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Im 2. Stock der linken Hälfte dieses Wohnhauses "Am Steg" schnitt Ryan Z. seinen Opfern die Kehlen durch. 

Mord verjährt nicht

Erinnerungen an Bluttat in Gießener Studenten-WG

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Eines der grausamsten Verbrechen, das Gießen in den letzten 50 Jahren erlebt hat, geschah vor 20 Jahren in einem Wohnhaus in der Straße "Am Steg". Dort richtete ein US-Soldat ein Blutbad an.

Als Richter Holger Gaßmann im Gießener Landgericht das Urteil "Lebenslänglich" für Ryan Z. verkündet, ringt er um Worte angesichts des unfassbar grausamen Tathergangs: "Das Geschehen ist in der Realität eigentlich nicht vorstellbar und entspricht eher den Fantasien eines Horrorschriftstellers", sagt Gaßmann. Er verurteilt er den 26-jährigen amerikanischen Sergeant wegen Mordes, versuchten Mordes, versuchten Totschlags, Vergewaltigung, sexueller Misshandlung und schwerer Brandstiftung.

Es ist die Nacht vom 20. auf den 21. August 1999. In Gießen läuft gerade das Stadtfest. Nach einer langen und zähen Arbeitswoche will der US-Soldat Ryan Z., Chef eines achtköpfigen, in Gießen stationierten Minenräumkommandos, zusammen mit seinem Militärkollegen Joe einen vergnügten Abend erleben. Sie starten in einem Wirtshaus in der Walltorstraße, trinken ein paar Bier in der Innenstadt und ziehen schließlich weiter zur Disko Scarabee in den Riegelpfad. Dort treffen die beiden GIs ein deutsches Studententrio.

Eine 24-jährige Medizin-Studentin, zu der Ryan Z. seit über einem Jahr ein intimes freundschaftliches Verhältnis pflegt, deren 22-jährigen Mitbewohner, sowie einen 24-jährigen Studenten aus dem Münsterland, der mit den beiden jungen Leuten befreundet ist und sie gerade in Gießen besucht. Vom Scarabee aus gehen alle fünf zunächst in eine weitere Gaststätte und danach in die Wohnung der 24-jährigen Studentin und ihres Mitbewohners.

Dort, im zweiten Stock eines größeren Wohnhauses "Am Steg", direkt gegenüber der Tierklinik, wird bei guter Laune zunächst noch weiter gefeiert. Bis die Studentin ein Minicar bestellt, dass die beiden alkoholisierten Soldaten zurück in die Kaserne bringen soll. Allerdings fährt nur Joe mit dem Minicar davon. Ryan Z. trödelt beim Verlassen der Wohnung - und verpasst dadurch das Minicar.

Daraufhin nehmen die brutalen, kaum vorstellbaren Taten ihren Lauf, die am Ende einen Toten und zwei Schwerverletzte fordern - und auch für die Beteiligten im Schwurgerichtsverfahren "eine große Belastung" sein werden.

Spürbar verärgert kehrt der 26-jährige Soldat nach dem Verpassen des Minicars in die Wohnung zurück. Der rund 1,90 Meter große, muskulöse Amerikaner zieht ein Messer und sticht brutal auf die drei Studenten ein. Dem 24-Jährigen aus dem Münsterland schneidet Ryan Z. die Halsschlagader durch - mit so viel Wucht, dass er dem Mann beinahe den Kopf abtrennt. Zusätzlich sticht Ryan Z. ihm ins Herz. Dem 22-jährigen Mitbewohner der Frau rammt der Soldat - über den der damalige GAZ-Gerichtsreporter Bernd Altmeppen später sagen wird, er habe "ein Gesicht wie Formel-1-Fahrer Mika Häkkinen, aber eine Figur wie Boxer Vitali Klitschko" - das Messer tief in den Hals. Wie durch ein Wunder überlebt der junge Mann diese Verletzung.

Auch auf die 24-jährige Medizinstudentin sticht der Soldat ein. Sie flieht zunächst schwer verletzt in ein Zimmer und schließt sich darin ein. Doch Ryan Z. benötigt nur einen Tritt, um dieses Hindernis zu beseitigen. Die Studentin muss nun ein Martyrium durchleben. Ryan Z. fesselt seine Freundin, vergewaltigt sie, sticht mehrfach auf sie ein - in den gesamten Körper, in den Unterleib. Dann wirft er Decken und Kissen über seine Opfer, die er für tot hält, und zündet die Decken an. Die Studentin harrt schwerstverletzt unter der schwelenden Decke aus, bis sie sicher ist, dass der Peiniger die Wohnung verlassen hat. Dann wählt sie mit letzter Kraft den Notruf.

