Interview

Gießen: Psychologin erklärt den Drang zu Hamsterkäufen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Die zweite Corona-Welle ist da, und wieder sind die Klopapier-Regale leer. Was hat es mit dem Hamstern auf sich? Die Psychologin Christina Stahlecker von der Uni Gießen klärt auf.

  • Mit der zweiten Corona-Welle beginnen die Hamsterkäufe erneut.
  • Eine Psychologin aus Gießen erklärt das Verhalten hinter dem Hamstern.
  • Sie erklärt, wieso die Hamsterkäufe ein „soziales Dilemma“ darstellen

Die Hamsterkäufe nehmen wieder zu. Gleichzeitig betonen Experten, dass es dafür keinen Grund gibt. Frau Stahlecker, was löst in den Menschen diesen Drang zur Hortung aus?

Ich glaube, es sind verschiedene Mechanismen, die greifen. Viele Menschen haben derzeit einen Fokus auf die Frage, ob sie ihre Grundbedürfnisse befriedigen können. Die reale und die wahrgenommene Knappheit müssen dabei nicht übereinstimmen. Wenn man glaubt, dass andere hamstern, sinkt auch die Bereitschaft, sich selbst zurückzuhalten. Auch Persönlichkeitsunterschiede könnten eine Rolle spielen. In der Forschung beobachtet man Menschen, die individualistisch orientiert sind und den Fokus auf die eigenen Interessen legen. Sie wollen die eigenen Ressourcen sichern. Das steht im Gegensatz zu Menschen, die eine prosoziale Orientierung haben. Letztere orientieren sich eher am Gemeinwohl.

Mancherorts nehmen die Hamsterkäufe wieder zu. Zum Teil, weil eine selbsterfüllende Prophezeiung eintritt. (Symbolbild)

Wenn man auf die erste Zeit der Pandemie zurückblickt wird deutlich: Auch Menschen, die Hamsterkäufe anfangs belächelt haben, fingen später an, zu horten.

Das ist ein spannendes Phänomen und hat viel mit Erwartungshaltung zu tun. Im Grunde wissen die Menschen, dass genügend Klopapier vorhanden ist. Aber wenn sie sehen, dass andere hamstern, machen sie sich Sorgen, dass bald nicht mehr genug da sein könnte. Das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Durch eine Erwartungshaltung tritt eine Knappheit ein, die sonst nicht eingetreten wäre. Im Fall der aktuellen Pandemie lässt sich die Situation auch als soziales Dilemma beschreiben.

Corona: Psychologin aus Gießen erklärt Verhalten hinter Hamsterkäufen

Klären Sie uns bitte auf.

Als soziales Dilemma bezeichnen wir Situationen, in denen das individuelle Interesse dem Allgemeininteresse entgegensteht. Im konkreten Fall heißt das: Wenn ich mir einen Vorrat anlege, ist das für mich gut und beruhigend. Ich weiß aber auch, dass ich anderen etwas wegkaufe. Bin ich hingegen bereit zurückzustecken, ist das Allgemeinwohl gesichert. Oder: Wenn niemand hamstern würde, wäre genug für alle da. Das hat viel mit der Erwartungshaltung an und dem Vertrauen in die Mitmenschen zu tun.

Können Sie Beispiele aus anderen Bereichen nennen, die mit der Hamster-Dynamik vergleichbar sind?

Bank-Anstürme während Finanzkrisen wären ein Beispiel. Wenn plötzlich das Gerücht auftaucht, eine Bank stehe vor der Insolvenz, möchte man noch schnell sein Geld abheben, bevor nichts mehr da ist. Viele Leute heben gleichzeitig ab. Genau dieses Verhalten stürzt die Bank dann tatsächlich in die Krise.

Corona: Psychologin aus Gießen über Hamsterkäufe und Klopapier

Ist Egoismus in Zeiten einer Pandemie stärker ausgeprägt?

Viele Menschen glauben, dass man egoistisch wird, wenn die eigenen Grundbedürfnisse bedroht sind. Deshalb hat sich während der Pandemie vielleicht die Annahme verhärtet, dass alle egoistischer werden. Gleichzeitig kommt die psychologische Forschung zu dem Schluss, dass Menschen größtenteils prosoziale Wesen sind, die gerne teilen. Das ist ein spannender Widerspruch. Wir haben beispielsweise in unserer Forschungsabteilung die Frage bearbeitet, ob der Mensch egoistisch wird, wenn er Hunger hat. Wir kamen zu dem Schluss, dass dem nicht so ist.

Klopapier macht nicht satt. Trotzdem ist der Hygieneartikel zu einem Symbol für das Hamstern geworden. Warum die große Nachfrage?

Das finde ich auch interessant. Auch mit Blick auf andere Länder, wo Klopapier nicht knapp wurde. Es gibt also kulturelle Unterschiede. Eine psychologische Erklärung habe ich dafür aber nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die Auswahl an Lebensmitteln einfach größer war. Vielleicht haben die Menschen auch überlegt, was sie in der Quarantäne am meisten vermissen würden. Nicht zuletzt hat die Sache auch eine gewisse Eigendynamik. Man sieht in den Medien, dass die Menschen Klopapier kaufen, und macht es dann auch.

Corona: Psychologin aus Gießen erklärt Hamsterkäufe - Grundbedürfnisse befriedigen

Hefe war auch solch ein knappes Gut. Dabei hatten die Bäckereien auch während des Shutdowns durchgehend geöffnet.

Das könnte damit zusammenhängen, dass Hefe dazu dient, ein Grundbedürfnis zu befriedigen. Vielleicht ist es aber auch ganz simpel: Die Menschen verbringen viel Zeit zu Hause und suchen Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Manche haben angefangen, zu renovieren. Und andere backen eben gerne.

Zur Person

Christina Stahlecker hat ihr Studium der Psychologie an der Georg-August-Universität Göttingen absolviert. Seit 2017 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Sozialpsychologie an der Justus-Liebig-Universität. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den Einflüssen verschiedener psycho-physiologischer Faktoren, die Menschen im Alltag erleben. Dabei interessiert sie beispielsweise, wie sich Hunger oder Stress auf soziale Entscheidungen auswirken.

Rubriklistenbild: © dpa

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