Keine Kreuze, mitunter fremdländische Inschriften und alle Gräber schräg Richtung Südosten gerichtet: Das sind die Kennzeichen des muslimischen Gräberfelds im nordwestlichen Bereich des Neuen Friedhofs. 	FOTO: SCHEPP
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Keine Kreuze, mitunter fremdländische Inschriften und alle Gräber schräg Richtung Südosten gerichtet: Das sind die Kennzeichen des muslimischen Gräberfelds im nordwestlichen Bereich des Neuen Friedhofs. FOTO: SCHEPP

Muslimische Bestattungen

Gießen: 180 Gräber am Friedhof gen Mekka gerichtet

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Seit 25 Jahren gibt es auf dem Neuen Friedhof ein muslimisches Gräberfeld. Mittlerweile gibt es 180 Gräber, mit Aussicht auf Erweiterung. Auf die Erfolgsbilanz fällt derzeit allerdings ein Schatten.

Gießen – Sie hatten Jahrzehnte in Gießen gelebt, doch ihre letzte Ruhe fanden die meisten in der alten Heimat. Als die Stadt 1995 ein muslimisches Gräberfeld auf dem Neuen Friedhof anlegte, war klar, das der akute Bedarf überschaubar war. Doch die Einrichtung galt als wichtiges »Signal für die Zukunft«. Nach 25 Jahren spricht Zeynal Sahin von einer Erfolgsgeschichte. Die Stadt habe Einwanderern damit »Wertschätzung« vermittelt, sagt der Vorsitzende des Ausländerbeirats. In einem Punkt fordert das Gremium allerdings ein Umdenken im Rathaus.

Seit gut einem Jahr schwelt eine Auseinandersetzung über rituelle Leichenwaschungen. 20 bis 25 davon hatte es jährlich in städtischen Räumen auf dem Friedhof gegeben, bevor die Stadt das Angebot einstellte. Die Stadtverordnetenversammlung hat jüngst einen Antrag des Beirats verabschiedet, in dem der Magistrat gebeten wird, Waschungen wieder zu ermöglichen. Eine aktuelle Stellungnahme dazu soll zunächst das Parlament erhalten. Vor einem Jahr führte die Stadt als Begründung strengere Hygienevorschriften und deutlich höhere Kosten an. Sie stellte zugleich in Aussicht, nachzusteuern, wenn der Bedarf sich durch private Anbieter nicht mehr decken lasse.

Gießen: Erneut Waschraum am Neuen Friedhof gefordert

Sahin hofft, dass die Stadt zu akzeptablen Preisen wieder einen eigenen Waschraum bereitstellt. Seiner Einschätzung nach leben derzeit 6000 bis 7000 Muslime in Gießen, Tendenz steigend. Zuletzt wichen sie für die Waschung ihrer Toten auf Bestattungsunternehmen aus. Dies sei mitunter umständlich.

Auf Initiative des Ausländerbeirats reservierte die Stadt 1995 einen großen Bereich in der Abteilung XIV. Sie sei Vorbild für andere Kommunen gewesen, hebt Sahin im GAZ-Gespräch hervor. Alle Grabstätten sind so angelegt, dass die Gesichter der auf die rechte Seite gelegten Verstorbenen gen Mekka gerichtet sind.

Nach drei Jahren zählte man gerade zehn Bestattete, die Hälfte davon Auswärtige, die zufällig bei Gießen verunglückt waren. Vor allem türkischstämmige Tote wurden häufig weiterhin in die alte Heimat überführt. Das lag auch daran, dass ihre religiösen Regeln nicht im Einklang mit hiesigen Gesetzen standen. Erst 2013 schaffte das Land Hessen und in der Folge die Stadt Gießen die Sargpflicht ab. Seitdem wurden zirka 20 Bestattungen im Leintuch »problemlos vorgenommen«, erklärt Magistratssprecherin Claudia Boje.

Gießen: Interesse an muslimischen Gräbern auf dem Neuen Friedhof gestiegen

Schon vor der Gesetzesänderung stieg das Interesse an. Mit 14 Bestattungen wurde im Jahr 2012 erstmals ein zweistelliger Wert erreicht. Die bisher höchste Zahl stammt aus dem Jahr 2018, als 22 Muslime auf dem Feld begraben wurden. Insgesamt befinden sich dort jetzt rund 180 Gräber. »Noch ist etwas Platz vorhanden, wir denken aber über eine Erweiterung nach«, erläutert Boje; eine Fläche Richtung Westen sei noch frei.

Für Pfarrer Bernd Apel, den christlichen Vorstand der Christlich-Islamischen Gesellschaft Gießen, sind muslimische Gräberfelder ein Zeichen für die Normalisierung im Zusammenleben. Eine Gemeinsamkeit: Wie Menschen aus der christlichen Kultur befolgen auch Muslime längst nicht mehr flächendeckend ihre althergebrachten Regeln. Ein Sarg, die Einäscherung, die Bestattung in nicht-muslimischen Friedhofsbereichen oder im Wald - all dies ist keine Seltenheit mehr.

Muslimische Gräber in Gießen: Bindung an die alte Heimat schwindet

Abgesehen von dem aktuellen Konflikt um die Waschungen kämen Politik und Verwaltung in Gießen Muslimen »kulant entgegen«, betont Sahin. Darauf seien sie auch angewiesen. Seit Beginn der Coronakrise seien Überführungen unmöglich. Oft komme eine Beerdigung im Herkunftsland sowieso nicht in Frage, beispielsweise für Flüchtlinge. Insgesamt schwinde die Bindung an die alte Heimat, etwa bei den Kindern und Enkeln von einstigen »Gastarbeitern«.

In Sahins Augen ist das durchaus ein gutes Zeichen: »Wenn man hier beerdigt werden will, zeigt das doch, dass man hier seine Heimat gefunden hat. In diesem Sinne ist die Beisetzung die letzte Instanz der Integration.«

Muslimische Gräber in Gießen: Zentraler Ort für das Totengebet

Seit Sommer dieses Jahres steht ein »Bestattungsstein« an zentraler Stelle im muslimischen Gräberfeld. Darauf wird der Sarg vor der Bestattung aufgebahrt, die Trauergemeinde versammelt sich im Kreis darum und spricht das traditionelle Totengebet im Stehen, erläutert Serkan Görgülü von der Türkisch-Islamischen Ditib-Gemeinde Gießen. Finanziert von den muslimischen Gemeinden in Gießen, dem Ausländerbeirat und Spendern, wurde die Aufstellung von der Friedhofsverwaltung mitorganisiert. »Ein gelungenes Gemeinschaftsprojekt«, sagt die Stadt.

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