Wo heute Mehrfamilienhäuser stehen, hat es 1992 eine Hausruine und heruntergekommene Garagen gegeben.
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Wo heute Mehrfamilienhäuser stehen, hat es 1992 eine Hausruine und heruntergekommene Garagen gegeben.

Mord vor 30 Jahren

Obdachlosenmilieu: Streit um Hund „Blacky“ in Gießen endete tödlich

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Vor knapp 30 Jahren erschüttert ein Mord im Oblachlosenmilieu die Stadt Gießen. Das Opfer hatte seinen Hund „Blacky“ misshandelt.

Gießen – Sie sind Begleiter und Beschützer, Freunde und wärmender Familienersatz: Hunde haben für Obdachlose eine besondere Bedeutung. So auch der Rottweiler »Blacky« für Udo J. im Jahr 1992: Der 31 Jahre alte Mann kann es kaum erwarten, dass er den Hund von einem mit ihm auf der Straße lebenden Ehepaar übernimmt, wenn dieses in eine Wohnung zieht. Der frühere Besitzer von »Blacky« hatte das Tier dem Pärchen für 50 D-Mark verkauft, aber danach immer wieder auf den Rottweiler eingeschlagen. Am 27. April - es ist ein Montag - muss Winfried S. dies erneut getan haben. Udo J. will ihm eine Lektion erteilen und prügelt den 39 Jahre alten Wohnsitzlosen in dessen Unterschlupf zwischen Lonystraße und Südanlage zu Tode.

30 Jahre nach Mord zwischen Obdachlosen: „Wohngaragen“ spärlich selbst eingerichtet

Wenn es einen schönen Ort zum Sterben geben sollte - dies ist er sicherlich nicht. 1992 stehen auf dem Areal zwischen Südanlage 10 und Lonystraße 11 keine schmucken Mehrfamilienhäuser, sondern eine Hausruine und abgehalfterte Garagen. Hier haben seit vielen Jahren Wohnsitzlose ihr Nachtasyl aufgeschlagen. Anwohner stören sich an dem nächtlichen Lärm; sie klagen über Gestank und Belästigungen. Der Besitzer des Areals, Habibollah Shobeiri, und Bürgermeister Lothar Schüler sehen keine Handhabe, dort tätig zu werden.

In einer der Garagen - hinten links in der Ecke - wohnt im April 1992 Winfried S. Er hat sich »seine« Garage halbwegs wohnlich hergerichtet und das Bett selbst gebastelt. An einer der Wände hängen seine Habseligkeiten in Plastiktüten in Reih und Glied. In der benachbarten Garage lebt das Ehepaar, an das er »Blacky« verkauft hat. Diese Unterkunft ist ebenfalls mit Sperrmüllmöbeln eingerichtet.

Auf dem Gelände lebt auch Udo J; er bewohnt einen Raum in der Hausruine an der Südanlage. Geboren in der damaligen DDR, war er später als Dachdecker, Brauereiarbeiter und in einem Motorenwerk tätig. Nach Gefängnisaufenthalten und einer gescheiterten Ehe verließ er 1989 die DDR und kam nach Gießen. Zwar fand er in der Region Arbeit als Dachdecker, doch seit September 1990 lebte er als Obdachloser auf der Straße.

Gießen: Wenn Udo J. getrunken hatte, wurde er aggresiv

Sein Leben als Wohnsitzloser muss Udo J. zwiegespalten gesehen haben. Auf der einen Seite sagt er: »Die Freiheit, die mit dieser Art von Leben verbunden war, gefiel mir ganz gut.« Doch später wird er relativieren: »Eigentlich hätte ich lieber Arbeit und eine Wohnung.« Udo J. ist jähzornig. Wenn er das Gefühl hat, provoziert zu werden, geht er auch einer körperlichen Auseinandersetzung nicht aus dem Weg. Besonders dann, wenn er Alkohol getrunken hat. »Dann werde ich aggressiv. Da überlege ich dann nicht mehr, was ich tue«, wird er später einem Psychiater erzählen.

Was er dem Sachverständigen vor dem Prozess gegen ihn schildert, wirkt wie eine Blaupause für das, was in der Nacht auf den 28. April passiert. Gegen 2 Uhr klingelt in der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums Mittelhessen das Telefon. Der Anrufer sagt: »In einer der Garagen, in der Penner Platte machen, liegt ein Mann mit schweren Kopfverletzungen.« Platte machen steht umgangssprachlich für das Übernachten von Wohnsitzlosen. Eine Streifenwagenbesatzung und Sanitäter eines Notarztwagens finden Winfried S. in »seiner« Garage liegend; er ist eindeutig erschlagen worden. Die Gießener Gerichtsmedizin wird später feststellen, dass er schwere Verletzungen an Kopf, Brustkorb und Bauch durch wuchtige Schläge mit einem Kantholz erlitten hatte. Diese Verletzungen führten zum Tod des Obdachlosen.