Die Feuerwehrleute und die Rettungsmannschaft treffen vor Ort auf ein Szenario, das sie schier sprachlos macht. Zwischen Qualm und Rauch ist überall Blut. Für den 24-Jährigen kommt jede Hilfe zu spät. Er ist bereits verblutet, als die Retter ankommen. Die beiden anderen Opfer schweben mehrere Tage im Krankenhaus auf der Intensivstation in Lebensgefahr. Ermittler des Landeskriminalamtes suchen in Schutzanzügen am Tatort nach Spuren.

Die Ermittler tappen nicht lange im Dunkeln. Aufgrund seiner Beziehung zu einem der Opfer führt die Spur schnell zu Ryan Z. Schon wenige Stunden nach Auffinden der Leiche und der Schwerverletzten wird der Soldat in seiner Kaserne festgenommen. Der damalige Pressesprecher des Polizeipräsidiums, Kurt Maier, lobt die gute Zusammenarbeit zwischen amerikanischer Kriminalpolizei (CID) und Gießener Kripo, die den schnellen Ermittlungs- und Fahndungserfolg möglich gemacht habe.

Was den US-Amerikaner zu der Bluttat veranlasst hat, kann auch der Gerichtsprozess nicht endgültig klären. "Ein Motiv haben wir selbst mit Unterstützung des psychiatrischen Gutachters nicht finden können", sagt Richter Holger Gaßmann.

Ryan Z. wird von Freunden, Kameraden und Verwandten als "zurückhaltend, zuverlässig und ausgleichend" beschrieben. Auch die überlebende Medizinstudentin, die eineinhalb Jahre mit Ryan Z. intim befreundet war, sagt vor Gericht: "Er war der absolute Traummann für mich. Ich hatte sogar an Heirat gedacht. Es hat mir gut gefallen, dass er immer so ruhig und beherrscht war." Aussagen, die wahrlich nicht zu dem Tatgeschehen vom 21. August 1999 passen. Doch Ryan Z. sei auch verschlossen gewesen und habe nie über eigenen Probleme geredet. Nur einen gewissen Frust über den oft als sinnlos empfundenen Dienst in der Armee habe er zuweilen ausgedrückt.

Hat Ryan Z. vielleicht zu viele Probleme in sich hineingefressen? Lief in jener Nacht "Am Steg" ein Fass über, das schon vor Jahren begonnen hatte, sich zu füllen? Das Gericht findet keine Antwort. Ryan Z., der sich vor Justitia voll geständig zeigt, seine Taten tief bereut und sich bei den überlebenden Opfern entschuldigt, war nicht vorbestraft - und er ist während seiner gesamten Militärzeit nicht ein einziges Mal wegen Übergriffen aufgefallen.

In der Tatnacht "handelte er wie eine Maschine, er guckte durch mich hindurch", sagt seine Ex-Freundin vor Gericht. Die 24-jährige muss sich nach der Bluttat in psychologische Behandlung begeben. Sie zieht aus Gießen weg, wechselt den Studienort. Die Wohnung im Haus am Steg wird renoviert und neu vermietet.

"Wir haben damals in dem gleichen Haus gewohnt, in dem diese schreckliche Tat passiert ist", sagt ein inzwischen 56 Jahre alter Gießener. Ein mulmiges Gefühl habe ihn, seine Frau und seine damals drei Jahre alte Tochter in den Wochen und Monaten nach der Tat beschlichen. Doch Angst habe er nicht gehabt. "Wenn es die Tat eines Verrückten gewesen wäre, der zufällig in eine Wohnung unseres Hauses eingedrungen wäre und die Bewohner dort niedergemetzelt hätte, hätte ich mich eher gefürchtet." Doch es sei ja eine Art Beziehungstat gewesen, weil der Täter mit einer Bewohnerin der WG eng befreundet war, sagt der Gießener. Er und seine Frau hätten in der Tatnacht von dem blutigen Geschehen zunächst nichts mitbekommen. Doch er erinnere sich gut an die Kriminalbeamten, die Spuren in der Wohnung und in der Umgebung des Hauses gesichert haben. "Ein großes Polizeiauto stand tagelang in der Straße." Der Gießener habe sich allerdings gewundert, dass die Polizei nicht alle Hausbewohner als mögliche Zeugen befragt habe.

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