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Einsam im Advent? Ein erneuter Besucherstopp in Altersheimen wäre ein Albtraum und soll verhindert werden.

Corona-Pandemie

Corona-Sorgen in Gießens Pflegeheimen: Impfpflicht könnte auch zum Problem werden

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Die Sorgen in Gießen sind groß. Wird die Adventszeit in den Pflegeheimen so traurig wie 2020? In den Einrichtungen hofft man, Corona-Ausbrüche und Besucherstopps verhindern zu können.

Gießen - Während am vergangenen Donnerstag Menschen dicht gedrängt und oftmals ohne Maske auf den Weihnachtsmarkt strömten, traute Christa Hofmann-Bremer, die Leiterin des benachbarten Johannesstifts, ihren Augen nicht. »Die Kollegen auf den Intensivstationen wissen nicht ein noch aus. Sieht so Solidarität aus?«, fragt sie.

Die Situation im Johannesstift war 2020 nach einem Covid-Ausbruch dramatisch, fast 20 Menschen starben. Wie in allen Einrichtungen gab es Besucherstopps. Eine solche Abschottung, sagt Hofmann-Bremer, dürfe nicht wieder passieren. Es gebe heute andere Handlungsstrategien sowie eine gute Impfdurchdringungsrate, die Tests würden routiniert genutzt. 94 Prozent der Bewohner seien vollständig geimpft, 68 Prozent hätten ihre Boosterimpfung bereits bekommen. Von den Mitarbeitern seien 85 Prozent geimpft, rund elf Prozent »geboostert«.

Auch eine Impfpflicht ist nach Auffassung der karitativen Träger ein wichtiges Instrument. Die vierte Welle kann sie zwar nicht mehr brechen, für die Zukunft sei sie jedoch unerlässlich. Hofmann-Bremer begrüßt eine Impfpflicht insbesondere für Menschen in Gesundheitsberufen. Sie sei notwendig, um das Risiko für Schutzbedürftige so klein wie möglich zu halten. »Das ist das richtige Signal«. Allerdings müsse die Aufklärung noch besser werden, besonders für Menschen mit Migrationshintergrund und sehr junge Menschen, die nach wie vor Sorge um Auswirkungen auf ihre Fruchtbarkeit hätten.

Pflegeheime in Gießen: Stimmung wegen Corona gedrückt

Auch Caritasdirektorin Eva Hofmann befürwortet eine allgemeine Impfpflicht. Auf jeden Fall, erklärt sie, sollte sie aber gelten für Beschäftigte, die Kontakt mit vulnerablen Gruppen hätten: Pflegekräfte, Erzieher, Lehrkräfte. Dass die Situation erneut so kritisch ist wie vor einem Jahr, findet sie empörend. »In Sachen Covid hat man im Sommer in Berlin geschlafen«. Dafür gebe es jetzt das Déjà-vu in den Pflegeheimen.

In Maria Frieden sind 97 Prozent der Mitarbeiter geimpft, in St. Anna etwa 88 Prozent. In beiden Einrichtungen werden die ungeimpften Mitarbeiter täglich getestet, die geimpften bisher alle 14 Tage, außerdem, wenn sie länger als drei Tage abwesend waren. Andreas Fölsing (Einrichtungsleiter Maria Frieden) und Jan-Hendrik Niedorf (Einrichtungsleiter St. Anna) beobachten, dass in den Heimen eine gedrückte Stimmung herrscht. Die Bewohner, so vermuten sie, haben angesichts der steigenden Infektionszahlen das Leid und den Kummer vom Dezember 2020 vor Augen, als täglich Bewohner starben und Besuche nicht möglich waren. Einen Besucherstopp, meint Fölsing, wolle man unter allen Umständen vermeiden, man müsse aber abwarten, wie sich die Gesamtsituation entwickle. Auch dass sich nicht alle Kollegen impfen lassen, trägt in diesen Tagen zum Frust bei. Niedorf: »Die Mitarbeiter sind verwundert, dass es noch immer ungeimpfte Pflegekollegen gibt. Sicherlich sind auch viele wütend darüber, dass mit dem Thema Gesundheit so nachlässig umgegangen wird«.

Impfpflicht in Pflegeheimen? „Wir sollten nicht riskieren, weitere Pflegekräfte an andere Berufsgruppen zu verlieren“

Das Albert-Osswald-Haus der Arbeiterwohlfahrt gehört (ebenso wie das Vitanas Pflegezentrum) zu den wenigen Einrichtungen in der Stadt, die bei der dritten Corona-Welle keine Covid-Ausbrüche oder Todesfälle zu beklagen hatten. Doch auch bei der AWO sorgt man sich, dass die Adventszeit ebenso dramatisch und traurig werden könnte wie 2020. 70 Prozent der Bewohner und 38 Prozent der Mitarbeiter seien bereits »geboostert«. Dass 94 Prozent der Mitarbeiter geimpft seien, sei gut, aber andersherum betrachtet seien sechs Prozent Ungeimpfte noch zu viel, sagt Geschäftsführer Jens Dapper. Das tägliche Testen sei keine Alternative. Von einer Impfpflicht nur in der Pflege hält Dapper nichts, weil es dazu führen könnte, dass impfunwillige Pflegekräfte ihrem Job den Rücken kehren. »Wir sollten nicht riskieren, weitere Pflegekräfte an andere Berufsgruppen zu verlieren. Das würde ein Problem vermeintlich verbessern, das nächste aber potenzieren«. Selbst wenn nur wenige Pflegekräfte kündigten, wäre dies fatal und kaum aufzufangen. Gegen eine Impfpflicht für alle hat Dapper dagegen nichts einzuwenden, sie könne dazu beitragen, endlich aus der Pandemie-Endlosschleife zu gelangen.

Die Stimmung in der Belegschaft sei angespannt. Bereits jetzt gebe es krankheitsbedingte Ausfälle. Komme es erneut zu Corona-Ausbrüchen und behördlichen Auflagen, bedeute dies einen Mehraufwand, der nur schwer zu stemmen sei und für Unmut sorge. Das AWO-Hygiene-Konzept sei deshalb so erfolgreich, weil die Maßnahmen sehr rigide umgesetzt werden. Dies koste Zeit und Kraft, zusätzliche Belastungen wünsche man sich nicht von Neuem.

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