Volker Michel als Dozent bei seiner digitalen Vorlesung an der Technischen Hochschule Mittelhessen. FOTO: PM
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Volker Michel als Dozent bei seiner digitalen Vorlesung an der Technischen Hochschule Mittelhessen. FOTO: PM

Schüler begleiten

Gießen: Pilotprojekt will digitalen Unterricht stärken

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Volker Michel ist Mathe- und Sportlehrer an der Goetheschule in Wetzlar. In einem Pilotprojekt will der Gießener den digitalen Unterricht am Oberstufengymnasium professioneller gestalten. Hilfe erhält er von der THM und von einer Firma aus Gießen.

In manchen Schulen erinnert die Internetverbindung fast an die nicht wirklich gute alte Zeit, in der man sich mit einem ratternd einwählenden Modem im Schneckentempo durchs Netz bewegte. Na gut, so schlimm ist es nicht. Aber einige Einrichtungen bleiben technisch weit unter ihren Möglichkeiten. Das ist spätestens jetzt während der Corona-Pandemie deutlich geworden, als von einem Tag auf den anderen digitale Lehr- und Lernformen zum Einsatz kommen mussten. Bei der Ausstattung der Schulen wird aktuell nachgesteuert. Aber wie sieht es mit nachhaltigen Ideen für den Digitalunterricht aus? Und wie sind mittelhessische Schulen auf den flächendeckend eingeführten Wechselunterricht oder auf einen drohenden zweiten Lockdown vorbereitet? Der Gießener Volker Michel unterrichtet Mathe und Sport an der Goetheschule in Wetzlar. In einem von der Schulleitung unterstützten Pilotprojekt will er digitalen Unterricht an dem Oberstufengymnasium mit seinen knapp 1000 Schülern mit Blick auf die Herausforderungen durch Gruppenteilungen und Homeschooling sowie die technischen Möglichkeiten optimieren und professionalisieren. Beraten wird er dabei von der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM), finanziell unterstützt von einem Gießener Unternehmen.

Michel ist neben seiner Lehrertätigkeit auch Dozent an der THM in deren MBA-Programm und lehrt dort im Bereich für "Leadership and Communication" - zu Deutsch: Führung und Kommunikation. Dort erlebte der 47-Jährige, wie im Zuge des Lockdowns im Frühjahr die Vorlesungen nicht ausfielen, sondern live per Stream angeboten wurden. Die Studierenden wurden zugeschaltet, die Lehrveranstaltungen fanden Eins zu Eins statt - eben nur digital. Die Sache hatte sogar einen Vorteil: Die Studenten konnten auf den Mitschnitt der Vorlesung immer wieder zurückgreifen.

Im ersten Lockdown lief der Fernunterricht in vielen Schulen über den Schulserver IServ. "Iserv ist eine tolle Arbeitsplattform, um Mails und Aufgaben zu verteilen. Für eine enge Zusammenarbeit sind die Möglichkeiten jedoch beschränkt", sagt Michel. Aber das macht Schule doch aus: Das Lernen mit und von anderen. Der Lehrer übertrug seine Erfahrungen aus der THM auf den Schulalltag: Was braucht man, um enger an den Schülern zu sein und sie trotz räumlicher Distanz beim Lernen zu begleiten? Michels Antwort: Eine professionelle Ausrüstung und eine Aufteilung von Lehrkräften.

Tipps für eine technisch hochwertige, aber bezahlbare Ausstattung holte sich Michel von einem Fachmann der THM. Und in ehemaligen Goetheschülern, die sich mit ihrer Firma Nachfolgekontor in Gießen selbstständig gemacht haben, fand er Geldgeber. Angeschafft wurden eine professionelle Kamera, Headset, Beleuchtungssysteme, Mikrofon und Stativ. In einem Raum mit Whiteboard und Beamer soll so im Januar ein virtuelles Klassenzimmer entstehen, in das Schüler und Lehrer mittels eines Kommunikationsprogramms zugeschaltet werden.

Parallel Fragen beantworten

Das Rad muss an der Goetheschule in Wetzlar nicht neu erfunden werden. Es gibt dort bereits ein Medienbildungskonzept, an dem große Teile des Kollegiums mitarbeiten. "Der virtuelle Klassenraum wird ein toller Baustein davon", sagt Schulleiter Carsten Scherließ, der zuvor Leiter des Liebig-Gymnasiums in Gießen war. Er betont: "Ich bin begeistert davon, wie seit über zwei Jahren das Kollegium und auch die Schüler- und Elternschaft gemeinsam darüber nachdenken, wie die digitalen Möglichkeiten für erfolgreiches Lernen und qualitätvollen Unterricht genutzt werden können." Unterstützt werde die Goetheschule auch vom Schulträger.

Über die fest installierte Technik sollen Lehrkräfte schnell und einfach mit ihren Schülern kommunizieren können. Zeiten, in denen sich Lehrer mit CD-Spieler, Schiebewagen mit TV und Videorekorder durchs Haus bewegten, sollen Vergangenheit sein. "Der Kollege geht in den Raum, schaltet den Strom an, verbindet sich mit seinen Schülern, und los gehts", sagt Michel.

Spinnt man die Idee weiter, so hat das System mehrere Vorteile: Zum einen könne beispielsweise eine Lehrkraft für alle Mathekurse eines Jahrgangs eine Art Vorlesung halten. Dort könnten die Schüler interaktiv Fragen stellen, die dann weitere Mathelehrer parallel und individuell beantworten. Außerdem könnten - unter Berücksichtung des Datenschutzes - die Schüler immer wieder auf die digital hinterlegten Unterrichtseinheiten zurückgreifen. "Das steigert die Unterrichtsqualität und verbessert das Lernen", sagt Michel. Auch Lehrer, die als Risikopatient gelten, könnten Fragen während einer Vorlesung beantworten oder Lehrvideos drehen.

"Wir erhoffen uns, die Schüler so deutlich besser zu erreichen", sagt Michel, "und die Qualität des Unterrichts nachhaltig zu verbessern." Sollte das Pilotprojekt erfolgreich sein, könnten weitere Klassenräume auf diese Weise eingerichtet werden.

Studenten sind zufrieden

In einer Befragung von Masterstudierenden am Gießener THM-Fachbereich Wirtschaft wurde vor allem die schnelle Digitalisierung der Lehre, das abwechslungsreiche Angebot und die technische Professionalität gelobt. 93 Prozent der Befragten bezeichneten den Umgang der THM mit der Pandemie als gut oder sehr gut.

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