"Die Brücke" sucht angesichts des nahenden Winters dringend nach Räumen, in denen Obdachlose versorgt werden können. Der bisherige Tagesaufenthaltsraum der Einrichtung musste geschlossen werden, weil dort Corona-Hygienevorgaben nicht umgesetzt werden können. 	SYMBOLFOTO: DPA
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»Die Brücke« sucht angesichts des nahenden Winters dringend nach Räumen, in denen Obdachlose versorgt werden können. Der bisherige Tagesaufenthaltsraum der Einrichtung musste geschlossen werden, weil dort Corona-Hygienevorgaben nicht umgesetzt werden können.

Hilferuf von „Die Brücke“

„Die Brücke“ in Gießen: Corona-Winter wird lebensgefährlich für Obdachlose 

  • vonChristian Schneebeck
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In Gießen schlagen Verantwortliche der Obdachlosen-Tagesstätte »Die Brücke« Alarm: Corona und der nahende Winter bringen Menschen ohne festen Wohnsitz in Lebensgefahr.

  • Die Gießener Obdachlosen-Tagesstätte „Die Brücke“ betreut bis zu 300 Menschen.
  • Die Corona-Krise und der nahende Winter bringen Wohnungslose in eine prekäre Lage.
  • Die „Brücke“-Helfer schlagen Alarm, sie brauchen schnell Unterstützung aus Gießen.

Gießen – Andreas Schmidt ist besorgt: Er spricht von einer »sehr prekären Notlage« und davon, dass sein Team »absolut an der Belastungsgrenze« arbeite. Wenn sich nicht bald etwas ändere, müsse man gar befürchten, »dass Menschen erfrieren«, sagt der Bereichsleiter Wohnungslosenhilfe der Gießener Diakonie. Schmidt und seine Kollegen wollen aufmerksam machen auf die Situation in der »Brücke«. Die Tagesstätte und Beratungsstelle für Wohnungslose in der Dammstraße stoße gerade an ihr Limit, betonen sie. Gründe dafür seien die Corona-Pandemie, der Stillstand des gesellschaftlichen Lebens - und der nahende Winter.

Obdachlose aus Gießen geraten durch Corona-Pandemie in „sehr prekäre Notlage“

Schon seit dem Lockdown im Frühjahr bleibt der Tagesaufenthaltsraum in der »Brücke« geschlossen. Laut Schmidt sind die Hygieneregeln dort nicht sicher umsetzbar. Die Einzelberatung läuft indes mit Termin weiter, ebenso montags und donnerstags die medizinische Sprechstunde sowie die tägliche Postausgabe. Die Situation Wohnungsloser habe sich durch die Pandemie stetig verschlechtert, parallel sei ihr Beratungsbedarf »enorm gestiegen«, sagt Schmidt. Gleichzeitig verzeichnet die Sprechstunde aber signifikant weniger Patienten. Denn diese, erklärt Sozialarbeiterin Gertrud Monninger-Wolff, werde oft bei spontanen Aufenthalten nebenbei konsultiert oder Mitarbeiter würden so auf Gesundheitsprobleme aufmerksam.

Um die bis zu 300 Personen, die die »Brücke« regelmäßig ansteuern, weiter verlässlich zu versorgen, sucht die Einrichtung jetzt dringend größere Räume. Auch mehr professionelles Personal müsse her, weil Ehrenamtliche allein die Aufgaben nicht mehr bewältigen könnten. Die Nachricht, was gebraucht werde, habe er »intensiv gestreut«, erzählt Schmidt. Überdies habe er Kontakt zur Stadt und zu anderen Trägern gesucht, und zwar erstmals Mitte Juli. Bislang sei allerdings keine konkrete Lösung in Sicht.

Gießen: Winter bedeutet für Wohnungslose Lebensgefahr – auch ohne Corona

Dabei sehen die Diakonie-Mitarbeiter vor allem die städtischen Behörden in der Pflicht zu helfen. Schätzungsweise drei Viertel der »Brücke«-Klienten seien schließlich »Menschen aus der Gegend«, nicht etwa Migranten oder Flüchtlinge, berichtet Elisabeth Seidlmayer, Mitglied im Ärzteteam. »Denen kann man nicht einfach sagen: Geht nach Hause. Ihr Zuhause ist hier.« Pandemie und Lockdown verschärften Probleme, die ohnehin vorhanden seien, meist jedoch wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. »Die Leute zerfallen«, warnt die Medizinerin vor wachsenden körperlichen und seelischen Problemen »in einer sowieso extrem vulnerablen Gruppe«. Und: »Covid-19 brauchen unsere Patienten nicht, um auf der Straße zu sterben.«

Deutlich wird, wie sehr die Mitarbeiter mit der Situation ringen. »Etliche kreative Ideen« zur Einhaltung der Corona-Regeln habe man entwickelt, sagt Allgemeinmediziner Werner Fleck. »Wir machen uns Sorgen, dass wir es bald nicht mehr gestemmt kriegen.« Der ausschließlich über Ehrenamtliche geleistete »Winterdienst«, eine von der Stadt finanzierte Wärmestube an Wochenenden von Oktober bis Ostern, ruht bereits.

Gießen: „Die Brücke“ braucht so schnell wie möglich neue Räume

Was Schmidt als Ausweg skizziert, klingt ein bisschen nach einem verfrühten Weihnachtswunsch. Die »Brücke« müsse schleunigst leer stehende Räume finden, in denen sie Wohnungslose wieder in vollem Umfang versorgen könne. Ideal, erklärt der Diplom-Pädagoge, wären rund 300 Quadratmeter mit »größeren Flächen, Büroräumen und einem Sanitärbereich«, möglichst in der Innenstadt. Die Hoffnung ruhe nun also auf der Suche nach einem »sozial engagierten Vermieter, der dem Diakonischen Werk als verlässlichem Mieter ein entsprechendes Angebot machen kann«.

Die Bahnhofsmission in Gießen ist aktuell zwar geöffnet; es dürfen sich dort aber nur drei Personen gleichzeitig aufhalten. Gäste dürfen höchstens 20 Minuten bleiben. Wer Anzeichen von Erkältung hat, kann nicht eingelassen werden. Besucher müssen Hände desinfizieren, Mund-/Nasenschutz tragen und Abstand halten. »Wir rechnen damit, dass in den nächsten Wochen verstärkt Obdachlose bei uns vorbeikommen werden«, sagt ein Mitarbeiter. (Christian Schneebeck)

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