Obdachloser Udo J. aus Gießen gesteht Tat sofort

Die Fahndung nach dem Täter läuft noch in der Nacht an. Vor Ort sind ein Bereitschaftsstaatsanwalt der Gießener Anklagebehörde, ein Gerichtsmediziner, Ermittler vom Einsatz- und Fahndungskommissariat sowie Beamte vom Kommissariat für Kapitalverbrechen, K 11. Am Morgen übernehmen die Kriminaltechniker vom Erkennungsdienst die »Feinarbeit« der Spurensicherung. Die Polizei vernimmt da schon Nachbarn und nimmt mehrere Wohnsitzlose vorläufig fest. Gegen 6 Uhr klicken auch bei Udo J. in der Innenstadt die Handschellen. Der 31 Jahre alte Mann legt sofort ein Geständnis ab. Dort sagt er dem Vernehmungsbeamten: »Ich wollte Winfried eigentlich nur eine Abreibung verpassen. Aber als ich mit dem Kantholz zuschlug, da hab’ ich die Beherrschung verloren und wohl in Rage zu fest draufgedroschen.«

Bereits am 2. Dezember 1992 wird der Prozess gegen Udo J. eröffnet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Totschlag vor: Mordmotive sieht die Anklagebehörde nicht. Es wird ein kurzes Verfahren: Bereits am dritten Verhandlungstag - zehn Tage später - wird das Urteil gesprochen. Der Prozess kann unter anderem deshalb so schnell über die Bühne gehen, weil der Angeklagte mit offenen Karten spielt.

Udo J. erzählt im Verfahren am Landgericht Gießen, er habe mit seinem »Mitbewohner« in jener Aprilnacht an diversen Kiosken in der Stadt etwas getrunken. Dann seien sie in ihr »Zimmer« im Abrisshaus an der Südanlage gegangen. »Ich wollte mich gerade schlafen legen, da fiel mir wieder ein, dass der Winfried am Abend vor einem Kiosk trotz meinen früheren Warnungen den Blacky wieder mit der Kette verprügelt hatte. Ich mochte den Hund gut leiden, ging öfters mit ihm spazieren.« Winfried S. hingegen habe das Tier häufig misshandelt.

Gießen: Udo J. zu seiner Tat: „Ich dachte zu dem Zeitpunkt gar nichts mehr“

Udo J. zufolge seien sein Kumpel und er deshalb in die Eckgarage gestürmt, in der Winfried S. lebt. In der Hand habe er ein langes Vierkantholz getragen: »Den Knüppel hatte ich als Schutz gegen Überfälle im Zimmer stets neben meinem Lager stehen.« Er habe dem 39 Jahre alten Obdachlosen die Decke weggezogen und ihm auf die Oberschenkel und den Oberarm geschlagen. »Ich warnte ihn, seine Finger von dem Hund zu lassen«, schildert er weiter.

Nach den ersten Schlägen habe er dann sein Opfer von dessen Matratzenlager heruntergezogen, ihn hochgehoben und auf den mit Hartfaserplatten ausgelegten Betonboden fallen lassen, sagt der Angeklagte. Er habe Winfried S. dann in der Garage herumgeschubst und mit Springerstiefeln auf ihn eingetreten. Sein Kumpel warnt ihn noch: »Hör auf, sonst kratzt uns der Winfried noch ab.« Doch in seiner Rage überhört Udo J. diese Worte: »Ich war wütend, ich dachte zu dem Zeitpunkt gar nichts mehr. Ich wollte nur erreichen, dass er Blacky nicht mehr schlägt.« Am Ende zieht Udo J. Winfried S. aus der Garage auf den Hof und übergießt ihn mit Wasser. Dabei soll Udo J. immer wieder »Los, Winfried, komm wieder zu dir« gerufen haben.

Gießen: Blacky blieb nach der Tötung verschwunden

Die Schwurgerichtskammer verurteilt den mittlerweile 32 Jahre alten Obdachlosen zu einer Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge. »Einen Tötungsvorsatz«, sagt der Richter in der mündlichen Urteilsbegründung, »konnte dem Angeklagten durch die Beweisaufnahme nicht nachgewiesen werden.«

Später wird eine Tierschützerin gegenüber dieser Zeitung berichten, der Polizei sei an jenem Abend gemeldet worden, dass ein Hund in dem verfallenen Gebäude an der Lonystraße zum wiederholten Male verprügelt werde. Aktiv geworden seien die Beamten jedoch nicht. Und »Blacky«? Der Rottweiler verschwindet nach der Bluttat spurlos.

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