomber zerstört worden. Die 50er sind geprägt vom Versuch, wieder eine Art von Normalität zu schaffen: Wohnungen entstehen, das Geschäftsleben kehrt zurück. Anpacken, anstatt über die (Nazi-)Vergangenheit zu reden.

Willmar K. ist in dieser Zeit des Aufbruchs Betriebsdirektor bei den Gail’schen Tonwerken in Gießen. Fast täglich soll er von seiner Wohnung in der Wilhelmstraße zu seiner Garage auf dem Gelände des Übernachtungsheims für Eisenbahner an der Frankfurter Straße gegangen sein. Dort steht sein Auto. Am 5. Januar herrscht morgens wenig Verkehr; nur der Tankwart von gegenüber macht seine Arbeit. Ein Bäcker und ein Milchmann schildern der Polizei später, dass sie einen Streit zwischen zwei Männern beobachtet hätten. Eine Frau erzählt einem Reporter der Gießener Freien Presse später: "Es war kurz nach 7 Uhr. Da hörte ich vier Schüsse. Ich sah einen Mann in gebückter Stellung wenige Schritte tun. Er trug eine Jacke, einen Hut und eine Mappe. Dann fiel er nieder." Dieser Mann war Ludwig H..

Das Zusammentreffen der beiden Männer an jenem Montagmorgen im Jahr 1953 ist nicht zufällig. Denn sie haben eine gemeinsame Geschichte. Ludwig H. war zwischen 1909 und 1945 zunächst als Arbeiter, später als Vorarbeiter bei den Gail’schen Tonwerken in Gießen beschäftigt - während Willmar K. dort Betriebsdirektor war.

Beschrieben wird Ludwig H. von seinen damaligen Kollegen als ruhiger, verlässlicher Mitarbeiter. 1945 schied er aus dem Betrieb aus, weil ihn die amerikanische Militärregierung als kommissarischen Bürgermeister von Garbenteich einsetzte. Richtig dankbar war diese - in der Regel ehrenamtliche - Tätigkeit nicht, aber dafür umso wichtiger: Die Aufgaben der kommissarischen Bürgermeister bestanden darin, die erste Gemeindevertreterwahl vorzubereiten, die Versorgungslage sowie die öffentliche Ordnung sicherzustellen, die Verwaltung in Gang zu halten und die Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten wieder einzugliedern. Eingesetzt wurden nur Deutsche ohne nationalsozialistische Vergangenheit; oft waren es Arbeiter oder Bauern. Ein Jahr lang übte Ludwig H. diese Tätigkeit aus, bevor er in einem Bekleidungsgeschäft für Frauen als Bügler angestellt wurde.

Eine Drohung an Heiligabend

Nach der Bluttat an der Frankfurter Straße erinnert sich der Besitzer dieses Bekleidungsgeschäftes an ein Gespräch mit seinem Angestellten Ludwig H.: Er sei gebeten worden, einen Schwerkriegsbeschädigten einzustellen. Es stand im Raum, dass Ludwig H. dafür entlassen werden sollte. Dieser habe daraufhin gesagt, wenn er gehen müsse, müsse ein anderer mitgehen.

Ludwig H. behielt seine Arbeitsstelle als Bügler, bemühte sich aber ab 1948 wieder um eine Anstellung bei den Gail’schen Tonwerken. Er machte Willmar K. dafür verantwortlich, dass dies nicht klappte. In einem Brief an den 49 Jahre alten Betriebsdirektor vom 24. Dezember 1952 schrieb Ludwig H.: Sollte er nicht eingestellt werden, müsse das Schicksal seinen Lauf nehmen. Am 3. Januar suchte Ludwig H. in Watzenborn-Steinberg den Betriebsratsvorsitzenden der Tonwerke auf. Dieser versuchte ihm laut Gießener Freie Presse die Gründe für die Nichteinstellung zu erklären. Erfolglos.

Als die Polizei am 5. Januar am Tatort eintrifft, bietet sich ihr zunächst ein verwirrendes Bild: Auf dem Hof liegen zwei männliche Leichen, deren Identität aber schnell geklärt werden kann. Neben Willmar K. liegt sein Gewehr; er hatte wohl geplant, auf die Jagd zu gehen. In unmittelbarer Nähe von Ludwig H. finden die Beamten eine Pistole, ein Bajonett ohne Scheide und unter dem rechten Arm des 58-Jährigen ein blutbeflecktes Küchenmesser. Die Leichen werden in die Pathologie gebracht, die Ermittler schwärmen in Gießen und Garbenteich aus.

Abschiedsbrief bringt Klarheit

Die Gerüchteküche macht den Polizisten die Ermittlungsarbeit zu Beginn nicht leicht: Von einem dritten Mann ist die Rede, der Willmar K. und Ludwig H. erschossen haben soll. Ein bekannter Orthopäde wird als Opfer genannt - obwohl er zu dieser Zeit seinen Urlaub in Berchtesgaden verbringt. Um 17 Uhr jedoch kann die Staatsanwaltschaft den Fall als gelöst erklären - vor allem dank eines Abschiedsbriefs von Ludwig H., den die Beamten finden.

Die Polizisten können nun den Tatablauf rekonstruieren: Demzufolge war Ludwig H. mit dem Zug von Garbenteich nach Gießen gefahren. Mit dabei hatte er eine Aktentasche, in der er zusätzlich zur Pistole, dem Bajonett sowie dem am Griff verstärkten Messer einen Hammer eingesteckt hatte. In Gießen wartete er um 6.30 Uhr in der Wilhelmstraße vor dem Haus von Willmar K. und begleitete ihn zur Frankfurter Straße. Auf dem Weg kam es zu einem Wortgefecht zwischen den beiden. Im Hof muss der Garbenteicher schließlich in kurzen Abständen viermal auf den Betriebsdirektor geschossen haben. Die Schusskanäle deuteten darauf hin, dass zwei Schüsse auf das stehende und zwei Schüsse auf das fallende oder liegende Opfer abgefeuert wurden. Anschließend nahm Ludwig H. das Messer und durchschnitt sich die linke Halsarterie und die linke große Halsvene.

Ludwig H. hatte eine Familie, ein eigenes Haus, seine wirtschaftlichen Verhältnisse sollen geordnet gewesen sein. Bis heute ist es rational kaum zu erklären, warum der 58-Jährige dem Leben von Willmar K. und seinem eigenen Leben unter einer alten Kiefer ein Ende gesetzt hat.

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