Hier kann man zuversichtlich in die Zukunft schauen: Im „Punkt und Strich“ am Gießener Kirchenplatz.
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Hier kann man zuversichtlich in die Zukunft schauen: Im „Punkt und Strich“ am Gießener Kirchenplatz.

Geschäft am Kirchenplatz

Mutmacher aus Gießen: „Punkt und Strich“ riskiert viel – und hat Erfolg damit

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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Während die Corona- Pandemie im Gießener Einzelhandel oft zu Pessimismus und Ängstlichkeit geführt hat, ist „Punkt und Strich“ einen anderen Weg gegangen. Dort wurde viel riskiert und investiert. Mit Erfolg. Die Zukunft der kleinen Perle am Kirchenplatz ist gesichert.

Gießen – »Auch andere Wege haben schöne Sterne«. Das steht auf einem kleinen Stein geschrieben, der bei »Punkt und Strich« in den vergangenen Wochen mal in der Auslage zu finden war. Vielleicht diente er einem Kunden oder einem Beschenkten, der vor einer größeren Veränderung stand, als Mutmacher. Die sechs Wörter stehen aber auch sinnbildlich für die Entwicklung, die der beliebte Laden für Papeterie und Geschenke am Gießener Kirchenplatz in den Monaten der Corona-Krise genommen hat. »Wir strotzen vor Zuversicht«, sagt Arno Jung, einer der beiden Inhaber. Seine Aussage passt so gar nicht zu den üblichen Wehklagen, die der innerstädtische Einzelhandel nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie aussendet.

Auch Jung und sein Partner Stephan Bierling wurden vom ersten Lockdown im März natürlich kalt erwischt. »Es war mein Geburtstag«, erinnert Jung. »Wir saßen hier zusammen, als klar wurde, dass wir schließen müssen.« Die einsetzende Schockstarre habe allerdings maximal 18 Stunden angehalten. »Danach habe ich an meinen Unternehmergeist appelliert. Ich habe mich zum ersten Mal als Krisen-Unternehmer gefühlt, der jetzt handeln muss, damit nicht alles den Bach runtergeht«, erzählt Jung im Rückblick. Gemeinsam mit dem 15-köpfigen Team habe man beraten, was gut läuft im Laden und was nicht und zum Relaunch angesetzt. Räume wurden renoviert, die Präsentation verändert. Und eingekauft, was das Zeug hielt. »Wir sind All-in gegangen und haben die staatlichen Hilfen komplett in den Laden gesteckt. Unser Sortiment war noch nie so gut bestückt wie jetzt«

„Punkt und Strich“ in Gießen: Persönliches Shopping im Advent

In den ersten Wochen wurden Erste-Hilfe-Gutscheine aufgesetzt, die Jung zum Teil selbst mit dem Rad zu den Kunden gebracht hat, Corona-Care-Pakete mit verschiedenen Geschenkartikeln hübsch verpackt waren erhältlich. Sie sind so gut angekommen, dass Jung an diesem Konzept festhält. Zuletzt gab es Adventskalender-Pakete, zu Weihnachten sind jetzt Überraschungsboxen zu haben. Da die Kundenzahl auch im Weihnachtsgeschäft, zu dem schon mal bis zu 60 Personen gleichzeitig im Laden stöbern, nun beschränkt sein wird, bietet Jung nach Anmeldung ein persönliches Shopping außerhalb der regulären Öffnungszeiten an.

Es ist ein Versuch, den Andrang zu entzerren, den Kunden trotz Corona ein schönes und sicheres Einkaufserlebnis anzubieten - und natürlich für Umsatz zu sorgen. »Wahrscheinlich wird das Weihnachtsgeschäft nicht so gut wie sonst, aber wir sind trotzdem insgesamt ziemlich entspannt. Wenn nicht an Weihnachten, dann in 2021. Wir sind jetzt sicher, dass unser Konzept weiterhin erfolgreich sein wird«, sagt Jung.

„Punkt und Strich“ in Gießen: Umsatzwegfall kompensiert

Diese Zuversicht verströmt der 62-Jährige nicht ohne Grund. Die Umsätze liegen über denen vom Vorjahr. In drei der sechs Monate nach dem Lockdown haben Jung und Bierling Bestwerte der 26-jährigen Firmengeschichte eingefahren. Der Umsatzwegfall durch die Schließung in mittlerer fünfstelliger Höhe sei mehr als kompensiert.

Und die Gründe für den Erfolg? »Wir haben nur Theorien. Überprüfen können wir das nicht«, sagt Jung. Durch wegfallende Reisen und Restaurantbesuche hätten Kunden mehr Budget, um es in die eigenen vier Wänden zu stecken. »Man kümmert sich mehr um sein Zuhause, da man Zeit hat, darüber nachzudenken«, glaubt Jung. Ein Faktor sei auch die Einführung der Einbahnstraße im Laden gewesen. »Das war eine Corona-Notwendigkeit, aber dadurch lernen viele Kunden den ganzen Laden kennen, die sonst nur eine Karte gekauft haben und wieder verschwunden sind.« Ebenso wichtig: Die Mitarbeiter seien extrem motiviert, man habe innerbetriebliche Abläufe effektiver gestaltet. Und: »Unsere Kunden lieben uns. Das zeigt sich nicht nur im Umsatz, sondern auch in vielen Äußerungen, die wir zu hören bekommen«, erzählt Jung. »Sie erachten uns als Perle, die sie erhalten wollen.«

„Punkt und Strich“ in Gießen: Laden wird zum Mutmacher

Für diesen hohen Stellenwert haben Jung, Bierling und das ganze Team mit viel Leidenschaft gesorgt. Der Eichenboden und die Holzregale verströmen eine wohlige Atmosphäre, die aufwendige Schaufenstergestaltung zieht Kunden an, die Produkte, ob Schreibgerät, Wohnaccessoire, Karte oder nützliches oder unnützes Geschenk verschönern den Alltag und sorgen oft auch für ein besonderes Gefühl. Manche Dinge bei »Punkt und Strich« zaubern in trüben Stunden ein Lächeln auf die Lippen. Oder sie machen Mut. So wie der kleine Stein. Jung und Bierling sind andere Wege gegangen. Und sie haben dabei schöne neue Sterne entdeckt.

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